In früher Kindheit drohten mir meine Eltern, falls ich nicht brav sei, würden mich "die Zigeuner" stehlen. Ich war brav. Und wünschte mir heimlich, die Zigeuner würden kommen und mich stehlen. Sofort war klar: Mit dieser Beziehung zu den Dingen würde ich mich zu einem gesunden Individuum entwickeln, zu einer Person mit typisch europäischem Programm.

Wir alle nehmen Vorurteile auf wie ein trockener Schwamm das Wasser. Später als Erwachsene, die etwas auf sich und ihr Political-Correctness-Image halten, versuchen wir sie abzustreifen wie Kletten. Bald zeigt sich, dass Vorurteile die ausdauerndste Art mentalen Unkrauts sind. Kaum gejätet, sprießen sie wieder. Darum geben die meisten auf. Sie leben mit ihren Vorurteilen; was sollen sie machen? Das Leben zu zweit ist auch leichter. Mit den Vorurteilen sind wir nicht allein. Die Vorurteile sind ein nützliches Signalsystem, wie bei einer Autofahrt.

Ich hatte eine interessante Kindheit, umgeben von Slowenen, die geizig waren, Sloweninnen, die gern den Rock hoben, Montenegrinern, die faul waren, Kroaten, die Schwule und Filzläuse waren, Serben, die primitive Bauernlümmel waren, Mazedoniern, die Paprika fraßen, Bosniern, die dumm waren, Albanern, die nicht zu den Menschen zählten, Muslimen, die sechs Zehen hatten, Italienern, die lebende Katzen fraßen.

Mit dem Fortgang aus dem Land, das sich ohnehin auflöste, glaubte ich das grüne Tal menschlicher Vorurteile für immer zu verlassen. Ich täuschte mich. Im Vereinigten Europa wimmelt es von Vorurteilen. Ich fühle mich wie zu Hause. Ich bin umgeben von arroganten Franzosen, knickrigen Holländern, Engländern, die nichts verstehen, dreisten Türken, Marokkanern, die stehlen wie die Raben, all diesen Emigranten, die sich nur reproduzieren und von den 42 Prozent leben, die der Staat von meinen schwer verdienten Einkünften abzieht.

By the way, auch ich bin ein Vorurteil. Aber ich lehne mich nicht auf. Ich verteidige mich nicht, berufe mich nicht auf meine traumatische koloniale Erfahrung. Ich bin höflich, versuche den Vorurteilen zu entsprechen, die man über mich hat, und niemanden zu enttäuschen. Ich weiß, was kostbares Geschirr ist, ich respektiere fremdes Eigentum. Dabei hilft mir meine masochistische Psychostruktur. Darum ertrage ich es, wenn man mir erklärt, wie ein Bügeleisen funktioniert, und wenn die Kellner im Restaurant vergessen, mir ein Messer zu geben. Darum trage ich in die Rubrik Beruf regelmäßig Putzfrau ein. Meine kosmopolitisch orientierten Landsmänninnen sind nämlich dafür bekannt, wie blendend sie EU-Wohnungen, -Häuser und -Klosetts putzen.

Ehrlich gesagt, mir geht die Political Correctness auf die Nerven. Denn das Hirn braucht Opiate, man weiß es, einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker, einmal Chauvinist, immer Chauvinist. Anständige Europäer beherrschen die Regeln der PC und fragen nicht mehr, woher Sie sind. Niemand fragt Sie, ob Sie ein Schwarzer sind, denn so etwas sieht man. Heute wird Sie ein höflicher Europäer fragen, wo Sie wohnen. Ein Holländer zum Beispiel wird nie die Gelegenheit zu einem schnellen sozialen Scanning auslassen.

"Wo wohnen Sie?" – "In Amsterdam." – "Und wo dort?"

Das urbane Europa ist heute in Zonen aufgeteilt. Es gibt weiße Zonen, gemischte Zonen, Emigrantenzonen, white trash- Zonen, black trash- Zonen, Zonen mit Antennenschüsseln… Allerdings herrscht auch hier eine gewisse Konfusion, und schuld daran sind die Russen. Die Russen sind weiß, lernen leicht Fremdsprachen und haben die lästige Gewohnheit, sich mitten im Zentrum der schwer zugänglichen weißen Zonen anzusiedeln.