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Am Samstag, dem 24. Juli 1943, lastet drückende Hitze auf Hamburg. Der Abend bringt nur wenig Abkühlung. Kurz nach Mitternacht – um 0.33 Uhr – zerschneidet das Heulen der Sirenen die bruttige Stille: Fliegeralarm!

Nahe High Wycombe bei London beugen sich die Stabsoffiziere des britischen Bomber Command gespannt über ihre Karten. Drei Stunden zuvor sind auf den südenglischen Fliegerhorsten 791 Bomber und Kampfflugzeuge gestartet; das Unternehmen Gomorrha hat begonnen. Um 23.55 Uhr fliegt der Verband bei Büsum an der holsteinischen Küste in den deutschen Luftraum ein. 67 Minuten später fallen die ersten Bomben auf die Hansestadt.

Hitlers Luftwaffe hatte Warschau und Belgrad bombardiert, das alte Rotterdam verbrannt und zahlreiche britische Städte ins Visier genommen – bis Glasgow in Schottland und Belfast in Nordirland. Zum Fanal war die Zerstörung des mittelenglischen Coventry im November 1940 geworden; die NS-Propaganda sprach schon davon, das ganze britische Inselreich zu "coventrieren". Jetzt nahm Sir Arthur Harris, Marshall der Royal Air Force und Chef des Bomber Command, furchtbare Rache. Sein Befehl: "Sie sollen die alte Hansestadt Hamburg bis auf den Grund zerstören, und zwar im vollsten Ausmaß Ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten!" Danach wollte er ganz Deutschland "hamburgisieren".

Im Gefechtsbunker der 2. Jagddivision in Stade herrschte zu dieser Stunde ratlose Verzweiflung. Seit Mitternacht meldete eine Funkmessstelle an der Küste nach der anderen: "Gerät durch Störung ausgefallen." Das britische Kriegskabinett hatte vier Wochen zuvor den Einsatz von schwarz gefärbten Staniolstreifen (windows) für den Gomorrha-Einsatz freigegeben. In Massen wurden sie nun auf dem letzten Abschnitt des Anflugs abgeworfen und setzten die deutsche Radar-Ortung außer Gefecht. Die Flugabwehr konnte nur blind Sperrfeuer schießen; ihre Scheinwerfer tasteten nervös ins Leere.

In London säten sie Wind, jetzt sollten sie Sturm ernten

Die Hamburger hatten in der Morgenzeitung gelesen, dass ein Wellensittich entflogen war; dass Erbsenpflückerinnen gesucht wurden; dass die Kleintierzüchter eine "Kaninchenwertbeschau" veranstalteten. Den lauen Sommerabend genossen sie, ehe sie sich zu Bett begaben, in den Lokalen, im Kino, in der Revue Sonnenschein für alle oder in ihren Schrebergärten. Jetzt wurden sie rüde aus dem Schlaf gerissen.

Den letzten heftigen Angriff hatten sie am 17. Januar erlebt – einen Monat bevor Reichspropagandaminister Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast die Frage stellte: "Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?" Die Antwort war ein frenetisch donnerndes "Ja!" gewesen. Im Frühjahr gab es dann schwere Luftangriffe auf Essen, Duisburg, Köln und Kiel, doch in Hamburg blieb es ruhig – die letzten Wochen so ruhig, dass manch einem schwante, es braue sich etwas Unheilvolles zusammen.

Die Verwaltung jedenfalls richtete sich auf eine "Großkatastrophe" ein (ein Generalerlass vom 20. April – "Führers Geburtstag" – trug diese Bezeichnung). Im Juli jagte eine Konferenz die andere – über die Evakuierung von Schülern und Alten, den Bau von Behelfswohnungen in den "Auffanggebieten" außerhalb der Stadt, die Zuständigkeit der Einsatzgruppenführer im Ernstfall. Alle kannten die Bedrohung: Schon 1937 hatte der Senat Hamburg wegen seines Hafens, seiner kriegswichtigen Industrie, seiner Ballung von Arbeits- und Wohnstätten und seiner geografischen Lage als besonders "luftempfindlich" und "luftgefährdet" bezeichnet.

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Die Stadt wappnete sich, so gut es ging, gegen die Gefahr. Selbstschutz der Hausbewohner, Erweiterter Selbstschutz in den Betrieben, Hitlerjugend-Feuerwehrscharen und Hydrantentrupps der Partei standen bereit, dazu 9 500 Mann Luftschutzpolizei und bei der Feuerwehr 305 Löschfahrzeuge, 935 Tragkraftspritzen, 49 Wasserlöschzüge, sechs Feuerlöschboote, 30 Hilfsfeuerwehrboote, 312 Kilometer Schläuche. Die Wehrmacht hatte 82 Flakbatterien und 22 Scheinwerferbatterien in Stellung gebracht. Die beiden Flak-Bunker auf dem Heiligengeistfeld boten 18 000 Menschen Schutz. Außerdem gab es 139 bombensichere Bunker und 1442 öffentliche Luftschutzräume. Auf der Binnenalster schwammen Sperrholzbauten, die gegnerische Aufklärer täuschen sollten.

Die Elbe freilich ließ sich nicht tarnen. Im Mondlicht lag sie wie ein silberglänzender Wegweiser unter den Bomberpiloten, denen der Turm der neugotischen Nikolaikirche – Mitte des 19. Jahrhunderts nach Plänen des englischen Architekten Gilbert Scott errichtet – als Orientierungs- und Zielpunkt diente. Die anderen Vorkehrungen erwiesen sich ebenfalls als unzulänglich. Angesichts der zerstörerischen Wucht des Bombardements war auch der Artikel nicht sonderlich hilfreich, den ein ahnungsvoller Redakteur ausgerechnet am Wochenende des ersten Angriffs in die Samstagsbeilage des Hamburger Tageblatts eingerückt hatte: "Wie und was soll man bergen?"

"Gomorrha" hatte Harris sein Unternehmen genannt, nach dem 1. Buch Moses: "Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war." Harris ließ Brandbomben hinabregnen, um die Feuerwehr durch Erschöpfung auszuschalten, und schickte Sprengbomben und Luftminen hinterher. Im Zeitraum von zehn Tagen flogen die Engländer vier Nachtangriffe, jeweils mit rund 700 Maschinen: in den Nächten zum 25. Juli, zum 28. Juli und zum 30. Juli, dann noch einmal vom 3. auf den 4. August. Die Eighth Air Force der U. S. Army flog am 26. und am 27. Juli zwei Angriffe bei Tage.

Die Amerikaner nahmen vor allem das Hamburger und Harburger Hafengebiet aufs Korn, während sich die Briten in erster Linie auf die Innenstadt und die Arbeiterwohnviertel stürzten – getreu der Harrisschen Devise: "Das Ziel ist … die Zerstörung der deutschen Städte, die Tötung deutscher Arbeiter und die Zerschlagung des zivilisierten gesellschaftlichen Lebens in ganz Deutschland." Der Verfechter des Bombenterrors war überzeugt, dass die Verwüstung der städtischen Wohngebiete die Moral der Deutschen und ihren Durchhaltewillen zermürben werde.

Doch mag bei Harris auch schlichter Vergeltungswille eine Rolle gespielt haben. Im September 1940 hatte er während eines deutschen Bombenangriffs auf dem Dach des Londoner Luftfahrtministeriums gestanden und beim Anblick der St.-Pauls-Kathedrale inmitten eines Flammenmeers gesagt: "Nun gut, sie säen den Wind." Jetzt sollten die Deutschen den Sturm ernten: seinen Feuersturm.

Beim ersten Angriff setzten nur 40 Prozent der Maschinen ihre Bomben im Fünfkilometer-Umkreis der Zielmarke St. Nikolai ab. Dennoch war die Wirkung ungeheuer. Die Innenstadt wurde schwer getroffen. Flächenbrände verheerten die Stadtteile Hoheluft und Eimsbüttel, das gerade erst (1937) eingemeindete Altona und die nordwestlichen Vororte. Kohle- und Koksvorräte entzündeten sich in den Kellern und schwelten noch wochenlang. Das Fernsprechnetz fiel schon nach 15 Minuten aus, was den Löscheinsatz erheblich behinderte. Die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsleitungen wurden schwer beschädigt. Das Polizeipräsidium brannte nieder. Die Reeperbahn ging vom Millerntor bis zur Sophienstraße in Flammen auf. Den ganzen Sonntag über lastete eine so dichte Qualm- und Staubwolke über der Stadt, dass die Sonne nicht durchkam. In den Straßen hing ein penetranter Geruch von Brand und Verwesung. Bei der Mittagslage im Führerhauptquartier tobte Hitler: "Terror bricht man durch Terror! Man muss zu Gegenangriffen kommen – alles andere ist Quatsch."

Einige zehntausend Menschen verließen in wilder Flucht die Stadt. Andere zogen, wenn es irgend ging, an den nächsten Abenden mit ihren Notkoffern in die überfüllten Bunker. Die Feuerwehr wechselte die Schläuche und tankte ihre Löschfahrzeuge auf. Gerüchte schwirrten durch die Stadt, dass bald die bisher verschonten Ortsteile "drankämen". In der Nacht zum Mittwoch, dem 28. Juli, war es so weit.

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Von den englischen Flugplätzen waren abends 739 Lancasters, Halifaxes, Stirlings und Wellingtons gestartet. Um 23.40 Uhr heulten die Hamburger Alarmsirenen auf. Als genau drei Stunden später Entwarnung gegeben wurde, stand fast die ganze Stadt in Flammen.

Die Bomben fielen diesmal östlich des Zielpunktes auf das Viereck Billbrook/Rothenburgsort/Hammerbrook und St. Georg; auch Wandsbek und Barmbek wurden nicht ausgelassen. Insgesamt 1 464 Tonnen Sprengbomben und Luftminen deckten die Dächer ab, brachten Fassaden zum Einsturz und rissen Türen und Fenster aus den Füllungen. Brandbomben und Phosphorbomben fanden so reichlich Nahrung. Sie verwandelten Hamburg erst in einen Schmelzofen, dann in ein Totenhaus.

In den orkanartigen Feuerstürmen, die mit Windgeschwindigkeiten von 270 Stundenkilometern durch die Straßen brausten, kamen in dieser Nacht 18 400 Menschen ums Leben – verätzt oder erstickt; verbrannt, verkohlt und verglüht; verschmort, verkocht. Auf den Straßen schlug der Asphalt Blasen. Die peitschenden Luftmassen entwurzelten meterdicke Bäume und wirbelten Balken, Planken, Gesimsteile, Dächer durch die Straßenschluchten. Brillengläser zersprangen in der Gluthitze, die 800 bis 1000 Grad Celsius erreichte. Halb verbrannte Bücher trug der Feuerwind bis in die Gärten von Lübeck.

Szenen des Grauens allüberall. Menschen, die auf den Dächern um Rettung aus dem Feuer flehten. Menschen, die sich, phosphorübersät wie Fackeln brennend, in die Fleete stürzten und dort umkamen, weil der Phosphor weiter brannte, sobald sie wieder auftauchten. Menschen in den Kellern, von der Strahlhitze ausgedörrt zu Schrumpfleichen oder vom Heizungswasser aus den berstenden Rohren zu Tode gebrüht. Menschen, die auf der Flucht im kochenden Asphalt einsanken und liegen blieben wie Fliegen im heißen Wachs einer Kerze.

Der sechsjährige Wolf Biermann, der dies mit eigenen Augen sah, entkam dem tosenden Flammenmeer nur, weil seine Mutter den Jungen huckepack auf den Rücken nahm und mit ihm einen Elbkanal durchschwamm. Jahrzehnte danach dichtete er: "In jener Nacht fiel Schwefel aus den Himmeln in das Fleet / Drei Männer brannten vor mir wie Heil-Hitler-Fackeln / Das Dach von der Fabrik flog durch die Luft wie ein Komet / Die Toten alle kleingebrannt fürs enge Massengrab." Seine Mutter schlug sich mit ihm zur Moorweide durch. Dort – und auf den Stadtparkwiesen – sammelten sich die Überlebenden. 22 Monate zuvor hatten sich an dieser Stelle die ersten tausend von Hamburgs jüdischen Bürgern zum Abtransport in die Vernichtungslager des Ostens einfinden müssen, darunter auch Biermanns Großeltern, Onkel und Tante und Cousin.

Den Davongekommenen boten sich schreckliche Bilder: Hunderte von Toten, viele nackt, auf Wegen, in Bombentrichtern. Umherirrende. Irrsinnig Gewordene. Jammernde. Wimmernde. Schreiende. Verstummte. Überall Flammen und Funkenflug, die Straßen verschüttet. Tagelang kein Telefon, kein Strom, kein Brot. In den Kühlhäusern faulte das Fleisch, bis es endlich an die Überlebenden ausgegeben wurde – nebst einer Sonderzuteilung von 50 Gramm Bohnenkaffee, 10 Zigaretten oder 3 Zigarren, 125 Gramm Süßwaren und einer halben Flasche Spirituosen.

Den ganzen Tag nach dem Angriff wurde es nicht hell in der Stadt, sieben Kilometer hoch ragte die Qualmwolke über ihr in den versengten Himmel. Ununterbrochen rollten Lastwagen voller chlorkalküberstäubter Leichen zu den Friedhöfen, wo Zwangsarbeiter aus dem Osten und KZ-Häftlinge nicht schnell genug die Massengräber ausheben konnten. Es war ein wahres Wunder, dass Hunderttausende sich hatten retten können. Fast eine Million verließ in Panik die Stadt oder wurde mit Sonderzügen der Reichsbahn in weit entfernte Teile des Reiches evakuiert.

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Die Stadt erlebt ein nicht-atomares Hiroshima

Der dritte Nachtangriff am 29./30. Juli traf dann schon eine entvölkerte Stadt. Doch noch einmal kamen an die 1 000 Menschen ums Leben. Der Sachschaden – diesmal in Harvestehude, Rotherbaum, Eppendorf, Uhlenhorst, Winterhude und Barmbek – war wiederum gewaltig. Auch der barocke Turm der Katharinenkirche in der Altstadt fiel diesem Angriff zum Opfer. Erst die letzte Attacke am 3. August verlief glimpflicher: Sie wurde durch ein schweres Gewitter behindert, und die Bomben zerstörten meist nur bereits Zerstörtes.

In seiner Geschichte des Zweiten Weltkriegs schrieb Winston Churchill, der britische Kriegspremier: "Die vier Angriffe auf Hamburg zwischen dem 24. Juli und dem 3. August verursachten die gründlichste Zerstörung, die eine so große Stadt je in so kurzer Zeit erlebt hatte." Es war dies eher eine Untertreibung. In Wahrheit erlebten Hamburg und seine 1,7 Millionen Einwohner ein nicht-atomares Hiroshima.

Im Zeitraum von anderthalb Wochen warfen die alliierten Bomberflotten 12 000 Luftminen, 25 000 Sprengbomben, 3 Millionen Brandbomben, 80 000 Phosphorbrandbomben und 500 Phosphorkanister auf die Stadt – eine Abwurfmenge von acht Kilogramm pro Einwohner. In der Nacht des Feuersturms fielen binnen drei Stunden auf jeden Quadratkilometer der südöstlichen Stadtteile 39 Minen, 803 Sprengbomben und 99 162 Brandbomben.

Während des Unternehmens Gomorrha starben ungefähr 37 000 Menschen, 40 000 wurden verletzt. Insgesamt forderte der Krieg in der Stadt wohl 41 000 Bombenopfer. Doch die genauen Zahlen konnten nie ermittelt werden; sie mögen um einiges höher liegen. An die 277 000 Wohnungen wurden zerstört oder beschädigt, über die Hälfte des Wohnraums, außerdem 272 Schulen, 24 Krankenhäuser und 58 Kirchen. Vom Hauptbahnhof ostwärts bis Rahlstedt lag alles in Schutt und Asche.

Im Hafen waren 90 Prozent der Kaischuppen zerstört, 78 Prozent der Kräne, zwei Drittel der Gleisanlagen, über die Hälfte der Landungsanlagen und fast die Hälfte der Brücken. Zerbombt lagen 312 Wracks auf Grund, 3 000 Schiffe beschädigt an den Kaimauern. Die Industrie war zu 75 Prozent vernichtet. Nach der Zerstörung, nach Flucht und Evakuierung hatte die Stadt 900 000 Einwohner weniger als 1939. Erst 1954 erreichte die Bevölkerungszahl wieder den Vorkriegsstand. Und erst Ende der sechziger Jahre verschwanden die letzten großen Bombenbrachen. Doch das einstige Hamburg existierte nicht mehr.

Die letzten Zeugnisse des Mittelalters, die schönen Barock- und Rokokobauten – fast alles, was der Große Brand 101 Jahre zuvor und die Sanierungen der Jahrhundertwende noch übrig gelassen hatten, wurde im Juli 1943 ein Raub der Flammen. "Wir haben keine Vergangenheit mehr", klagte der Schriftsteller Hans Erich Nossack in seinem erschütternden Augenzeugenbericht Der Untergang . An der Alster und beim Volksparkstadion lagerte die Stadt nach den Aufräumarbeiten 43 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt – zehn Prozent des Schutts, den der Bombenkrieg in ganz Deutschland hinterlassen hat, 21 Kubikmeter pro Einwohner der Hansestadt.

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"Die armen Schweine da unten!"

Die Briten verloren bei dem Unternehmen Gomorrha 86, die Amerikaner 43 Maschinen. Von den 552 Soldaten der Royal Air Force, die über Hamburg starben, liegen viele auf dem Ohlsdorfer Friedhof unweit der Massengräber ihrer Opfer begraben. Als die Bomber nach dem Feuersturmangriff ihr Zielgebiet verließen, meldete sich bei Flight Sergeant Parry sein Staffelführer: "Die armen Schweine da unten!" Der Bomberpilot Richard Mayce blickte auf "eine Art Dantes Inferno" hinab, "eine weite Fläche voller Weißglut – sogar das Wasser brannte". Später wurde Mayce Pazifist.

Bombenterror als kaltblütige Strategie – das Thema ist bis heute so umstritten, wie sein Urheber, Luftmarschall Harris, und dessen Mentor Winston Churchill es sind. Noch in seinen Memoiren blieb "Bomber-Harris" dabei: "Trotz allem, was in Hamburg geschah, erwiesen sich die Bombenangriffe als eine vergleichsweise humane Methode." Freunde errichteten ihm 1992 auf den Stufen der Kirche St. Clement Danes, dicht am Trafalgar Square, ein Denkmal; bei der peinlichen Enthüllung war die Königinmutter zugegen. Einige Unentwegte brachen in Hochrufe aus; einige Unbedingte machten sich mit Protestrufen Luft. In Deutschland mischte sich in die Trauer über die 500 000 Opfer des Bombenkriegs die Einsicht, dass es weder Churchill noch Harris war, der angekündigt hatte: "Wir werden ihre Städte ausradieren" – es war Goebbels gewesen.

Ein nachhaltiger Erfolg war dem Unternehmen Gomorrha nicht beschieden. Zwar fiel die Rüstungsproduktion von 1,8 Monaten aus; sie erreichte jedoch bald aufs Neue den gleichen Stand wie vor der Juli-Katastrophe. Ende September meldete sich Hamburg wieder als "luftschutzbereit". In den Schrebergärten zimmerten sich die Ausgebombten Behelfsunterkünfte. Im Oktober wurde vor dem mächtigen Rathaus, das wundersamerweise fast unbeschädigt geblieben war, auf dem damaligen Adolf-Hitler-Platz eine Gedenkfeier für die Opfer veranstaltet. Der Wille zum Weitermachen war nicht gebrochen; noch nicht.

"Ende August, Anfang September", berichtet Gretl Büttner von der Luftschutzleitung verblüfft, "begannen die angekohlten, verbrannten Bäume neues Laub zu tragen; hellgrüne Blättchen wagten sich hervor. So nahe dem Herbst wurde es über allem unendlichen Grauen noch einmal Frühling. Weißer Flieder duftete in den Gärten der zerstörten Häuser."

Die Menschen ließen sich ebenso wenig entmutigen wie die Natur. "Die unverzagte Stadt", so hat der Schriftsteller Otto Erich Kiesel Hamburg genannt. Noch nach jeder Verheerung ist es wieder auferstanden, wie Hans Leip – der Dichter der Lili Marleen – es 1943 in seinem Lied im Schutt beschworen hat: "Und als ich über die Ferne kam, / Schutt, nichts als Schutt, / als ich über die tote Ferne kam, / da sah ich die tote Stadt von fern / und sah sie aufleuchten wie einen Stern / und sah ihre Not und Trübsal vergehn / und sah die Erschlagene auferstehn, / schöner, als ich sie je gesehn."

So ist es dann auch gekommen. Geblieben aber ist die Erinnerung an eine Katastrophe, in der sich die Unheilsprophetie aus der Offenbarung des Johannes erfüllte: "Weh, weh die große Stadt, in welcher reich geworden sind alle, die da Schiffe im Meer hatten, von ihrer Ware; denn in einer Stunde ist sie verwüstet."

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Eine Ausstellung zur "Operation Gomorrha" zeigt das Landesbildarchiv Hamburg vom 25. Juli bis zum 31. August in den Hamburger Deichtorhallen am Hauptbahnhof (Info: 040/321030; www.deichtorhallen.de ). Neue Bücher zum Thema siehe Aktuelle Bibliografie: Feuersturm