DIE ZEIT: Warum bedeutet Deutschland für viele im Ausland immer noch Nazis und KZs?

Jens Förster: Weil Vorurteile in besonderer Weise im Gedächtnis gespeichert sind. Das Gedächtnis ist nicht nur zum Denken da, es ist auch direkt verhaltensleitend. In Augenblicken, in denen keine Zeit zum Nachdenken bleibt, in Stressmomenten etwa, ist das Vorurteil sofort präsent. Wer 50 Jahre lang mit dem Begriff deutsch auch Konzentrationslager im Gehirn gespeichert hat, der sagt das dann.

ZEIT: Wie Berlusconi. Heißt das, jedem von uns kann das mit den eigenen Vorurteilen passieren?

Förster: Ja, das kann keiner bewusst steuern. Wenn es passiert ist, sollte man sich allerdings sofort entschuldigen, damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, jemand habe bewusst beleidigen wollen. Aber man sollte das alles nicht nur negativ sehen. Vorurteile haben auch eine wichtige und nützliche Funktion.

ZEIT: Welche denn?

Förster: Sie machen es möglich, auf Menschen und Situationen schnell zu reagieren. Wenn ein Mensch mit einem Messer, ein Hund mit einem Maulkorb auf uns zukommt, dann handeln wir, ohne zu überlegen, ob die Gefahr wirklich besteht oder nicht. Oder ein Beispiel aus dem ganz normalen Alltag: Wenn ich kurz vor Feierabend noch schnell ein Rezept für die Party abends brauche, werde ich mich, wenn gerade noch drei oder vier Kollegen da sind, an die einzige Frau in der Gruppe um Rat wenden…

ZEIT: …und damit ein Vorurteil bestätigen.