Das Lächeln einer Hippietochter, die alles darf: Judith Holofernes und der Rest der Helden

Foto [M]: LABELS Germany

Ihr rot geringeltes T-Shirt sieht aus, als hätte sie es seit Tagen an. Die unfrisierten, blonden Locken scheinen gleichermaßen nach Kopfkissen und nach Vanille zu duften. Auch dieses Lächeln, das sie auf allen Fotos trägt, hat eine Botschaft für uns parat: liebenswert, aber auch forsch, „natürlich“, sagte man früher. Das Lächeln einer Hippietochter, die alles darf und nichts muss.

Mädchen wie Judith Holofernes brauchen ihn nicht, unseren Leistungsglauben, der uns Arbeit suchen lässt, damit wir kaufen können, sodass wir schöner werden, weil wir doch Arbeit finden müssen. Judith Holofernes hat mit ihren 26 Jahren beschlossen, dass sie auch ohne Leistungsdruck erfolgreich sein wird. „Das ist das Land der begrenzten Unmöglichkeiten“, singt sie in ihrem aktuellen Hit, der zurzeit in jedem Radio zwischen Aachen und Eisenhüttenstadt rauf- und runterläuft. „Wir können Pferde ohne Beine rückwärts reiten, wir können alles, was zu eng ist, mit dem Schlagbohrer weiten.“ Kernige Botschaften schon zum Frühstück, als atemloser Protestsong vorgetragen. Man erkennt die Zutaten: verknappte Gitarren, ein bisschen Neue Deutsche Welle-Revival, ein bisschen Beat-Schlager, kühle Elektronik und treibender Punk. Man erkennt die Melodie – und horcht trotzdem auf.

Es ist die gute alte Konsumkritik, die hier für eine neue Generation aufbereitet wird, entstanden in Kinderläden und auf Stadtbauernhöfen, den Kindheitsszenarien der Judith Holofernes, weitergegeben durch Mütter, gegen die nicht mehr aufbegehrt werden muss, weil sie ja Recht behalten haben – gerade heute, wo doch Rezession ist. Gesellschaftskritisch gab sich bereits Guten Tag, eine Hymne gegen Mobiltelefone, Nagelpflegelotion und sanfte Epilation. Nach demselben Muster funktionieren die meisten der Lieder, die jetzt auf dem ersten Album Die Reklamation zu hören sind. Eingespielt wurde sie von Holofernes’ Band, die trotzig Wir sind Helden heißt: Helden, wie damals bei David Bowie und den Kindern vom Bahnhof Zoo. Von ungelebtem Leben ist die Rede, das man an der Theke umtauschen möchte, von Zwängen und wie man dem Müssen nur wollen entkommt.

Wir sind Helden rühren an die Sehnsüchte der Verzagten: an die, die täglich mit Botschaften vom Ende der Arbeitsgesellschaft gefüttert werden, die ohne die Aussicht studieren, an den Lebensstandard ihrer Eltern anknüpfen zu können. Warum also nicht streiken, wenn auch nur symbolisch, mit einem Song? Dann ist da noch das Heer der Werber und Journalisten, das, vor allem, wenn bereits arbeitslos, in den Krisenblues mit einstimmt. Wir Sind Helden holen beide Milieus ab. Auch dass sie aus der alten neuen Hauptstadt kommen, ist kein Zufall. Es gibt kein Fleckchen Erde, das als Inspirationsquelle für den Sound der Rezession besser taugt als Berlin. Nirgendwo sonst schlendern mehr Unbeschäftigte, Unterbeschäftigte, Arbeitsuchende durch ihr von Marginalisierung bedrohtes Leben. „Dotcomsterben, doch nichts erben, Brot erwerben, Traum in Scherben“, macht Judith Holofernes sich einen Reim auf das Unbehagen, macht es radikal schick und damit repräsentativ.

Denn natürlich ist es nicht das traditionelle Berliner Losertum mit seiner Gleichung Einfaltspinsel = Ausfallspinsel (Thomas Kapielski), das hier beschworen wird. Jungen Wilden wie Wir sind Helden oder auch der Band Mia, die im letzten Jahr ähnlich viel Aufmerksamkeit erregten, geht es um Musik für die Massen. Während die alten Club- und Projektmacher selbstzufrieden vor sich hin murkelten, betreibt ihre Konsumkritik die Sanierung der neuen Bedürfnislosigkeit zum Verkaufsschlager. Die Stadt der verarmten Bohème als Inszenierung auf der Zeitgeistbühne: Es sind die flotten Achtziger und ihre Mythen, die hierzu noch einmal recycelt werden, New Wave und Ideal, Großstadtnacht und große Gesten. Immerhin: Es war eine Zeit, in der viele deutschsprachige Bands ohne Plattenverträge bei den großen Firmen erfolgreich waren. Vielleicht wird der Independentgedanke – Wir sind Helden sind bei einer unabhängigen Firma – angesichts von Umsatzrückgängen bei den Majors eine neue Blüte erleben. Das ist die erfreuliche Seite des Erfolgs.