Der Khmer an sich, das wird seinen deutschen Gastfreunden schnell klar, macht nicht viele Worte. Auf die Frage, wie ihm das Brötchen mit dem Bismarckhering geschmeckt habe, gibt er denselben Satz zur Antwort, der auch auf das Verkosten von Pommes frites, von Äpfeln und Oliven, von Schwarzbrot und Currywurst folgte: "Kann man auch essen." Und was man alles auch essen kann! Die meisten Nahrungsmittel, die dem deutschen Gaumen gemeinhin schmeicheln, hat Min Thol vorher noch nie gesehen und schon gar nicht probiert. Schließlich ist dies seine erste Auslandsreise. Er ist 29, hat Kambodscha bisher nie verlassen.

Lauter kulinarische Premieren also, vom Müsli bis zur Kirsche. Das meiste, vor allem Obst, aber merkwürdigerweise auch Currywurst, ist für Thols Geschmack "ein bisschen sauer". Das Einzige, was er nur einmal zu kosten brauchte, um es unter keinen Umständen je wieder anzurühren, war: Käse. Dafür fehlen ihm die Worte. Kambodschanischer "Fischkäse", entgegnet er, das sei hingegen eine hervorragende Speise. Fischkäse? Prahok nennt sich die beliebteste Würzbeilage der Khmer: zerstoßene kleine Fische aus dem Tonle Sap, dem riesigen See in Nordkambodscha, werden dafür zu einer Paste fermentiert. In einem deutschen Reiseführer heißt es dazu: "Diese Fischpaste, die für einen Khmer bei keinem Essen fehlen darf, doch für europäische Nasen einen grauenvoll stechenden Geruch verbreitet, ist für unseren Geschmack kaum genießbar."

30000 Deutsche besuchten im vergangenen Jahr Kambodscha. Wie viele kambodschanische Touristen im selben Zeitraum nach Deutschland kamen, darüber gibt es keine Statistik. Es waren vermutlich nicht sehr viele, wenn man bedenkt, dass 2002 das durchschnittliche jährliche Bruttoeinkommen pro Kopf in Kambodscha bei 230 Euro lag, in Deutschland bei 25600 Euro. Ein Reisepass kostet fast 200 Euro, bleibt also für die meisten unerschwinglich. Weil das so ist, hatte One World, ein Dortmunder Reiseveranstalter mit humanem Anliegen, die Idee, einmal jene Menschen nach Deutschland einzuladen, die uns normalerweise die Sehenswürdigkeiten ihrer Länder erklären und sich selbst eine so weite Reise niemals leisten könnten. Mit einer Zeitungsannonce wurden Gastfamilien für Thol gesucht, nach ihnen richtet sich seine Reiseroute: Dortmund–Nordhessen–Potsdam–Stuttgart–Freiburg – und das alles in knapp drei Wochen.

Thol gehört zum Volk der Khmer. Mit über 90 Prozent stellen sie vor Vietnamesen, Chinesen und muslimischen Cham die Mehrheitsbevölkerung in Kambodscha. Er hat zwölf Jahre lang die Schule besucht, zwei Jahre lang Deutsch gelernt. Sein Lehrer war einer von 1000 Stipendiaten, die in Zeiten des Kalten Krieges mehrere Jahre in der DDR studiert haben. Thol wohnt in einem buddhistischen Kloster in Siem Reap, einer Stadt im Nordwesten des Landes. Zwar will er vorerst nicht Mönch werden, aber es ist eine billige Unterkunft: Mit zwei anderen Untermietern und einem Mönch teilt er sich ein Zimmer. An Festtagen spenden sie dafür ein wenig Geld und Essen für das Kloster. Seit fast sechs Jahren arbeitet Thol als Fremdenführer im Tempel von Angkor Wat.

Weimar und die Roten Khmer

Angkor, das ist der Grund, warum Touristen nach Kambodscha kommen. Auf einem Gebiet von 300 Quadratkilometern stehen dort die weltweit größten religiösen Tempelanlagen. Sie sind vorwiegend aus Sandstein gehauen, die Khmer-Könige ließen sie zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert nach Christus erbauen. In den Anlagen spiegeln sich hinduistische Kosmologie und Mythologie, auch wenn spätere Könige zum Buddhismus konvertierten.

"Wie weit ist es von hier nach Weimar?", fragt Thol seine Gastgeber in Dortmund. Ein Freund habe ihm von Weimar erzählt. Da sei es doch zugegangen wie unter den Roten Khmer in Kambodscha. Thol erntet verdutzte, fragende Blicke. Goethe, Schiller, deutsche Klassik, ja. Aber Rote Khmer? Erst als er ausführt, viele Menschen seien dort wohl ermordet worden, und man habe aus ihrer Haut Lampenschirme gemacht, kommt Licht ins Dunkel. Sein Freund hatte ihm vom KZ Buchenwald erzählt anstatt von deutscher Dichtung.