Machen Sie ein Buch daraus", lautete der Rat eines Journalisten an Autor Henning Sietz. Das Thema ist allerdings brisant und das Aufspüren der Ermittlungsakten ein halbes Jahrhundert nach der Tat eine Trouvaille.

Die Tat: Am 27. März 1952 explodiert im Kellerraum K 001 im Münchner Polizeipräsidium ein an Kanzler Adenauer adressiertes Paket. Der Sprengmeister, der es vorschriftswidrig vor der Öffnung nicht durchleuchten lässt, kommt dabei ums Leben. Die Sache erregt Aufsehen, eine Kommission aus bayerischem LKA, BKA, der neuen Sicherungsgruppe Bonn nimmt die Ermittlungen auf. Kurz darauf werden zwei weitere Briefbomben, adressiert an die deutsche Delegation bei den Wiedergutmachungsverhandlungen mit Israel im Haag, rechtzeitig entdeckt und entschärft. Eine "Organisation jüdischer Partisanen" erklärt in ihrem Bekennerschreiben: "Die Welt soll wissen, dass das jüdische Volk niemals die Rückkehr der Deutschen in die Gemeinschaft der Völker zulassen kann." Damit enden die veröffentlichten Informationen schon. Fortan wird von deutscher Staatsseite ein Mantel des Schweigens über die Vorgänge und Ermittlungen geworfen.

Im Frühjahr 1952 will Adenauer ein Wiedergutmachungsabkommen mit Israel zuwege bringen. Ein solches Abkommen ist dort, so lebensnotwendig die deutschen Devisen für das Überleben des Staates auch sind, sieben Jahre nach dem Untergang des "Dritten Reiches" hoch umstritten – noch viel umstrittener, als Sietz deutlich macht. Golda Meïr etwa erklärte: "Meine Einstellung ist durchaus rassistisch. Für mich ist jeder Deutsche im Nachhinein ein Nazi." Und Menachem Begin, der frühere Chef der Geheimorganisation Irgun und Führer der Cheruth-Partei, der Vater und Mutter im Holocaust verloren hatte, rief in der Knesset: "Jeder Deutsche ist ein Mörder. Adenauer ist ein Mörder. Alle seine Helfershelfer sind Mörder!"

Früh zeichnet sich ein jüdischer Täterkreis bei dem Attentat auf Adenauer ab. Der Kanzler erkennt die Brisanz und reagiert besonnen: "Für mich ist das die Tat eines Verrückten. Ebenso wie jeder anständige Deutsche es ablehnt, mit den Wahnsinnstaten sadistischer Gestapoleute identifiziert zu werden, lehne ich es ab, das Judentum mit dem blödsinnigen Fanatismus eines einzelnen zu belasten, nur weil dieser zufällig Jude ist."

Verrückt waren die Hauptverdächtigen, die beiden Brüder Abraham und Josef Kronstein, allem Anschein nach jedoch nicht – sondern Juden, die den Folgen des NS-Rassenwahns ausgesetzt gewesen waren, den eigenen Vater im Zug nach Bergen-Belsen verloren hatten, nach dem Krieg Verbindungen zu Begins 1948 in Israel verbotener Terror-Organisation Irgun knüpften. Ihnen standen Ermittler gegenüber, die teilweise dem Umfeld von Heydrichs Reichssicherheitshauptamt entstammten – eine in der Tat bizarre, aber in der Nachkriegsära keineswegs einmalige Konstellation.

Die wechselnden Ermittler ermitteln, ohne sich der politischen Brisanz des Falles wohl je ganz bewusst zu werden, hoch professionell, sogar Speichelproben werden zur Bestimmung der Blutgruppe des Täters einer nach der Explosion erhalten gebliebenen Briefmarke entnommen! Allein, zu einer Anklage kommt es nie. Die Verdächtigen tauchen in Israel unter, ein Auslieferungsabkommen existiert nicht. 1978 wird die Akte geschlossen.

Das ist der Kern des Geschehens. Doch Henning Sietz rührt um diesen Kern herum eine schwer genießbare, schier endlose Melange an, leuchtet noch jede Sackgasse der Ermittlungen ausführlich aus, verläuft sich zunehmend im Labyrinth der Geheimdienste und Terror-Organisationen. Von der vom Verlag vollmundig angekündigten "Sensation" keine Spur. Im Gegenteil, am Ende gilt, vom Autor selbst eingestanden: Der Vorhang zu und viele Fragen offen.