Eigentlich, seufzt Joan Valls, „ist es ja schön hier, so mit den Bergen gleich vor der Tür“. Und doch fühlt sich die energische Frau mit den orangefarbenen Locken, die sich grimmig um ihr Gesicht sträuben, nicht mehr wohl in Uniontown. Da ist der Dampf, der an kühlen Tagen aus dem Boden steigt wie aus einem Topf heißer Kartoffeln. Da sind die Gerüchte, dass das Klo eines Nachbarn mit heißem Wasser spült. Und die Hitzeschlieren, die im Sommer gelegentlich über der Wiese flimmern. Manchmal riecht es auch komisch, „so als verbrenne jemand Papier“, erzählt Joans Mann Emory. Solche Anzeichen erfüllen den 64-Jährigen mit Angst, Wut und Hilflosigkeit – all das, davon ist der gartenzwergrunde Mann mit den flehenden Augen hinter der Zweistärkenbrille überzeugt, hat ihn zum Diabetiker gemacht.

Dabei sind die Menschen in diesem Teil Pennsylvanias Kapriolen der Erde gewöhnt. Die Gegend um Uniontown liegt über dem Pittsburger Kohlesaum – einst wurde hier so viel Koks produziert wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. Viele Minen sind längst geschlossen, doch wie Kohlestaub, der sich in Hautfalten eingegraben hat, trägt der Landstrich unauslöschlich die Spuren der Vergangenheit: verfallende Koksöfen, zuwuchernde Stolleneingänge, Stadtfassaden, die von stolzerer Zeit zeugen. Heute säumen bescheidene Bungalows ordentliche Straßen. Dass Häuser langsam versinken, weil der stollendurchlöcherte Boden unter ihnen in die Knie geht wie ein zuschanden gerittener Gaul, wird stoisch in Kauf genommen.

Ein geologisches Krebsgeschwür

Was aber hinter Joan und Emorys weiß verschaltem Haus geschieht, ist tückischer. Nur einen Steinwurf hinter dem Garten mit den sorgfältig gehätschelten Erdbeer- und Salatpflänzchen brennt die Erde. Genauer gesagt: Tief unter der Oberfläche hat ein alter Kohlestollen Feuer gefangen. Und nun fressen sich die Flammen durch den Untergrund wie ein geologisches Krebsgeschwür – geradewegs, so fürchtet Emory, auf sein Haus zu.

Denn Kohle besitzt die bemerkenswerte Fähigkeit, sich selbst entzünden zu können. Kommt Sauerstoff an sie heran – durch eine Erdritze oder eine Mine –, beginnt eine Reaktion, die Wärme freisetzt. Kann diese sich nicht verflüchtigen, etwa weil die Luft im Stollen stagniert, steigt die Temperatur. Schließlich beginnt die Kohle zu schwelen.

In der Praxis kürzt der Mensch diesen Prozess unfreiwillig ab, durch eine achtlos weggeschnippte Zigarette oder den unvorsichtigen Einsatz eines Schweißgeräts. Früher, als die ländlichen Gebiete Pennsylvanias noch nicht an die offizielle Müllabfuhr angeschlossen waren, kam es vor, dass Anwohner Schutt in alten Stollen verbrannten. So fing das Feuer hinter Emorys Haus an, ebenso wie das wohl berühmteste Minenfeuer Amerikas in Centralia, 430 Kilometer nordöstlich von Uniontown. Centralia ist heute eine Geisterstadt, weniger als zwei Dutzend der einst 1100 Bewohner harren hier noch aus. Zumeist hoch betagt, suchen sie ihren Weg durch Hintergärten, aus denen der Rauch quillt, über geborstene Straßen, der Boden mürbe gebacken, die Pflanzen schwefelverkrustet. Durch drei Kohleadern und knapp 180 Hektar fraß sich das Feuer in den vergangenen vier Jahrzehnten.

Denn sind die unterirdischen Kohlebrände erst einmal entfacht, lassen sie sich nur schwer wieder löschen. Das Phänomen beschränkt sich nicht nur auf Pennsylvania. In Australien brennt ein Berg seit möglicherweise 6000 Jahren – lange hielt man ihn für einen Vulkan. In Colorado löste ein seit 1910 vor sich hin glimmendes Minenfeuer vor zwei Jahren einen Waldbrand aus, der über 47 Quadratkilometer fegte und Dutzende Häuser zerstörte. In Indien gehören störrische Minenbrände so sehr zum Alltag der Kohleindustrie, dass die Bergleute einfach um die Brandherde herumarbeiten – immer wieder kommt es dabei zu tödlichen Unfällen.

Kohlefeuer sind aber auch aus der Ferne erschreckend. Sie werden verdächtigt, Gifte und Schwermetalle wie Arsen, Blei und Fluor freizusetzen, und sie produzieren klimaschädliche Treibhausgase. Ein Bericht des Clean Coal Centre der Internationalen Energiebehörde IEA kam 1999 zu dem Schluss, dass unterirdische Kohlefeuer zum Teil „gewichtige weltweite Konsequenzen haben“. Schätzungen sind schwierig, doch manche Forscher vermuten, dass allein China, der global größte Kohleproduzent, jährlich bis zu 200 Millionen Tonnen Kohle durch Minenbrände verliert. Damit würde die ungenutzt in chinesischen Stollen verkokelnde Kohle fast so viel Kohlendioxid freisetzen wie alle Autos und Kleintransporter der USA zusammen. „Es ist eine furchtbare Katastrophe“, sagt Glenn B. Stracher, ein Forscher am East Georgia College in Swainsboro, der unterirdische Kohlebrände seit zwölf Jahren studiert. Doch weil sich die Katastrophe vor allem in isolierten und ärmlichen Regionen abspielt, wurde sie lange ignoriert.

So vermag bisher niemand zu sagen, wie viele Kohleadern weltweit in Flammen stehen. Allein für Indonesien, wo die Flöze oft dicht unter der Oberfläche liegen (und die Kohlebrände damit eine Rolle in dem scheinbar endlosen Zyklus von Waldbränden spielen könnten), reichen die Schätzungen von 760 bis zu 30 000 brennenden Flözen. „Diese Feuer können jederzeit entflammen, darum hat keiner gesicherte Zahlen“, sagt Stracher. Erst in jüngeren Jahren begannen Forscher und Regierungsbehörden, mit Nah-Infrarotsatelliten die Kohlefeuer zu kartieren.

Seit kurzem interessiert sich auch die deutsche Industrie für die Kohlebrände in der Ferne. Der Grund: Das Kyoto-Abkommen zwingt die Unternehmen, Treibhausgase zu reduzieren. „Bei dem hohen Standard, den wir in Deutschland bereits haben, kostet es einen Energieversorger vielleicht zehn Euro, eine Tonne Kohlendioxid einzusparen“, sagt Stefan Voigt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). „Einen Kohlebrand in China zu löschen kostet ihn vielleicht nur einen bis zwei Euro pro Tonne. Damit ist den Chinesen geholfen, aber auch der deutschen Seite. Es ist eine Win-win-Situation.“

Doch bisher gibt es nur eine verlässliche Methode, um unterirdische Kohlebrände zu löschen. Dafür muss der gesamte Brandherd per Hand oder Bulldozer ausgegraben und in Stücke zerklopft werden, bis die Kohle auf eine sichere Temperatur herabgekühlt ist. „Berge bewegen“, nennt Voigt es, der selbst asiatische Kohlefeuer kartiert. Es ist ein Prozess, der Jahre beansprucht und auch bei kleineren Bränden schnell Millionen verschlingt. Und selbst dann dürfe man sie nicht unterschätzen, mahnt die Kohlefeuerforscherin Anupma Prakash von der Universität von Alaska. „Diese Brände haben die Tendenz, wieder aufzuflammen, Jahre, nachdem man glaubte, sie seien aus“, stellte die Wissenschaftlerin fest.

Kaum jemand weiß besser als die Geologen in Pennsylvania, wie unberechenbar Kohlebrände sein können. Gerade erst ist der Staat dabei, 1,2 Millionen Dollar auszugeben, um ein unterirdisches Feuer nahe Pittsburg zu löschen. Der Brand gilt als der „Sohn“ eines Feuers aus den sechziger Jahren. „Diese Dinger wandern durch die Minen und tauchen plötzlich Hunderte von Metern entfernt wieder auf“, sagt der leitende Geologe Steve Jones.

Schaumwände gegen die Flammen

Das Feuer hinter Emorys Haus versuchten Staat und Bundesregierung erst gar nicht zu löschen. Als sie den Kampf gegen den Brand Ende der siebziger Jahre aufnahmen, war es zu spät für solch eine langwierige Grabaktion. Zu weit hatte sich das Feuer schon ausgedehnt, zu nah war es an die Uniontowner Vororte Youngstown und Percy herangerückt. Stattdessen hoben die Arbeiter in einer 2,5-Millionen-Dollar-Notaktion einen Graben um die Siedlungen aus und füllten ihn mit Ton. Wie eine Feuerschneise im Wald würde die Barriere dem Brand die Nahrung entziehen, hofften die Experten. Doch die Flammen krochen um das Hindernis herum. Zehn Jahre später fraß sich das Feuer erneut auf Youngstown und Percy zu. Dieses Mal bohrten die Ingenieure Hunderte von Löchern in die Wiese hinter Emorys Haus und pumpten einen selbsthärtenden Schaum in den Untergrund – eine feuerfeste Wand zwischen dem Minenbrand und den Anwohnern. „Wir sind ziemlich zuversichtlich, dass die Barriere ausreichend Schutz bietet“, sagt Richard Balogh vom Office for Surface Mining.

Viele Anwohner aber sind zermürbt von Angst. „Als sie den Schaum einfüllten, schworen sie, dass er nie an die Oberfläche kommen würde“, klagt Emorys Nachbarin Lois Minnick. „Ein paar Monate später sah es hier aus, als sei eine gigantische Waschmaschine übergequollen. Aber wir sollen ihnen glauben, wenn sie versprechen, dass es keinen Grund zur Sorge gibt?“ Gleich zwei Kohlenmonoxidmelder installierten die Ingenieure in Minnicks Haus, keine 60 Meter vom Feuer entfernt. Die Wiese, auf der die Kinder der Nachbarschaft früher Baseball spielten, wölbt sich heute in wüsten Mulden wie der Kuchen einer ungeübten Hausfrau. Ein Stoppelfeld von Überwachungsrohren ist eine stete Mahnung an die Gefahr von unten. Und auch der Blick in die entgegengesetzte Richtung bietet keinen Trost. „Siehst du den Streifen Gras am Ende der Straße?“, fragt Lois. „Dort verlaufen zwei Pipelines, die die halbe US-Ostküste mit Erdgas versorgen.“ Die Ingenieure sehen keine Gefahr, doch Lois, Joan und Emory können sich nervöser Gedanken nicht erwehren. Was, wenn die Hitzeschlieren und der verbrannte Geruch in der Luft bedeuten, dass das Feuer die Barriere erneut überwunden hat? „Es heißt, die Pipeline werde nachts nur von einem Mann per Computer überwacht, und der sitzt in Texas. Wenn der aufs Klo geht, kann hier der halbe Landkreis in die Luft fliegen, bevor er das merkt“, sagt Emory düster. „Das gibt einen neuen Grand Canyon“, prophezeit Lois. „Schlimmer als eine Bombe“, nickt Joan.

Längst haben sie aufgehört, mehr als die nötigsten Instandhaltungsarbeiten an ihren Häusern zu machen. Könnten sie es sich nur leisten, würden sie wegziehen. Doch wer kauft schon ein Haus, neben dem der Boden schmort? Dreimal brachte Lois ihr Heim bereits auf den Markt. Dreimal platzte der Handel, als die Sache mit dem Kohlefeuer zur Sprache kam. „Beim letzten Mal streikte die Bank“, sagt Lois. „Sie sagten der Käuferin: Wir leihen dir das Geld, um ein Haus zu kaufen – nur nicht dieses.“