Jahrelang vorbeigefahren! Eine Erzählung über die wundersamen Ereignisse in Ostwestfalen beginnt mit einem Geständnis, einer Entschuldigung, einem kopfschüttelnden Lachen: Ostwestfalen! Wir hatten diesem Zipfel Deutschlands nicht genug zugetraut, demütig ist nun zu berichten; von exaltierten Sommervergnügungen, erfrischenden Ideenduschen, aufwühlenden Gesprächen über Literatur, Musik und Kunst. Hat da einer Provinz gesagt? Und jene Quadratkilometer gemeint, die autobahnumzingelt zwischen Hameln und Paderborn, Bielefeld und Warburg liegen? Nun, dort schmückt in diesen Tagen die international gefragte Aktionskünstlerin Jenny Holzer einen Wald und seine Bäume mit Gedichten!

Im Schloss Wendlinghausen sprechen die dänische Autorin Inger Christensen und der Schweizer Architekt Peter Zumthor über Palladio und die Fresken von Andrea Mantegna. Im Kurort Bad Driburg steht der libanesische Dichter Fuad Rifka und erzählt von Hölderlin. Im Gutspark Böckel, wo einst Rilke spazieren ging, hat der gefeierte russische Installationskünstler Ilya Kabakov mit seiner Frau Emilia eine schwindelerregende Leiter von 16 Meter Höhe errichtet, und obendrauf ist einer und schaut in die Wolken. Ohrenabenteuer allenthalben, neue Kompositionen erleben ihre Uraufführung. The Land goes Metropole.

Die Sommervergnügungen, von denen zu erzählen ist, tragen Namen wie "Neue ›alte‹ Gärten", heißen "Rauminszenierungen", sind bekannt als "Wege durch das Land", eine Veranstaltungsreihe, die zum Wagemutigsten im literarischen Deutschland zählt. Es sind keine Veranstaltungen, zu denen man mal eben aufkreuzt, flugs nach Büroschluss statt Kino. Man muss sich schon ein Wochenende freischaufeln. Hotel buchen, packen. Durchatmen! Und hört auf einmal, mit ein bisschen Hilfe der Deutschen Bahn, jenes wunderbare Geräusch, mit dem die Seele knirschend in einen langsameren Gang herunterschaltet.

Zug in Altona – verspätet eingesetzt! Signalstörung schon beim nächsten Halt in Harburg! Weiterfahrt in frühestens 30 Minuten … So geht das, bis irgendwann keine Anschlüsse mehr zu kriegen sind, macht nichts. Was war noch das Ziel? Detmold? Man reist jetzt nur, einfach weiter, am besten über Hameln, sagt jemand, wo das wohl liegt, nehmen Sie die Strecke über Höxter, auch schon mal gehört. Wo sind wir? "Altenbeken!"

"Sämtliche D-Züge hatten hier zehn Minuten Aufenthalt", schrieb Arno Schmidt über Altenbeken, es erinnerte ihn an einen "jener Riesenbahnhöfe ohne Ort", an denen man als Kind erwartete, "irgend ein technoides Wunder zu sehen, einen fliegenden Menschen oder einen versteinerten, oder so etwas". Aber wir greifen vor. Zu Arno Schmidt sollen die "Wege durch das Land" ja erst Ende Juli führen, wenn Bruno Ganz im Lokschuppen Die Umsiedler liest. Heute flattschen in Altenbeken rudelweise Schüler mit rutschenden Hüfthosen hinter einem Zug her, der, grausam beschleunigend, aus dem Bahnhof zieht. Crescendo der Heuler! Und – das technoide Wunder! Der Zug hält! Der Schaffner schiebt die Mütze hoch: Bad Driburg? Anschluss in einer Stunde…

Bad Driburg liegt nur einen Katzensprung hinter dem Berg. Dort steht, inmitten der Kuranlage auf der Bühne des gräflichen Theatersaals, im Frühsommer dieses Jahres, der libanesische Dichter Fuad Rifka und sagt: "Es hat sich gelohnt, 6000 Kilometer zu fahren, um hier zu sein, wo Friedrich Hölderlin und Diotima die heilige Liebe erlebt haben."

Einmal Beirut–Bad Driburg! In Driburg am Hang des Teutoburger Waldes haben im August des Jahres 1796 der Hauslehrer Friedrich Hölderlin und Susette Gontard, die Mutter seiner Schüler, Zuflucht gefunden, auf der Flucht vor den Truppen Napoleons und der Familie. Zu Hause sein, beieinander, acht Wochen lang! Und hier erzählt Fuad Rifka, wie er "ein Zuhause im deutschen Denken" fand – über die Dichtung. Die Frage ist, was kann für einen 70-jährigen Mann, der als Kind das Heimatdorf in Syrien verließ, um mit seinen Eltern in den Libanon zu ziehen, nach Tripolis, zum Sehnsuchtsort amerikanische Schule, der dann Jahre später, im Haus des Goethe-Instituts, eine englische Übersetzung von Rilke in die Hand bekam und endlich fühlte, dass er bei sich angekommen sei, was mag für den Heimat sein? Rifka liest eines seiner Gedichte: "Grenzen / Sperren, / Drähte / Reisepässe. / Und bis zum Ende der Erde / ohne Mauern / schwebt die Schwalbe, / schweifen die Füchse."