Steht auf der Tafel neben dem Eingang zum Operationssaal bloß "Robo", bedeutet das: Roboter da Vinci muss ran. Seine Kunst ist gefragt, wenn am Herzzentrum Leipzig die Königsdisziplin der minimal invasiven Herzchirurgie auf dem Programm steht: der Schlüssellocheingriff am schlagenden Herzen. Heute soll da Vinci ein verengtes Herzkranzgefäß mit einer körpereigenen Arterie des Patienten überbrücken. Er beugt sich über den Operationstisch und langt mit drei stählernen Krakenarmen nach dem Patienten. Von dem 70-Jährigen unter viel grünem Tuch ist nur die linke Brustwand zu sehen; vier daumendicke Röhren verschwinden in seiner Haut.

Aber da Vinci führt nicht selbst Regie. Diese Aufgabe übernimmt Operateur Volkmar Falk. Der braucht dazu keinen grünen OP-Kittel. Stattdessen macht er es sich im Nebenraum bequem, streift die Gummischlappen von den Füßen, wirft sein Portemonnaie in einen der Schuhe und befestigt gelenkiges Gestänge mit Klettverschlüssen an seinen Fingern. Dann schiebt er den Kopf in einen gefrierschrankgroßen grauen Guckkasten, die Konsole. Diese ist über einen dicken Kabelstrang mit dem Kraken verbunden. Den Sichtkontakt stellt eine Kamera her. Sie übermittelt Falk dreidimensionale Bilder aus dem Brustraum.

Auf vier Monitoren schweben im Kontrollraum eine Zange und ein Elektromesser. Falks Blick gleitet zwischen Brustwand und bebendem Herzen hin und her. Dann bewegen die Finger millimeterweise das Metallgestänge. Synchron vollzieht der Roboter in acht Meter Entfernung die Bewegungen nach. Aber da Vinci mit seinen fünf Computer-Prozessoren ist nicht nur Falks Sklave. Er wacht im Bauch auch über jeden Fingerzeig des Chirurgen und eliminiert dabei das Zittern seines menschlichen Regisseurs.

Wie ein Prothesenarm schiebt sich jetzt auf dem Schirm das Elektromesser von rechts in die Bildmitte und löst zügig eine Arterie von der Innenseite der Brustwand ab. Links ist die Zange damit beschäftigt, immer wieder Fettfetzen beiseite zu schieben. "Eine schöne Frickelei!", sagt Falk, während er sein Handgelenk elegant kreisen lässt. Per Mikrofon gibt er Kommandos an die Schwester. Die bestückt die Maschine mit anderen Instrumenten. Dann rucken die Krakenarme über dem Patienten wieder hin und her, wie die Fertigungsroboter einer Montagestraße. Falks Assistent sitzt neben dem Operationstisch, die Arme verschränkt, den Blick starr auf einen Monitor gerichtet. Er ist zum bloßen Handlanger von da Vinci degradiert, darf hin und wieder dessen Greifarme neu positionieren.