Viele Jahre hatte Anthony van Raan nach Dornröschen gesucht. Im Sommer vergangenen Jahres fand er es endlich, im Department of Physics der kalifornischen Universität Santa Barbara. Dort hatte ein Nachwuchswissenschaftler 1986 eine Abhandlung über die so genannte String-Theorie geschrieben. Mehr als zehn Jahre blieb der Aufsatz ohne jede Resonanz. Kein anderer Forscher zitierte ihn. Er schlief.

Dann plötzlich begannen sich Physiker in der ganzen Welt für die Erkenntnisse des amerikanischen Kollegen zu interessieren. Die Zahl der Fußnoten, in denen sich andere Wissenschaftler auf den Aufsatz bezogen, schoss in die Höhe. Dornröschen war erwacht und wurde fruchtbar. Dem geistigen Vater der Schönheit indes nutzte es wenig. "Der Wissenschaftler hatte sich aus Enttäuschung längst anderen Themen zugewandt", sagt van Raan.

"Typisch", werden nun alle sagen, die van Raans Arbeit nicht besonders schätzen: Nur weil eine Publikation lange Zeit nicht zitiert wird, heißt das nicht, dass sie ohne Relevanz ist. "Stimmt", antwortet van Raan. Es gebe tatsächlich wissenschaftliche Aufsätze, die erst nach vielen Jahre entdeckt und zitiert werden. "Aber sie sind sehr selten."

Um sein Dornröschen zu finden, schickte van Raan immerhin eine Million Publikationen, die zwischen 1980 und 2002 erschienen waren, durch die Computerprogramme. Die meisten Zeitschriftenartikel wurden in den ersten fünf Jahren nach Erscheinen zitiert. Nur jeder tausendste Aufsatz wurde später entdeckt. Nach zehn Jahren blieb nur ein einziger Spätzünder übrig: die Publikation aus Santa Barbara. Ein Drittel der Aufsätze dagegen wurde niemals zitiert: "Diese Dornröschen waren klinisch tot."

Anthony van Raan pflegt eine seltene Wissenschaft – die für viele andere Forscher und Universitäten und deren Renommee, Geld und Zukunft jedoch eine zunehmende Bedeutung hat. Van Raan ist Bibliometriker, in Europa wohl der bedeutendste. Etwas respektlos könnte man ihn auch einen Fußnotenzähler nennen. Denn das ist die Hauptarbeit des Professors und seiner Mitarbeiter an der Universität Leiden: Sie schauen, wie oft wissenschaftliche Publikationen in anderen wissenschaftlichen Publikationen erwähnt werden, und ziehen daraus Schlüsse.

Zunehmend mehr Institutionen in aller Welt finden diese Befunde aufschlussreich. Die Universität Nijmegen möchte eine Fakultät evaluieren lassen; das Bundesministerium für Bildung und Forschung interessiert, wie die medizinische Forschung Deutschlands im internationalen Vergleich abschneidet, die EU sucht die wichtigsten Forschungszentren in fünf so genannten Zukunftswissenschaften. Und stets liefert das Leidener Centre for Science and Technology Studies, holländisch abgekürzt CWTS, die notwendigen Daten.

Bei ihrer Arbeit stützen sich van Raan und seine Mitarbeiter auf ein Prinzip, das man als erlaubten geistigen Diebstahl bezeichnen könnte. Wenn Wissenschaftler sich bei den Erkenntnissen anderer Wissenschaftler bedienen, machen sie das – wenn sie ehrlich sind – kenntlich durch einen Hinweis in einer Fußnote.

Für den zitierten Forscher gilt der Verweis, auch Zitation genannt, als Anerkennung: Seine Publikationen werden registriert, seine Einsichten als interessant bewertet. Je häufiger ein Forscher zitiert wird, desto größer sein Einfluss, desto höher die Qualität seiner Arbeit. Das ist die ebenso einfache wie faszinierende Grundidee der Bibliometrie. "Die Details jedoch sind furchtbar kompliziert", sagt van Raan.