Ich liebe Staus auf der Autobahn. Je länger, desto besser. Besonders zur Sommerferienzeit. Der Grund: Ich stecke selbst nicht drin. Wie viele begeisterte Gärtner ziehe ich es vor, die Hauptreisezeit geruhsam im eigenen Revier zu verbringen. Und wie entspannend ist es dann, an warmen Abenden durch die offene Terrassentür dem Verkehrsfunk zu lauschen: "Ortskundige werden gebeten, auf Nebenstrecken auszuweichen…"

Allzu oft habe ich mich von mobileren Bekannten uncoolen Spießertums bezichtigen lassen müssen, weil ich den Sommer daheim nicht um buchstäblich jeden Preis vermeide. Aber ich genieße es nun mal, wenn es so richtig heiß ist – und ich ausgiebig den Garten gießen kann. Natürlich nicht nebenbei, nicht hastig im Akkord, weil es nun einmal sein muss. Wie alle echten Vergnügen will auch das abendliche Blumengießen zelebriert werden, insbesondere weil ich viel zu selten dazu komme. In den letzten norddeutschen "Sommern" begann der Tag meist mit einem panischen Blick aufs Thermometer (sieben Grad Celsius während der Hundstage) und endete mit Molluskenjagd oder dem Notschlachten krankgeregneter Tomaten.

Aber dieses Jahr… Es darf gegossen werden! Dafür gibt es Tipps, die sowohl den Pflanzen als auch der Wasserrechnung zugute kommen. Am wichtigsten: Nicht oft und wenig, sondern seltener, aber dann durchdringend gießen, möglichst so lange, bis der Boden etwa 25 Zentimeter tief feucht ist. Häufiges unzureichendes Bewässern lässt viele Pflanzen ihre Wurzeln dicht an der Oberfläche ausbilden und macht sie damit noch trockenheitsempfindlicher. Besonders gilt das für den Rasen, da Gräser ohnehin schon Flachwurzler sind. Werden sie im Sommer nicht kurz geschoren, können sie Hitze und Trockenheit übrigens wesentlich besser standhalten.

Das hat noch einen erfreulichen Nebeneffekt: Reifende Grasrispen bieten vielen Vögeln Futter, wenn alles rundherum verdorrt. Auf Beeten und vor allem unter Sträuchern und Bäumen hält eine dicke Abdeckung, etwa mit Rindenmulch, Kompost oder Grasschnitt, die Feuchtigkeit länger im Boden.

Da ich mehr aus Freude denn aus Pflicht gieße, ziehe ich die Kanne dem Gartenschlauch vor. Anfangs habe ich aus ästhetischen Gründen noch eine edle, aber fürchterlich schwere Metallgießkanne benutzt. Einmal konnte ich sogar der Versuchung nicht widerstehen, mich zur Gießrunde wie im Lifestyle-Magazin in ein luftiges Gewand im Blumendessin zu hüllen. Ich fühlte mich zwar wie das Model in einer dieser glamourösen Fotoreportagen, die Titel wie Gartenerlebnis mit allen Sinnen tragen. Doch nach dem ersten hautnahen Kontakt mit den Heckenrosen hatten sich Kleid und Stil gleichermaßen gründlich erledigt. Das mit den Sinnen stimmte zwar, aber anders als erwartet: Gekrümmte Dornen in nackter Schulter tun ziemlich weh.

Inzwischen trage ich abgeschnittene Jeans und benutzte zwei hässliche, aber leichte Zehn-Liter-Kannen aus Plastik. Die überfordern selbst meine alles andere als rekordverdächtigen Körperkräfte nicht, und das Wasser lässt sich gut dosieren. Das ist wichtig, denn die meisten Pflanzen verabscheuen es, auf den Blätter begossen zu werden, ganz besonders bei Hitze: Bei Sonne verursacht das Temperaturschocks oder Verbrennungen, abends Pilzkrankheiten. "Der Boden feucht, die Pflanzen trocken", lautet eine eiserne Gärtnerregel, und das ist gar nicht so einfach, wie es klingt: Ein zu harter Wasserstrahl aus dem Schlauch verdichtet die Erde, verdreckt die Pflanzen von unten, läuft schnell ab und bewässert so die Wege weitaus gründlicher als das Beet. Benutzt man den Gartenschlauch vorsichtig, muss man ewig, oft noch gebückt am selben Platz verharren, bis der Boden wirklich feucht ist. Den Schlauch leicht tröpfelnd über längere Zeit liegenzulassen ist zwar die Methode der Wahl für große Kletterpflanzen, Bäume und Sträucher, kann aber die Wasserrechnung ins Astronomische treiben.

Ich bleibe daher in meinem kleinen Garten der guten alten Gießkanne treu. Ich mag diese gedämpfte Stunde nach der Dramatik der Tageshitze, das beruhigende Plätschern, mit dem sich die Kannen füllen, und sogar das Gewicht, mit dem das kostbare Wasser an meinen Schultern zerrt – zumindest bei den ersten 200 Litern. Ich stehe gern lange bei einer Pflanze, ohne dass sich der blockierte Schlauch in meinem Rücken unheildrohend windet und aufbläht wie eine Riesenschlange, binde hier eine Ranke Kapuzinerkresse hoch oder freue mich dort auf die nächste glänzende Zucchini zum Mittagessen. (Allerdings – wann gibt es eigentlich mittags mal wieder was anderes…?) Als krönenden Abschluss der großen Abendrunde sehe ich dann den Nachtkerzen zu, die im Zeitraffer ihre zitronengelben Blüten entfalten, während ich nebenan ausgiebig die Clematis gieße.

Wie schade wäre es, sich mit automatischen Bewässerungssystemen dieser vollkommenen Stunden zu berauben! Dieser seltenen Gelegenheiten, bei denen mir mein Garten tatsächlich so romantisch erscheint, wie ich ihn mir immer erträumt habe. Noch bin ich nicht ganz so weit, mich in solchen Momenten mit meinen Pflanzen zu unterhalten. Aber wenn die Nachtkerzen sich in der Dämmerung knittrig-zart und duftend öffnen, dann kann ich mir das einen verrückten Augenblick lang durchaus vorstellen.