Der Mensch ist keine Kakerlake. Er wird zwar massenhaft getötet, aber jedes Mal aus einem anderen Grund. Deshalb kapieren nur die geschicktesten aus der Gattung des Homo sapiens rechtzeitig, wohin sie sich davonmachen müssen. So wäre es ärgerlich, sich als Hugenotte in Frankreich kurz vor der Bartholomäusnacht wiederzufinden. Und das Leben als Titularrat oder Generalstochter im Russland des Jahres 1918, es wäre auch nur ein eher mittelprächtiges Vergnügen. Oder als Arzt 1952 im genannten Land. Zuvor oder danach – gerne. Aber ausgerechnet in diesem Jahr wäre es besser, als Untersuchungsrichter zu arbeiten. Warte ab, bis alles vorbei ist! Der Fortschritt schleicht nicht heimlich voran. Wenn die Untersuchungsrichter erschossen werden, kannst du als Arzt in aller Ruhe leben. Falls du es geschafft hast, bis zur Perestrojka durchzuhalten, magst du auch Generalstochter sein. Alles hat seine Zeit.

Die bis heute heil geblieben sind, können sich alles erlauben. Sie mögen weiß, rot, grün oder blau gleichzeitig sein, es ist egal. Freiheit ohne Ende. Mit einer Einschränkung nur: Verstecke besser deine nationale Zugehörigkeit, und zeige sie niemandem! Die Nationalität ist die schlimmste Sache. Schlimmer als Morganismus, Trotzkismus und Abstraktionismus auf einmal. Eine Nationalität kann sich nur ein gut bewaffneter Mensch leisten.

Das geht übrigens alle an. Da lebten die Serben ruhig in Kroatien, die Usbeken in Kirgisien, die Hutu in Ruanda, und alle dachten, da sie nun einmal keine Juden seien, würde ihnen niemand etwas Böses tun. Nichts da! Die anderen Völker sind immer wachsam. Die Experten wissen, wann es knallen wird, aber wo, das verraten sie niemandem. Es lebe also die allgemeine, geheime Bluttransfusion unter der Ägide der UN, solange es noch nicht zu spät ist! Dereinst, in der Nacht, kommt dann ein Patriotenröntgenologe mit durchdringendem Blick zusammen mit seinen Sanitäterbrüdern und fragt dich: Welcher Nationalität bist du nun, Herr Genosse? Und du hältst ihm ein Zeugnis vor die Nase: zu einem Achtel Jude, zum anderen Achtel hingegen Araber, zu drei Sechzehnteln Schwede, zu sieben Zweiundreißigsteln Neger. Der Rest – ein banaler russischer Tschuktsche. Und er verschwindet erschüttert.

Aber später, wer weiß, kann sich der Wind drehen. Man pfeift auf die Nationalitäten. Man beginnt, die Ornithologen auszubürgern, buchtet die Rothaarigen ein, verfolgt die Flötisten. Das Leben ist wunderbar und unvorhersagbar…

Wiktor Schenderowitsch lebt als Schriftsteller und Publizist in Moskau. In den letzten Jahren präsentierte er ein satirisches Programm auf drei privaten russischen Fernsehkanälen, die allerdings nacheinander geschlossen wurden. Übersetzung aus dem Russischen von Lena Sambuk