Genau genommen war meine Doktorarbeit mein erstes Buch. Aber als ich an dieser Untersuchung über Das Ironische und die Ironie in den Werken Thomas Manns saß, dachte ich kaum daran, dass daraus einmal ein Buch für den Buchhandel, für Leser außerhalb des Wissenschaftsbetriebs werden könnte, wie schon der gravitätisch umständliche Titel andeutet. Was ich auf meiner kleinen Erika-Schreibmaschine, Modell 1940, auf 300 Seiten heruntergehackt hatte, wurde nach der Promotion in kleiner Sparschrift auf Matritzen abgeschrieben und dann hektographiert, in 40 Exemplaren abgezogen und zusammengeleimt, und in dieser ärmlichen, auf 150 engbedruckte Seiten geschrumpften Aufmachung lagert die Dissertation, immer hoffnungsloser vergilbend, noch heute in einigen Universitäts- oder Landesbibliotheken. Ein Buch ist daraus erst zehn Jahre später, also 1964 geworden, und dieses Druckwerk in der von Walter Höllerer bei Hanser herausgegebenen Reihe "Literatur als Kunst" war genau genommen eine leserfreundliche Fälschung. Sechs Wochen lang hatte ich als mein eigener gnadenloser Lektor den alten Text zurechtredigiert, gekürzt, befreit von allem germanistischen Jargon und damit verschlankt auf gut zwei Drittel seines ursprünglichen Umfangs. Man hält diese Dissertation seitdem für besonders klar, ja elegant geschrieben – schön, aber es ist eben nicht mehr meine Dissertation, sondern ein Gemeinschaftswerk des Doktoranden und des Lektors Baumgart.

Thomas Mann hatte den Text noch in seiner ursprünglichen Fassung gelesen – oder sagen wir vorsichtiger: angeschaut – und gepriesen, wie er freundlich und vorsichtig fast alles lobte, was ihm ins Haus geschickt wurde. Er war also der erste große, übergroße Autor, mit dem ich in Kontakt kam, von anderem Format als Erich Kästner oder Wolfgang Bächler, Zuckmayer oder Hans Egon Holthusen, die ich schon mehr oder minder flüchtig erlebt hatte. Schon diese wirre, unzusammenhängende Reihe von Namen zeigt wieder, wie zufällig nicht nur meine ersten Lektüren und unsere Begeistungen in den ersten Nachkriegsjahren waren, sondern wie zufällig auch die Begegnungen mit leibhaftigen Autoren. Aber Thomas Mann hatte ich schon 1949 zum ersten Mal gesehen, gehört, erlebt, an einem glühend heißen Julitag in München, und eine leibhaftige Legende war er schon damals.

Die Münchener Prominenz war eingeladen in den Saal des Bayerischen Wirtschaftministeriums in der Prinzregentenstraße, wo der große Emigrant eine Rede über Deutschland und die Deutschen halten sollte – keine Chance also für die Hilfskraft am Historischen Seminar, da zugelassen zu werden. Doch der Dichter und Zeichner Ernst Penzoldt, der als junger Autor Thomas Mann noch in den dreißiger Jahren im ersten Schweizer Exil besucht hatte, versorgte mich nach Fürsprache seiner Tochter mit einer Stehplatzkarte. Und so radelte ich, eine schwarze Jacke auf den Gepäckträger geklemmt, die acht Kilometer von Pasing hinein nach München, durch in der Mittagshitze flimmernde weite Weizenfelder, die damals den Vorort noch trennten von der Stadt. Im übervollen Saal stand die Luft noch heißer, stickiger als draußen in der Sonne, als der große Mann ans Pult trat, in dunklem Anzug mit grauer Weste, vor dem weißen Hemd ein Plastron mit festlich draufgesteckter Perlennadel.

Das Salz der Ironie

Da hörte ich sie zum ersten Mal, die helle, fast singende lübeckische Stimme, die in weit ausschwingenden Satzbögen einen Text vortrug, der das Deutschlandbild des Doktor Faustus im Format eines Essays entfaltete, dieses Panorama deutscher Kultur in leuchtenden und düsteren Farben, in dem sich festlich die Exempel häuften für Glanz und Schuld und Sühne von Luther bis Nietzsche, für die schreckenerregende Zweideutigkeit dieses faustischen Landes. Ich hörte die helle Stimme, die zwielichtige Botschaft, sah die Bewegtheit und Steifheit des großen Herrn und Autors, die Rinnsale von Schweiß auf dem geröteten Festrednergesicht und das große weiße Tuch, mit dem er in kurzen Redepausen diese Peinlichkeiten abtupfte. Wir alle waren ergriffen und doch erheitert, wie angesichts einer großen Theatervorstellung. Damals schon könnte sich, unbewußt, halbbewußt, in mir der Wunsch festgesetzt haben: über diesen großen Fremden möchte ich einmal schreiben.

Viel näher bin ich ihm als Person nicht gekommen, als ich dann über sein Werk nachzudenken und zu schreiben begann und auch zu einem kleinen Briefwechsel mit ihm zugelassen war. Denn er beantwortete höflich alle demütigen Anfragen, in eigener Handschrift, seltener mit wohl von Frau Katia hergestellten Maschinenschreiben. Höflich wich er aus, wenn eine Frage ihm und seinem Schreiben zu nahe trat, aber großzügig formulierte er auch unerwartet Neues für den jungen Doktoranden, über Ironie und seinen Gebrauch von ihr. Die sei nun einmal, so zitierte er Goethe, das Salz, das alles Aufgetischte erst genießbar mache. Aber eigentlich, das ließ er spüren, mochte er diesen Begriff nicht mehr, der ihn an den ewigen Vorwurf erinnerte, daß er ein kalter Mensch und Autor wäre, unherzlich distanziert, untief und undeutsch, kein Dichter eben. Humorist wollte er folglich sein, nicht Ironiker. "Der Humorist lustwandelt in der Unendlichkeit", hätte Schnitzler zum Zauberberg notiert, auch das teilte er mir mit. Manchmal hatte ich den Eindruck, ich müßte ihm gut zureden zu sich selbst, und das erwarte er sogar.

Sind Ihre Lehrer auch so gescheit?

Als ich fast schon fertig war mit meiner Dissertation, jedenfalls alle meine Fragen geklärt schienen, und Thomas Mann wieder in München auftrat, waren wir vage verabredet für eine Audienz in der Halle des Vier Jahreszeiten. Was sich zerschlug, auch zu meiner Erleichterung. Hätte ich mehr erlebt als den zurückhaltenden Repräsentanten seiner selbst, den so viele der kurz Vorgelassenen schildern? So war ich hochzufrieden, ihn noch einmal, noch intensiver, noch zweideutiger aus der Ferne und auf einer Bühne zu erleben, als er in den Münchener Kammerspielen die Begegnung von Felix Krull mit Professor Kuckuck las, diese humoristische Vision der Entwicklung des tierischen und menschlichen Lebens auf der Erde, die dem jungen Hochstapler die Augen öffnet für die Natur als Spiel und Schauspiel ewiger Verwandlung, das er klammheimlich ja auch betreibt.