Wer sein Land verlassen muss, macht sich ein Bild von seiner neuen Heimat. Aber das gilt wohl nur im übertragenen Sinn. Die Bilder, die er tatsächlich mitnimmt und später aufhängt, sind die von früher, von einer Welt, in die er nicht mehr zurückkehren kann. Wer den Auftrag bekommt, Immigranten zu fotografieren, steht vor einem anderen Problem. Er will sicher helfen, indem er deren Leben am Rande der Gesellschaft ins öffentliche Bewusstsein rückt. Doch dadurch macht er Menschen, die sich nach Normalität sehnen, zum Objekt seiner Kamera, zur Sensation, die man anstarrt.

Die Berliner Fotojournalistin Anna Voswinckel stand vor diesem Dilemma, als sie sich an einem Wettbewerb mit dem Titel Lebensarten – Migration und Integration in Deutschland beteiligte, den die Körber-Stiftung für dieses Jahr ausschrieb; und sie fand eine originelle Lösung. Nicht die Migranten selbst sollten im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen, sondern deren Wünsche und Träume. Dazu sprach sie Asylbewerber an und bat sie, sich ein beliebiges Motiv auszusuchen, das ihnen am Herzen lag. Dann fotografierte sie es und schenkte ihnen einen dekorativen Abzug. Und wer dann wollte, ließ im Austausch ein Bild von seiner so verschönerten Wohnung anfertigen.

Dass die Wunschbilder nur selten direkt mit den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu tun haben, ist wohl dem finanziellen Rahmen des Projektes geschuldet. Doch neben universellen Motiven wie einer Pietà-Skulptur oder Tieren kam verblüffenderweise auch mehrfach spezifisch Deutsches vor, darunter das Brandenburger Tor und der Fußballer Michael Ballack.

Es war nicht Eitelkeit, was die Fotografin dazu bewog, ihre Bilder als Lichtblick in der Tristesse der Asylbewerberheime zu inszenieren. Sie begreift die Arrangements als eine Versuchsanordnung: "Interessant finde ich dabei die Frage, inwieweit diese Bilder sich in die Lebenswelten der Migranten integrieren können, oder ob sie Fremdkörper bleiben. Meine geschenkten Bilder bedeuten ja grundsätzlich einen Eingriff in die Gestaltung des Wohnraums. Trotzdem versuchte ich, meine Bilder an den eigenen Stil der Personen so, wie ich sie kennen gelernt habe, anzupassen." Anna Voswinckel hat das allfällige Bemühen um die Eingliederung der Migranten im Gastland also auf den Kopf gestellt und ein Stück Deutschland in die Lebensräume der Asylbewerber eingegliedert – ein Stück, über das sie so frei verfügen konnten, wie sie selbst der Verfügungsgewalt deutscher Behörden unterliegen.

Es dauerte lange, bis die Fotografin in Berliner Heimen sieben Personen oder Familien gefunden hatte, die bereit waren, sich an dem Experiment zu beteiligen – selbst unter Zusicherung von Anonymität. Sie unterstreicht diese Scheu durch die Schemenhaftigkeit der Menschen auf ihren Bildern und die Flüchtigkeit der dokumentierten Gespräche. Wie man hier sehen kann, ist jede Heimwohnung ein eigenes Land, und dort sind wir nur die Gäste.    (Michael Allmaier)

 

  * Hier finden Sie die Wunschbilder der Migranten: