Ich kann mich noch erinnern, als Becker gegen Edberg verlor, im Finale von Wimbledon, ich war damals Becker-Fan, ich bin zwar später auch Edberg-Fan geworden, weil viele meiner Kollegen Edberg-Fans waren, und ich weiß noch, dass ich damals zu heulen begann, als ich im Wohnzimmer zuschaute. Das ist meine erste Erinnerung."

Heute hat der Bub, der heulte, als Becker verlor, selbst Wimbledon gewonnen.

Er sitzt, einige Wochen vor dem Triumph, im breiten Korbsessel auf der Terrasse des Parkhotels von Halle, Westfalen, draußen vor Bielefeld. Gelöste 1,85 Meter, entspannte 85 Kilo. Die Augen wach. Draußen in der Stadt hängen Plakate mit seinem flotten Jungengesicht, das lange Haar vom weißen Stirnband zurückgehalten, seinem Markenzeichen. 2,7 Millionen Dollar hat das Aushängeschild des Turniers schon an Preisgeld eingespielt. So steht es in der Programmzeitung. Das Turnier in Halle diente der Nummer fünf zur Vorbereitung auf Wimbledon. Die Vorbereitung hat sich gelohnt. Er hat das Finale dort gewonnen. Aber auch Wimbledon war nur der nächste Schritt zum erklärten Ziel: die Nummer eins der Welt zu werden.

An diesem Unterfangen sind beteiligt: Roger Federer, 22, Tennisprofi, Mission: gewinnen. Peter Lundgren, 38, Schwede, Coach, Mission: Roger Federer vor jenen Fehlern bewahren, die dazu führten, dass er selbst nur die Nummer 25 der Welt blieb. Pierre Paganini, 46, ehemaliger Leichtathlet und Fußballer, Schweizer, Konditionstrainer, Mission: Roger Federer so weit zu bringen, dass er im fünften Satz, nach vier Stunden Spiel, noch fähig ist, einen Service mit 200 Stundenkilometern ins andere Feld zu schlagen. Ohne dass unter dem Kraftzuwachs die Spritzigkeit leidet oder die unerhörte Leichtigkeit des Schlags verloren geht.

"Meine Eltern waren einfach jedes Wochenende auf dem Tennisplatz, an den Abenden auch, und da haben sie mich mitgenommen, und das war super, dort hatte es viele Kollegen, und alles, was mit Bällen zu tun hatte, gefiel mir. Mit zwölf musste ich mich schon entscheiden, ob Tennis oder Fußball, ich wählte Tennis, weil ich sah, dass es dort ein bisschen schneller ging; ich glaub, da war ich schon Schweizer Meister bei den Junioren."

Die Eltern, Angestellte der Chemischen Industrie in Basel, die Mutter Südafrikanerin. Roger, geboren am 8. August 1981, bekam Kopfweh, wenn er ein Buch lesen sollte. Aber das Tennisspiel liest er wie kein anderer. Mit 14 verlässt er das Elternhaus, zieht nach Biel ins Leistungszentrum des Schweizerischen Tennisverbandes, gewinnt alle Ausscheidungsspiele für die Junioren-Weltmeisterschaften mit 6:0 und 6:0. Drei Jahre später ist er Junioren-Weltmeister, mit 18 Jahren und vier Monaten der jüngste Spieler in den Top 100. 2001 gewinnt er in Mailand sein erstes Turnier, in Wimbledon stößt er, sein größter Sieg, Pete Sampras vom Thron, der hier seit fünf Jahren und 31 Spielen nicht mehr verloren hatte.

"Es regt mich auf, wenn einer mit Mätzchen zu gewinnen versucht"

Die vielseitigen Fähigkeiten des Roger Federer rufen Bewunderung hervor. Der Deutsche Boris Becker sagt: "Eines der größten Talente, die das Welttennis hervorgebracht hat." Die englische Times: "Der Mann mit dem magischen Händchen." Der französische Berufskollege Fabrice Santoro: "Ein begnadeter Virtuose." Der Amerikaner John McEnroe sagt aber auch: "Er ist ein Spieler, der das Problem hat, zu viele Schläge zu können. Oft weiß er gar nicht, was er mit seinem Talent anstellen soll."