Qual: welch kurzes Wort, zu beschreiben, was das wirklich bedeutet. Lausige vier Buchstaben. Das ist doch viel zu wenig. Vor allem heute, jetzt, in diesem Moment. In diesem Moment ist es heiß. Sehr heiß. Die Sonne brennt, kein Schatten weit und breit, bloß Straße vor mir. Ein dunkles Band, das sich verjüngt, um irgendwo zu verschwinden. Dort liegt die nächste Spitzkehre. Dort wird ein Schild stehen, wie in jeder dieser 21 Haarnadelkurven. Die Tafel sagt, wie viele Kurven noch zu schaffen sind, bis man oben angekommen ist. Oben, das ist der kleine Ort Alpe d’Huez, 1850 Meter über dem Meer gelegen. Aber oben, das ist weit, weit weg. Auf jeder Tafel prangt die Höhe, auf die man sich bereits hochgeschraubt hat. Jede Tafel ist einem Gewinner gewidmet, einem Gewinner jener wohl schwierigsten Bergetappe unter den extrem schwierigen Bergetappen der Tour de France. Kurve 14, zum Beispiel, gehörte Beat Breu – bei Kurve 14 ging es mir noch gut. Und auf jeder Tafel prangt zudem groß und fett das Wappentier der Region: ein Murmeltier. Je höher man steigt, desto mehr scheint das Murmeltier zu grinsen. Bei der letzten Spitzkehre, Kurve Nummer acht, da hatte ich das Gefühl, dass es mich auslacht, höhnisch, während mir der Schweiß ins Auge läuft, zuerst in das linke, dann in das rechte. Es brennt wie Säure und schnell muss ich mit dem Wasser aus der Trinkflasche die Augen ausspülen. Nicht ganz so einfach, wenn man weitertreten muss in die Pedale, halbwegs geradeaus, hoch den Berg, damit man nicht still steht und umfällt. Denn oben in Alpe d’Huez wird tüchtig gebaut, und so donnert ein Sattelschlepper nach dem anderen mit einer Baumaschine hintendrauf an mir vorbei, Staub aufwirbelnd, stinkend, hoch in den sommerlich dösenden Wintersportort, die 35000-Betten-Burg, die trutzig oben am Hang klebt wie die Tat eines Wahnsinnigen oder ein Mahnmal der Architekturverbrechen der siebziger Jahre.

13 Prozent Steigung, sagt mir mein Radcomputer. Vorsorglich – es könnte einem ja entgehen – hat es auch jemand mit weißer Farbe auf die Straße gemalt: 13 Prozent. 13 Prozent, das ist ziemlich steil. Für mich jetzt ein bisschen zu steil, und ich weiß, viel Entspannenderes wird bis oben nicht mehr kommen. Das ist das Gemeine an diesem Aufstieg, das macht ihn so hart, so böse, deshalb ist er zu einem Mythos geworden, zu einer der drei immer wiederkehrenden großen Scharfrichter der Tour nebst Mont Ventoux und Tourmalet: Er kennt kein Flachstück, keine Verschnaufpause, nur Steigung. Es ist der Ort, seinen Meister zu finden. Ganz wie der Philosoph Roland Barthes in Mythen des Alltags schreibt: "Die Tour verfügt über echt Homerische Geographie. Wie in der Odyssee ist das Rennen zugleich eine Rundreise mit Prüfungen und eine vollständige Erforschung der irdischen Grenzen."

Ich habe mich vorbereitet. Und wie ich mich vorbereitet habe. Bis vor einem halben Jahr war das Fahrrad für mich ein ideales Fortbewegungsmittel für die Stadt. Nie saß ich länger auf einem Sattel als 20 Minuten. Wieso auch? Doch seit einem halben Jahr ist alles anders. Ich hatte entschieden: ich wollte Lance Armstrong werden. Ich wollte, wie der große Held, Dominator und Gewinner der letzten vier Tours, den Berg bezwingen. Nun ja, natürlich nicht wirklich, aber ein bisschen schon. Ich wollte nicht einfach den ganze Juli vor dem Fernseher sitzen und die Tour de France glotzen, ohne eine Ahnung davon zu haben, wie sich das in Wirklichkeit anfühlt, die Tour. Außerdem war ich zu dick und kam in ein Alter, in dem man nur noch dicker werden würde. Also kaufte ich mir für 15,90 Franken ein Taschenbuch mit dem Titel Das Lance Armstrong Trainings-Programm – Trainieren wie ein Profi, und weil es noch Winter und an Rennradfahren draußen nicht zu denken war für ein Weichei wie mich, schaffte ich mir auch einen Hometrainer an, ein Pulsmessgerät und absolvierte den Siebenwochenplan zum Erfolg für Anfänger aus dem Buch zu Hause vor dem Fernseher. Ich besuchte ein Krankenhaus und absolvierte ein Belastungs-EKG. Ich nahm mir eine Ernährungsberaterin, Frau Béatrice Gaudenzi aus Zürich, die mein Leben ziemlich umkrempeln sollte. Denn: Der Schlüssel zu allem ist die Ernährung. Vorbei die Zeiten der Schokoladencroissants am Morgen. Ab sofort gab es ein Glas warmes Wasser und dann Müsli mit frischen Früchten, und zwar richtiges Müsli, nicht das gezuckerte Kellogg’s-Zeugs. Rotes Fleisch, Alkohol, Süßigkeiten und Weißbrot verschwanden fast vollständig aus meinem Alltag. Meine Ernährung ging in Richtung "komplexer Kohlenhydrate", "hochwertiger Proteine", "Chrom/ Zink/Selen". Und natürlich galt: Trinken! Trinken, trinken, trinken!

Natürlich wussten die alten Helden noch nichts von "komplexen Kohlenhydraten", als sie sich am 1. Juli 1903 um halb drei Uhr morgens vor der Herberge Reveille Matin sammelten, um sich auf die erste, 467 Kilometer lange Monsteretappe von Paris nach Lyon aufzumachen auf schweren Rädern mit Starrlauf und ohne Bremse. Damals rauchte man vor dem Start noch eine Zigarette, weil man dachte, das mache die Lunge frei. Zwischendurch ernährte man sich vor allem von Schokolade, und besonders beliebt war als Kraftmacher Rotwein mit gequirltem Ei. Aber damals trugen die meisten Männer auch noch Schnauzbärte. Es war eine andere Zeit. Die Tour war eine romantische Idee, dem Kinderbuch Le Tour de la France par deux Enfants nachempfunden, welches 1877 nach der Niederlage der Franzosen gegen die Deutschen erschien als Anti-Trauma-Heimatkunde-Balsam: Zwei Waisenkinder aus Lothringen, der vierzehnjährige André und der siebenjährige Julien, machen sich auf, ihre Mutter zu suchen. Das ganze Land bereisen sie, und sie sehen und sie lernen viel über die vielen Regionen der großen Nation. Um am Ende ihre wahre, wirkliche Mutter zu finden: Es ist Frankreich selbst. Und so dachte auch der Tour-Gründer Henri Desgrange Anfang des neuen Jahrhunderts: Machen wir die Tour als Beschwörung der Nation, als Rundgang, als Banntag quasi, vorbei an den Schlössern, den Strömen, den Seen, über die Ber- ge, hinein in die Wunder. Aber nicht mit zwei Kindern, sondern mit echten Kerlen, dicken Helden auf Rössern aus Stahl, den "großen Straßenpionieren". Wobei es nicht immer alle so genau nahmen mit dem vorgeschriebenem Verkehrsmittel: 1904 wurden nämlich die vier Erstplatzierten nachträglich disqualifiziert – ihnen waren die Strapazen zu viel geworden, daraufhin hatten sie den Zug genommen.

Rennraderfahrenere Freunde haben mir davon erzählt, wie es ist, wenn der Hammermann kommt. Man beginne zu frieren, egal wie heiß es sein mag, die Muskeln zuckten. Dann meine man, es schneie, es fange an zu flimmern vor den Augen, man sehe weiße Mäuse. Und dann, ja dann sei es, als lasse jemand ein großes eisernes Tor herunter. Und dann ist es vorbei.

Ich trete und trete. Hoch den Hang. Keine Fragen. Nichts denken. Nichts denken zu können, das ist eine große Gabe und für das Rennradfahren von großem Vorteil. Ich frage mich manchmal, was die Profis denken, wenn sie unterwegs sind. 35000 Kilometer sind sie pro Jahr im Sattel. Reichlich Zeit, sich manche Dinge zu überlegen. Ich ermahne mich, wieder aus dem Sattel zu gehen, den Wiegetritt einzulegen, zwei Gänge hochzuschalten und stehend zu treten, damit weder der Hintern einschläft noch – sehr unangenehm – die Testikel.

Warum fühle ich mich so schwach? Ließ ich zu viele Kräfte an den Hängen zuvor? Forcierte ich die Abfahrt zu sehr? Trank ich zu wenig? Hatte ich zu wenig gegessen? (Essen ist immer ein Problem, vor allem für die Profis. Die brauchen schnell einmal 7000 Kalorien pro Tag. Nur gibt es keinen Magen auf der ganzen Welt, der 7000 Kalorien verdauen kann. Deshalb ernähren sie sich intravenös.) Es kostet mich sehr viel Überwindung, jetzt nicht einfach abzusteigen. Dort, bei einem Busch kurz vor der nächsten großen Kehre, wo ein Baum Schatten wirft und ein Bächlein plätschert. Meine Güte, wie herrlich das Bächlein plätschert! Es gurgelt. Ich kann das Verspechen von Kühlung und Erfrischung von weitem spüren, und selten kam mir ein Versprechen so großartig vor. Soll ich dort absteigen? Soll ich dort eine kleine Pause machen? Eine klitzekleine Pause? Ein "Klick!", und schon wäre ich aus dem Pedal. Anhalten würde ich von allein. Würde mich auf das Mäuerchen setzen und eine Banane essen, eine Feige, die Trinkflaschen auffüllen mit Quellwasser.

Am Material kann es nicht liegen. Ich fahre fast dasselbe Rad wie Lance Armstrong. Ein Karbonrenner des amerikanischen Herstellers Trek, superleicht, state of the art, nicht mal acht Kilo wohl, silbrig und blau lackiert. Eine Rakete. Ich kann mir kein besseres Sportgerät vorstellen. Ich vertrete wie auch Lance die Farben des US-Postal-Teams, stecke in den gleichen Hosen, trinke aus der gleichen Flasche und reite den gleichen Sattel.

Als der Frühling kam, machte ich erste Ausfahrten. Zögerlich erst noch, mit vielen unsicheren Blicken in die Geländekarte in meiner Trikottasche. Es war ein neues, ein weites Feld für mich, und ich machte meine Erfahrungen. Ich fing an, die anderen Rennradfahrer zu grüßen, die mir begegneten. Ich stand ratlos laut fluchend mit einem Plattfuß und ohne Flickzeug an einem französischen Nationalfeiertag am Stadtrand von Altkirch und schwor mir, nie mehr ohne Ersatzschlauch auszufahren. Ich lernte von meiner Ernährungsberaterin, dass man keine Supergetränke oder Ultrakraftriegel für unterwegs braucht, sondern Wasser, viel Wasser und Bananen und Feigen. Ich lernte in den Radrennschuhen zu gehen und wie lange welche Knochen wehtun, wenn man zu Hause damit auf der Treppe ausrutscht. Ich lernte das Gefühl kennen, wenn man eine Stunde mit dem Rad aus der Stadt fährt und dann anhält, sich umdreht und dahin blickt, wo man gestartet ist, irreal weit weg, im Dunst liegend, fern und fremd.

Drei Wochen vor dem großen Unterfangen Alpe d’Huez ging ich für 14 Tage in die Alpen, um am San Bernardino zu trainieren und einige Dinge mehr zu lernen. Ich lernte dort, welche Körperteile einem einschlafen können und wie die Hände schmerzen vom krampfhaften Bremsen. Ich lernte, zu welcher kleinen Größe nach ein paar Stunden im Sattel die Geschlechtsteile schrumpfen können (schließlich braucht man das Blut beim Radeln überall, bloß nicht dort). Ich lernte, wie es sich anfühlt, wenn man auf rasanten Abfahrten Smaragdeidechsen ausweichen muss, wie man Kurven prüfend anblickt, bevor man sie nimmt, wie man Ausschau hält nach heranbrausenden Motorrädern, dass Autos langsamer sind als ich, dass es Teenager mit Rollbrettern gibt, die zugekifft den Pass herunterrasen, dass man bei Tempi über 70 Kilometern pro Stunde Vertrauen in sein Rad braucht. Ich lernte auch, dass Publikum hilft. Dass ein Okay-Zeichen aus einem einen überholenden Wohnmobil Wunder wirken kann. Dass Applaus von am Straßenrand stehenden Kindern ungeahnte Energien freisetzen kann. Ich lernte, wie schnell und gnadenlos das Wetter umschlagen kann, und wie es ist, bei stockdichtem Nebel und Hagel eine Abfahrt zu bestreiten. Und vor allem lernte ich, wie wunderbar es ist, in den Bergen zu fahren, wie glücklich man ist, wenn man oben auf der Passhöhe bei der Herberge am See ankommt und sich einen Tee bestellt, ein trockenes Trikot anzieht und das glückliche Summen der Muskeln spürt.

Eine Woche vor Alpe d’Huez ruhte ich, fuhr gemütlich flache Touren. Ich fühlte mich gut. Meinen Ruhepuls hatte ich auf 50 unten. Gut, verglichen mit Lance immer noch kolibrimäßig schnell: Sein Herz schlägt nur alle zwei Sekunden. Natürlich kann man in einem halben Jahr kein Lance werden. Und ich bin in einem halben Jahr nicht einmal zu einem guten Hobbyfahrer geworden. Dafür braucht man Jahre. Muskeln brauchen Zeit (weshalb man von vermeintlich alten Knackern problemlos an Bergen stehen gelassen werden kann). Außerdem trage ich eine Brille. Kein Rennradfahrer trägt eine normale Brille (außer früher Laurent Fignon, "der Professor", Tour-Gewinner 1983 und 1984). Kein Rennradfahrer trägt einen Bart. Und was ein rechter "Gümmeler" ist, wie man die Hobbyflitzer nennt, der rasiert sich die Beine, des coolen Gefühls wegen oder warum auch immer (die Profis tun das, damit sich die Beine besser massieren und Sturzwunden besser pflegen lassen). Und vor allem etwas trennt mich von den Verbissenen, den Eingefleischten, den Verschworenen: Ich fahre vorne mit drei Kettenblättern. Damit kann man leichtere Übersetzungen und somit runder treten. Bei richtigen Radlern aber ist das neumodische, das dritte als "Rentnerblatt" verpönt. Zwei seien das einzig Wahre, sagen sie. Die Profis fahren auch nur mit zweien. Begegnen sich zwei Rennradfahrer, dann geht der erste Blick zwecks Einschätzung immer auf die Kettenblätter.

In den französischen Alpen angekommen, beschließe ich schweren Herzens, die über 200 Kilometer lange Etappe von Sallanches nach Alpe d’Huez zu halbieren, bloß die letzten einhundert Kilometer zu fahren. Zu flach die ersten hundert, zu viele Baustellen, zu viele Umleitungen (ganze Täler sind gesperrt, um die Straßen für die Tour rechtzeitig in Schuss zu bringen), zu viel gefährlicher Verkehr. Schließlich habe ich kein Feld, kein Peloton, in dem ich mich verstecken kann (Rennradprofis fahren natürlich nicht in Gruppen, weil sie gesellige Kerle sind, sondern um Kraft zu sparen; im Windschatten und -schutz eines Feldes benötigt man nach Studien nur etwa ein Drittel der Kraft eines Alleinganges). Ich habe keine Geleitfahrzeuge mit brüllenden Lautsprechern obendrauf, keine vorausbrausenden Motorräder, keine Polizisten mit Trillerpfeifen an gefährlichen Ecken, keine jubelnden Massen, keine mit weißer Farbe auf den Asphalt geschmierten Anfeuerungen: ALLEZ MAX. Ich habe bloß mich, meinen Trek-Renner, meine Beine mit 1000 Trainingskilometern, meinen Kopf (der mir hoffentlich keine Scherereien machen würde), zwei volle Trinkflaschen und im Trikot ein paar Bananen. Zudem: Die letzten 100 Kilometer haben es schließlich in sich. Drei Berge, über 3000 Höhenmeter, das sollte reichen. Und der Galibier-Pass wie auch die Ankunft in Alpe d’Huez gehören zur seltenen und härtesten Bergwertung, hc: hors catégorie – außerhalb des Messbaren. In der diesjährigen Tour gibt es davon gerade mal fünf.

Der erste Hügel ist ein Klacks, Col du Télégraphe, Bergpreis-Kategorie 2. Von 723 geht es auf 1556 Meter. Dann folgt eine leichte Senke nach Valloire, 1411 Meter über dem Meer, einem Wintersportort, der im Sommer gerne von Motorradfahrern als Basis gewählt wird. Ich fühle gleich, dass meine Beine heute gut sind. Manchmal denkt man, wenn man losfährt, dass heute gar nichts geht, dass die Beine "zu" sind, dass man nicht mag, nicht kann, dass es keinen Sinn macht. Und dann, eine Stunde hat man vielleicht gekurbelt, machen die Beine das, was man "aufgehen" nennt. Plötzlich ist Kraft da, von der man nichts wusste, läuft die Sache wie von allein, und man kann noch einen Gang hochschalten und zulegen, Gas geben. Heute aber sind die Beine von Anfang an einfach gut. Die Vorbereitung scheint richtig. Und dann diese Landschaft. Meine Güte. In den Bergen mit dem Rad zu fahren, das ist einfach grandios. Bald überhole ich die ersten beiden Radler: Vater und Sohn, beide in voller Montur und in Anbetracht des jungen Alters des Sohnemannes gemächlich unterwegs. Ich beschleunige und ziehe mit einem flotten Bonjour auf den Lippen vorbei. Der Vater sagt: "Boff." Das gibt Mut. Sanft steigt die Straße der Valloirette entlang hinein ins Tal vorbei an der Chapelle St. Gras beim Weiler Bonnenuit, und man sieht die ersten, mit weißer Farbe auf den Asphalt geschriebenen Namen und Anfeuerungen. "Udo" steht da. Immer wieder "Udo, Udo, Udo". Ob das für Udo Bölts steht, den Gehilfen von Jan Ullrich, der ihn, "Quäl dich, du Sau!" schreiend, zum Toursieg brüllte? Das war 1997. Ein Jahr später verlor Ullrich an ziemlich genau dieser Stelle die Tour, als Marco Pantani angriff und ihn stehen ließ. "Virenque" steht da. "Bjarne". Dass Farbe so lange hält!

Nun fängt der steile Anstieg an, bei 1987 Metern über dem Meer, rechts über den Fluss, hinaus aus der Talsenke, hinein in den Berg. Ich überhole zwei wie irr eine leichte Übersetzung kurbelnde deutsche Radtouristen mit Tourenrädern (ich: "Bonjour", sie: "Tach"). Natürlich ist der Kampf unfair. Sie schleppen Taschen mit, ich bin mit nichts unterwegs als mit meinem Renner. Heute aber ist mir jeder recht, den ich "fressen" kann. Noch geht alles überraschend locker, und ich habe Muße und Zeit, das Panorama zu genießen. Zwei Engländerinnen in einem Renault Clio überholen mich langsam. Sie johlen, und die eine klatscht mir Beifall. "Go! Go! Go!", brüllen sie, als sei hier etwas los, als ginge es um etwas, bevor sie wieder Gas geben und quietschend um die nächste Spitzkehre rauschen und ich allein bleibe mit dem Pochen des Blutes und dem Atmen.

Und dann, bei der Alphütte, die frischen Käse zum Verkauf anbietet, les Granges de Galibier, zieht einer an mir vorbei. Und er tut das mit totaler Lässigkeit und einem Tempo, das mich ein wenig fertig macht. "Salut", sagt er, es klingt ganz natürlich, keine Spur von Anstrengung, und dann ist er schon ein paar Meter vor mir. Natürlich hat er nur zwei Kettenblätter. Natürlich hat er rasierte Beine. Ich denke kurz darüber nach, mich an ihn dran zu hängen, es wenigstens zu versuchen, das zu tun, was man "das Hinterrad lutschen" nennt; aber ich denke: Das ist sicher ein Profi oder ein Halbprofi oder ein Seniorenprofi, was weiß ich. Auf mich warten noch viele Höhenmeter, die eine oder andere homerische Prüfung, und also gebe ich mich mit meinem Tempo zufrieden, und er entschwindet.

Murmeltiere flitzen über die Straße, ausgehungert nach dem Winter, in viel zu weiten Pelzmänteln. Meine Güte, gibt es viele Murmeltiere hier oben! Mir kommt ein Rezept für ein Murmeltierragout in den Sinn, auf das ich einmal in einem Kochbuch gestoßen war. Darüber denke ich eine Weile nach. Manchmal denkt man ziemlich komisches Zeugs, wenn man stundenlang im Sattel sitzt. Als ich noch ein schönes Stück von der Passhöhe des Galibier entfernt bin, da kommt der Typ, der mich überholte, schon wieder runter. Diesmal hebt er zum Gruß nur kurz den Zeigefinger vom Lenker. Bis oben schnappe ich aber noch zwei Typen, die gerade daran sind, die letzten, von Schnee gesäumten Kehren zu fahren. Der eine trägt das gelbe Trikot des Leaders der Tour de France, der andere das weiße Trikot mit den roten Punkten drauf, das Trikot des Bergpreis-Leaders. Solche Trikots zu tragen, das ist natürlich prätentiös und anmaßend, denn wer will schon von sich behaupten, dass er des gelben Trikots würdig wäre. Solche Typen gehören überholt und stehen gelassen und zu Ragout verkocht wie Murmeltiere.

Auf dem Pass angekommen, bin ich sehr zufrieden mit mir und der Welt, die mir zu Füßen liegt. Die Engländerinnen im Clio sind auch da, und sie applaudieren. "2645 Meter", sagt das Schild auf der Höhe, und so fühlt es sich auch an. Das Panorama ist fantastisch weit. Oben stehen andere Radfahrer, essen Bananen, blicken blinzelnd in die Sonne. Man nickt sich zufrieden zu. Wer hier oben angekommen ist, der fühlt sich leicht. Und ich weiß: Jetzt kommt das Beste. Eine Abfahrt von 50 Kilometer Länge. Denn wo es raufgeht, da geht es wieder runter. Das ist der Deal des sich Quälens, das Ge- gengeschäft für den Schweiß des Kletterns, die Droge, die Leid Vergessen macht. Die ersten Kilometer fahre ich sehr vorsichtig ab. Zu kaputt ist die Straße von den Schäden des Winters: Furchen, Schlaglöcher, Steinschlagschutt. Rollsplitt liegt in den Kurven. Und Rollsplitt ist kein Spaß. Doch dann wird die Straße besser, und man duckt sich in den Wind, der einem warm ins Gesicht schlägt, Kopf runter, Arsch in die Höhe und Tempo Teufel. Es gibt nun nichts mehr außer dem Surren des Rades, dem Rauschen des Windes, der Linie, die man fährt, und purer Geschwindigkeit. Ich jage als kleiner Fleischklumpen im Massiv hinab Richtung Baumgrenze, vorbei an schroffen Felswänden, über romantische Brücklein, die über Flüsse mit wunderbaren Namen wie Torrent de Roche Noire führen, und biege auf die etwas flachere Route National 91 ein, jage entlang des Flusses la Romanche, hinein in stockfinstere, enge, roh ins Gestein gehauene Straßenstollen wie den Tunnel des Ardoisières, in dem mir eiskalte Wassertropfen auf den Rücken fallen. In dem lampenlosen Tunnel ist es so unglaublich dunkel und kalt. Es ist, als fahre man mit 60 Stundenkilometern ins Nichts, ins Innere der Erde, einem Ende entgegen. Meine Güte, denke ich, so muss es im Geburtskanal gewesen sein. Und dann schieße ich hinaus ins gleißende Licht, in die Sonne, in den heißen Wind. Es ist wie freier Fall – bis zum nächsten Berg jedenfalls.

Die Gluthitze macht mir zu schaffen, wie eine Glocke staut sie sich unter dem Helm. Ich keuche, ich versuche zu trinken. Trinken, denkt man, sei eine simple Sache; nicht aber, wenn man mit offenem Mund wie ein an Land geworfener Karpfen nach Luft schnappt. Ich versuche nicht zu denken, an nichts. Keine W-Wörter denken! Kein: Warum? Kein: Wieso? Kein: Wie lange noch? Die Nieren stechen. Jeder Atemzug wie ein Stricknadelstich in die Nieren (habe mich wohl auf der Abfahrt vom Galibier-Pass ein wenig erkältet). Ich spüre ein Kräuseln an der Innenseite der Schädeldecke, dort, wo der pocht, 190 Schläge in der Minute, als wolle das Herz das Blut in einer Fontäne oben zum Kopf herausjagen. Die Nackenhaare stellt es mir auf, es läuft mir kalt den Rücken runter, und ich bekomme es mit der Angst zu tun, der Angst vor dem Hammermann.

Dann sitze ich auf dem Mäuerchen im Schatten unterhalb der Eglise St.-Férreol, acht Kurven vor Alpe d’Huez, dem Ende der Tortur. Ich bin ein Häufchen Elend, 430 überforderte Muskeln, 300 Gramm zuckendes Herz. Der Bach rauscht herrlich. Ich esse eine Banane. Ganz kleine Bissen, damit ich nicht erbrechen muss. Wie schön es ist, einfach in die Natur zu schauen, ins Tal, in den strahlenden Himmel. Dann flattern zwei um ein Insekt sich balgende Rotschwänzchen aus dem Unterholz. Wie schön sie sind. Ich sitze und sehe und weiß: Ich muss wieder aufsteigen, wieder einen Rhythmus finden, hoch den Berg, nach Alpe d’Huez. Es graut mir davor, aber es gibt keine Alternative. Meine Beine fühlen sich nicht schlecht an. Es war die Hitze, die mich fertig gemacht hat. Ich fühle mich wie ein Pfund gekochte Spaghetti. Die Glut. Der Durst. Das Stechen in den Nieren. Das Ozon. Die stinkenden Autos, die mich überholen. Mon dieu, wie die Karren in Frankreich stinken können! Und dann hält ein Auto in einer Haltebucht vis-à-vis. Ein Mann steigt aus und eine Frau. Sie holen zwei Klappstühle aus dem Kofferraum und setzten sich hinein und schauen in Richtung Straße. Es ist, als hätte ich eine Halluzination. Als würden sie das Zuschauen an der Tour de France trainieren. "Allez!", ruft der Mann mir über die Straße zu und klatscht in die Hände. Ich werfe die Bananenschale in hohem Bogen ins Tal und gehorche, sitze wieder auf. Es gibt keine Alternative. Noch ein bisschen leiden, ein bisschen Qual, dann werde ich oben sein. Okay, sage ich zu mir, mach den Kletterzombie. Nichts denken, treten, treten, treten und den Rat meiner Ernährungsberaterin nicht vergessen: "Sauf wie eine Kuh."

Genug gesoffen gehabt zu haben schien Beat Breu 1982, der Bergfloh, der an diesem Berg in den Diensten des Cilo Aufina Teams hier mit Startnummer 151 an der Spitze lag (es war diese Etappe, deren Start von protestierenden Bauern verzögert wurde, die für ihre zu früh gereiften Früchte keine Abnehmer fanden). Bereits vier Tage zuvor konnte Breu eine Etappe für sich entscheiden. Er hüpfte den Berg hoch, Spitzkehre um Spitzkehre, hinter sich den Peugeot des Tour-Direktors, ich weiß es noch ganz genau, denn ich saß als Knirps vor dem Fernseher und jubelte. Breu in den steilen Rampen, keuchend, kämpfend, einen Buckel machend – doch von hinten kam der Franzose Robert Alban immer näher. Es sah so aus, als ob der kleine Breu sich bei seiner Flucht zu sehr verausgabt hätte und am Ende wäre, Alban über mehr Kräfte verfügen würde. Das dachte wohl auch Alban. Doch als der bis auf wenige Meter herangekommen war, da ging Breu aus dem Sattel und fuhr Alban davon, ließ ihn mit einem unwiderstehlichen Antritt einfach stehen. Eine demoralisierende Tat für den Franzosen, der sichtlich geknickt schaute, dass er überhaupt noch nach Alpe d’Huez hochkam. Und Breu sorgte für einen der größten Schweizer Sportlersiege überhaupt.

Später ist es geschafft. Ich hatte vergessen, auf die Uhr zu sehen. Keine Ahnung, wie lange ich gebraucht hatte, den Aufstieg nach Alpe d’Huez zu erklimmen. 90 Minuten? Mehr? Vergiss die Zeit, die Erfahrung genügt mir. Der Körper ist meine Uhr, die lauter nicht ticken könnte. Ich weiß: Marco Pantani brauchte 37 Minuten und 35 Sekunden für den 13 Kilometer langen Anstieg. Das ist Wahnsinn, purer Wahnsinn. Aber Marco Pantani ist wie die anderen Profis im medizinischen Sinne auch kein Mensch, sondern ein Mutant. Durch das Dorf, vorbei an sommerlich geschlossenen Boutiquen und geschäftigen Baustellen, die letzten Kehren, Kürvchen, ein Kreisel, dann der letzte Linksknick hinein in die Avenue Rif Nel, die breite Zielgerade, wo niemand auf mich wartete, keine jubelnden Zuschauer, keine Damen mit Blumenstrauß, niemand, der mir Champagner in die Hand drückte, nicht einmal eine tolle Aussicht wartete auf mich, kein Podest, kein Scheck, kein chique. Bloß im Tourismusbüro ein von Bürgermeister Eric Muller unterschriebenes "Diplôme Cycliste", das für einen Euro angeboten wird und welches bestätigt für alle Ewigkeit, dass ich, "Monsieur Max Küng", das Leiden besiegt und Alpe d’Huez gemeistert habe, die "13 kilomètres, 21 virages, 1100 mètres de dénivelée – l’étape du Tour de France Cycliste". Mein Diplom trägt die Nummer 1952.

1952, das ist nicht einfach nur eine Zahl, sondern zufälligerweise auch das Jahr, in dem zum ersten Mal überhaupt die Tour de France nach Alpe d’Huez aufstieg. Zufall? Ein Jahr zuvor gewann Hugo Koblet – "der schöne Hugo", wie man ihn nannte, "pedaleur de charme" – nach Ferdi Kübler als zweiter und bisher letzter Schweizer die Tour. Zufall? Nun, ein schöner Zufall, denke ich, als ich am Brunnen im Dorf meine Trinkflasche mit eiskaltem Wasser auffülle und ein trockenes Trikot anziehe. Und ein Versprechen für die Zukunft. Kübler, Koblet, Küng.

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