Der letzte Text von Reinhard Baumgart handelt von Beckett. Die Rezension war die letzte, die wir in diesem Frühjahr vereinbart hatten. Das Manuskript mit seinen Lebenserinnerungen, aus denen wir auf der folgenden Seite eine Episode über seine Begegnung mit Thomas Mann drucken, hatte Reinhard Baumgart gerade im Verlag abgegeben. Was sich dann ereignete, meint man in einem der Essays von Reinhard Baumgart schon einmal gelesen zu haben: "Der Verfasser setzt einen letzten Punkt, wirft sein Werk weit von sich und fliegt mit Leib und Leben in die Luft." Reinhard Baumgart starb am Dienstag vergangener Woche im Alter von 73 Jahren völlig überraschend am Lago Maggiore.

41 Jahre lang hat er in der ZEIT Literaturrezensionen, Film- und Theaterkritiken und Essays geschrieben. Seine erste Kritik – über das Debüt von Reinhard Lettau –, bereits im unverwechselbar eleganten Baumgart-Ton verfasst, erschien im Mai 1962. Sein Repertoire war atemberaubend. Neben seinen Hausgöttern – Thomas Mann, Bertolt Brecht, Ingeborg Bachmann, Uwe Johnson, später kam noch Brigitte Kronauer dazu – enthält es nahezu alle bedeutenden Autoren der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Da ihm Extremismus in jedem Sinn zu kurz griff, stand Samuel Beckett seinem Kritikerherzen nicht am nächsten. Dennoch lesen sich die letzten Sätze seiner letzten Kritik über den "letzten Heiligen" wie ein nachgelassenes Selbstporträt. Einen Unzeitgenossen, einen großen Einzelgänger wird man auch Reinhard Baumgart nennen müssen.

1929 in Breslau geboren, Abiturient in Schwaben, Student in München, Glasgow, Freiburg, nimmt sein Leben sehr früh durch seine Heirat eine geradezu Thomas-Mannsche Wendung, die den jungen Verlagslektor und Schriftsteller nicht nur mit einer Münchner Villa, einer Schwabinger Künstlerklause und den Annehmlichkeiten einer großbürgerlichen Lebensführung, sondern vor allem mit einer lebenslangen glücklichen und kinderreichen Ehe beschenkt.

So wundert es nicht, dass es Thomas Mann, namentlich dessen Ironie war, die den jungen Baumgart zu einer ingeniösen Doktorarbeit – und mehr als das, zu einem Ton ganz eigener Delikatesse und Ironie – inspirierte. Denn nichts war Reinhard Baumgart ferner als das Glatte, das Eindeutige und Zugespitzte. Für Übertreibung, Polemik und Pointe, die bewährten Stilfiguren einer journalistischen Didaktik, hatte er zu gute Manieren. Das Superfrische und Muntere des jüngsten Journalismus fand genauso wenig seinen Beifall wie das Eifernde und Entschiedene des alten. Der Großkritiker war ihm eine letztendlich ordinäre Erscheinung, eine Figur "von Beckmessers Graden", versessen auf "Einzelfehler", kurzsichtig für Zusammenhänge, jemand, der ohne Not in "schlechtem Bürodeutsch" über die vornehmste Sache der Welt schreibt, über Literatur.

Man wird in den Hunderten von Kritiken, den großen Essays, die Baumgart vor rund zehn Jahren unter dem Titel Deutsche Literatur der Gegenwart gesammelt und herausgegeben hat, nicht eine Floskel, nicht einen Satz abgestandener und pompöser Kritikerprosa finden. Alles ist noch gedankenwarm aufs Papier gebracht worden, affiziert bis in den letzten Satzmuskel von seinen Gegenständen. Es war der Schriftsteller im Kritiker, der Autor der frühen Romane Der Löwengarten und Hausmusik. Ein deutsches Familienalbum, der Erzählungen Panzerkreuzer Potemkin und Glück und Scherben, dem das Schreiben und Lesen vor aller Eitel- und Gelehrsamkeit eine "Herzenserfahrung" war. Das unterschied ihn von den Germanisten, zu denen er als spätberufener Professor an der Technischen Universität Berlin durchaus gehörte. Doch die "tragikomische Entfernung" dieser Profession vom Objekt ihrer Bemühungen war ihm nicht weniger dubios wie die Schrillheit der Journaille. Es war der höhere, der ironische, der versöhnende und auch ein klein wenig Starnberger-See-hafte Standpunkt, der ihn vor der Enge, der Aufgeregtheit und Verkrampfung jedes bürgerlichen Berufsidiotentums bewahrte.

Die erstaunlichste unter seinen vielen erstaunlichen Begabungen: er war nie ungerecht. Seine Gabe, sich an Grenzen des Lebens und der Literatur nicht wund zu stoßen, sondern sie zu überschreiten, nicht im Stehen, sondern im Schweben zu denken, hat ihm manche Härte, auch die des enragierten Irrtums erspart. Was seinem freizügigen Geist, seinem weitherzigen Blick kleinlich, kleinbürgerlich widersprach – das genial Verkrampfte eines Arno Schmidt, die abgründige Verbohrtheit eines Reinhard Jirgl, die schrille, hysterisierte Poesie einer Susanne Riedel, die besorgte Ehrpusseligkeit eines Walter Kempowski –, blieb am Rand, verschont: "Auf dieser Wellenlänge empfange ich nicht."

Der Verschonte und der Schonende, wie er Tonio Kröger in seiner großartigen Studie Selbstvergessenheit nannte, das ist er. Das war er. Gegensätze aushaltend und verstehend, die keiner mehr verstand, Gräben auflösend, in denen sich die Meute verschanzt hatte. Ein Meister des Oxymorons, in dem seine Höflichkeit und seine Großzügigkeit ihre kongeniale Sprache gefunden hatten.

"Gestaltlose Präzision", "gespenstische Heiterkeit", "trunkene Nüchternheit", "freundliche Hinterhältigkeit" – solchen Widerspruch konnte er nicht nur zusammenschreiben, sondern auch zusammendenken – bis zuletzt. Die letzten Worte seiner letzten Veröffentlichung auf dieser Zeitungsseite heißen: diese nahe Ferne. Das ist mehr als ein Vermächtnis. Es ist der Schlüssel zum großen Herzen eines unserer größten Kritiker, Einzelgänger, Unzeitgenossen. Wir werden ihn sehr vermissen.