Welch überwältigende Ehrerbietung! Fast alle Senatoren, der ganze Kongress sowie das Kabinett der Vereinigten Staaten mit Vizepräsident, Außenminister und Verteidigungsminister sind versammelt. 448 Menschen im Plenum, 623 auf den Rängen. Das Establishment des mächtigsten Staates der Welt. Dazu 116 Journalisten.

Sie stehen, sie klatschen, sie jubeln, als Tony Blair Einzug hält. Drängen vor, ihm die Hand zu schütteln. Und sie sehen dieses berühmte Tony-Blair-Strahlen – die Zähne entblößt, das Kinn vorgereckt. Dann steht Blair am Rednerpult, seine Hände zittern. Hat er Lampenfieber? Als er zu sprechen anhebt, klingt seine Stimme dünn, fast zerbrechlich. Er krampft die zitternden Finger zusammen, doch schon nach dem zweiten Satz ist das hingebungsvolle Publikum wieder applaudierend auf den Beinen.

"Der 11. September", führt er im Stile eines Shakespeareschen Versmaßes aus, "war kein vereinzelter Akt / sondern ein tragischer Prolog / Irak – ein zweiter Akt / und viele Schlachten werden folgen / vor dem Ende."

Schauspieler war Tony Blair schon als Teenager mit Leidenschaft. Mit 14 Jahren spielte er den Mark Antonius in Shakespeares Julius Caesar. Den größten Erfolg seiner Schulzeit errang er als 18Jähriger in der Hauptrolle von R. C. Sherriffs Journey’s End, einem surrealen Drama über den Ersten Weltkrieg – einem Antikriegsstück. In einem Pathos, das an Winston Churchill erinnert, fährt der britische Premier fort: "Noch nie gab es eine Zeit, in der amerikanische Macht so notwendig war; in der sie so falsch verstanden worden ist und in der das Studium der Vergangenheit uns mit so wenig Lehren für die Gegenwart versieht."

Als drittem Briten nach Churchill und Margaret Thatcher verleiht der US-Kongress Blair die Gold Medal of the Congress, die höchste amerikanische Auszeichnung für Zivilisten. Als vierter Premierminister nach Churchill, Thatcher und Attlee (den er am 2. August als den Labour-Premier mit der längsten Amtszeit überrunden wird) spricht er auf einer gemeinsamen Sitzung von Kongress und Senat. Er beschwört die "Flamme der Freiheit", die "universalen Werte des menschlichen Geistes" und deklamiert emphatisch, dass die Geschichte "es uns nicht nachgesehen hätte, wenn wir angesichts der Bedrohung zurückgewichen wären. Daran glaube ich mit jeder Faser meines Instinkts und meiner Überzeugung."

Neunzehn Mal erhebt sich das Publikum und klatscht ihm zu. Bravorufe und begeisterte Pfiffe hallen durch den ehrwürdigen Saal. Fast jedes Mal geht der Anstoß für die Ovationen von der rechten Seite des Hauses aus, von den Republikanern. Blair empfängt den Beifall wie ein Matador nach besonders gelungenen Drehungen. Selbstbewusst und überlegen bringt er das Publikum, das ihn anfangs einzuschüchtern schien, mit sparsamen Kopfbewegungen zur Ruhe. Um die neue und tödliche Gefahr zu beschwören, die "aus den Schatten und der Dunkelheit in jenen Teilen der Welt getreten ist, die nicht im Licht der Freiheit stehen".

Seine Hände formen die Sätze nach, als ließen Gedanken sich in Gesten fassen. Den Schluss seiner Darbietung bringt er ganz leise vor, wie ein in Trance geratener Prediger: "Wenn unser Sinn recht ist und unser Mut fest, wird die Welt mit uns sein."

Tony Blair macht die Welt zu seiner Bühne. Einen "gigantischen Egotrip" nennt die Times Blairs Reise, die ihn von Washington weiter nach Tokyo, Seoul, Peking, Shanghai und Hongkong führt. Als wolle der Premier sich draußen in der Welt jener Wärme und Zuneigung versichern, die er zu Hause längst eingebüßt hat.

Die gecharterte Boeing 777 der British Airways mit Blair und seiner Entourage an Bord fliegt gerade irgendwo über Alaska auf dem Weg von Washington nach Tokyo. Es ist mitten in der Nacht, die meisten Mitarbeiter des Stabs und die mitreisenden Journalisten schlummern unter ihren Flugdecken, als Blairs diensthabender Adjutant benachrichtigt wird. Es ist halb zehn Uhr morgens britischer Zeit.

Schon als Schüler hatte er Anhänger, die ihn nachahmten

David Kelly, ein ehemaliger Waffeninspekteur der UN und Experte im Verteidigungsministerium für biologische und chemische Waffen, ist verschwunden. Zwei Stunden später findet die Polizei Kellys Leiche. Selbstmord. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass der Experte Kontaktmann des BBC-Journalisten Andrew Gilligan war, der Blair und dessen Kommunikationsdirektor Alistair Campbell beschuldigt hatte, Geheimdienst-Informationen zur Rechtfertigung des Irak-Kriegs maßlos aufgebauscht zu haben. Hat sich Kelly deswegen das Leben genommen?

Krisenstimmung breitet sich an Bord aus, fast eine Endzeitstimmung. Der Premierminister führt hektische Telefonate mit Verteidigungsminister Geoff Hoon, mit seinem Jugendfreund Charles Faulkner, den er unlängst zum Lordkanzler und Minister für Verfassungsangelegenheiten befördert hat. Und zweimal mit dem höchsten Beamten im Verteidigungsministerium, Sir Kevin Tebbit. Hinten im Flugzeug geben die Journalisten ein Vermögen an den in die Sitze eingebauten Satellitentelefonen aus.

Ein derber und gut gelaunter Haufen ist diese berüchtigte Meute englischer Politikkorrespondenten, deren höchste Ambition darin besteht, Minister und Regierungen abzuschießen. Jetzt haben sie den Premierminister im Visier. Solange er der Darling der Medien war, die Lichtgestalt einer neuen Politikergeneration, konnten sie sich seiner kaum erwehren. Die ganze Zeit tanzte dieser erfrischende Tony Blair bei Auslandsreisen hinten im Flugzeug an, für vertrauliche Tête-à-têtes, für Hintergrundgespräche, für Interviews. Jetzt lässt er sich nicht blicken. Schon auf der Andrews Air Force Base hatte er die Meute keines Blickes gewürdigt; den amerikanischen TV-Crews winkte er jovial zu. Als Frau Blair oben auf der Treppe auch für britische Kameras posieren wollte, zog Tony sie unwirsch ins Flugzeug.