Eine für diesen Herbst geplante Ausstellung zur Geschichte der Rote-Armee-Fraktion sorgt für immer größeren Wirbel. Angeschoben durch die BILD-Zeitung am Dienstag mit der Zeile: „Warum zahlt Berlin 100 000 Euro für Skandal-Ausstellung über RAF?“ galt das Entsetzen angesichts der maroden finanziellen Situation der Stadt zunächst nur der finanziellen Förderung der Ausstellung durch den Hauptstadt-Kulturfonds. Mittlerweile spaltet die Stellungnahme zur RAF-Ausstellung nicht nur die Medienlandschaft in politische Lager. Bald stellte sich nämlich heraus, dass die Angehörigen der Opfer der Baader-Meinhof-Bande von dem Vorhaben der Ausstellung nicht benachrichtigt worden waren. Die Familien der Opfer richteten ein Protestschreiben an führende Bundespolitiker, die die Ausstellung daraufhin als „ungeheuerlichen Skandal“ (Unions-Fraktionsvize Friedrich Merz) und Verhöhnung der Opfer verurteilten. FDP-Chef Guido Westerwelle will sich dafür einsetzen, dass für die diese Ausstellung keine Steuergelder verschwendet werden und Bundesinnenminister Otto Schily, einst Verteidiger von RAF-Häftlingen, nannte das Schreiben der Angehörigen „sehr berechtigt“.

Dabei ist der genaue Inhalt der Ausstellung bisher nur ansatzweise bekannt. Auf diesen Punkt stützen sich die meisten der beschwichtigenden Stellungnahmen. Verbrechen der Geschichte durch Kunst aufzuarbeiten, ist ja prinzipiell eine wichtige und richtige Aufgabe. Schon die öffentliche Erregung spricht dafür, den Terrorismus durch die RAF in Deutschland zu thematisieren, so weit hat Ausstellungsleiter Klaus Biesenbach recht und so sah es auch der künstlerische Beirat, der die Ausstellung empfahl und die Kommission, die sie bewilligte. Es gehe hier nicht um Glorifizierung, sondern um das Gegenteil, ließen die Veranstalter mitteilen. In den vergangenen Jahren habe es in der popkulturellen Szene wie in den Medien zahlreiche Filme und Berichte gegeben, die die RAF uneindeutig und teils unkritisch behandelt hätten. Jetzt sei es an der Zeit, dieses Thema mit einem wissenschaftlich fundierten Ansatz anzugehen. Aus dieser Perspektive nährt sich das Unverständnis linksorientierter Medien („Alles nur Stimmungsmache“, TAZ) gegenüber der Diskussion. Für die Bundeszentrale für politische Bildung, die eine Unterstützung zunächst erwägt hatte, war allerdings jener wissenschaftliche Ansatz in der Ausstellung nicht gegeben.

Wer sich wirklich kritisch der Aufarbeitung eines schrecklichen Kapitels der Bundesrepublik stellen und der Mythenbildung der RAF in der popkulturellen Szene entgegenwirken will, muss natürlich die Geschichte der Opfer mit einbeziehen. Das haben mittlerweile auch die Veranstalter kapiert, die an diesen Aspekt der Aufarbeitung bis dato nicht gedacht hatten. Denn wer, wie im ersten Konzeptpapier festgehalten, nur nach den „Ideen und Idealen, die ihren Wert durch die Zeit behalten“ fragt, der muss sich zu Recht dem Vorwurf einer heimlichen Verklärung der Täter und der Geschichtsverfälschung stellen. Verständlich ist daher, dass sich die Angehörigen entrüstet zeigten, denen Schmerz mehr wiegt als jedes künstlerische Experiment. Mit dem Tod der Opfer muss respektvoller umgegangen werden als es durch die Veranstalter von „Mythos RAF“ geschehen ist, und dass ohne die Kunst moralisch zensiert zu wollen. Feingefühl müssen in so einem Fall die Mitglieder des Hauptstadt-Kulturfonds zeigen: Die parteilose Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Berlins Kultursenator Thomas Flierl, PDS, hatten jedoch das Konzeptpapier ohne Beanstandung gebilligt, und der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit verließ sich auf die notwendige Sensibilität des Veranstalters, der Berliner Kunst-Werke. Der Berliner Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann tat die Aufgeregtheit über die Ausstellung gar als „Sommer-Hype“ ab und befand, die Politik habe andere Aufgaben, als dem medialen Sommerloch zuliebe kulturelle Entscheidungen zu korrigieren. Mittlerweile haben die Organisatoren von „Mythos RAF“ das Konzept allerdings zurückgezogen und eingeräumt, dass eine gründliche Überarbeitung notwendig sei und die Ausstellung um ein Jahr verschoben werden solle. Dennoch, so vermuten die Gegner der Ausstellung, bleiben die gestrichenen Passagen verräterisch, weil sie mehr über den Hintergrund der Ausstellungsplaner aussagen, als ihnen heute noch genehm ist. Veranstalter Klaus Biesenbach ist trotz der öffentlichen Entrüstung optimistisch, dass die Ausstellung zustande kommen wird.

Die Diskussion zeigt vor allem eines: dass die RAF als eines der dunkelsten Kapitel der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte gilt. Zwischen 1971 und 1992 hat die Terrorgruppe mindestens 30 Morde zu verantworten, seit 1985 ist keines der Verbrechen mehr aufgeklärt worden. Mit Terroraktionen arbeitete die RAF gegen die in ihren Augen imperialistische und monopolkapitalistische Gesellschaft. Die Todesschüsse trafen vor allem prominente Vertreter aus Politik und Wirtschaft, zuletzt Treuhandchef Detlef Karsten Rohwedder (1991). Dass eine Auseinandersetzung mit dieser Phase deutscher Geschichte notwendig ist, darüber besteht kein Zweifel.

Es ist nun fraglich, ob eine reine Kunstausstellung das richtige Medium ist, um über dieses schwierige Kapitel Zeitgeschichte zu informieren. Es ist vielmehr ein Paradoxon, dass eine Kunstausstellung faktische Aufklärung leisten will. In Büchern und Filmen wurde und wird die RAF-Zeit zumeist personalisiert dargestellt. Wenn im Rahmen dieser Ausstellung ein Weg gefunden würde, wie Zeitgeschichte, Kunst und die Perspektive der Opfer miteinander verbunden werden können, dann könnte diese Ausstellung einen wichtigen aufklärerischen Beitrag leisten. Mit einer Fokussierung auf die Darstellung der RAF in der Kunst, wie es bisher geplant war, wäre die vom Veranstalter versprochene „historisch fundierte Einordnung der RAF“ schwer gefallen. Bis 2004 bleibt aber jetzt genügend Zeit, geschichtliche Fakten sowie die Opfer- und Hinterbliebenenperspektive angemessen zu würdigen.