Für 299 Euro kannst du auch nach Paris fahren", sagt Levente, meine Mitfahrgelegenheit. Das stimmt wohl. Das Geld reichte sicher für einen netten Stadtbummel, gutes Essen und die Übernachtung in einem ordentlichen Hotel. Ich aber will dieses Mal Luxus – vor allem den, der darin besteht, sich ohne Bedenken von allem das Beste zu gönnen, einen schönen Tag lang wie die Operettenmillionäre zu fragen: Was kostet die Welt? Das ginge in Frankreich nicht lange gut. Darum fahre ich auf dem Rücksitz von Leventes altem Audi 80 in die andere Richtung, in ein günstigeres Land.

Folgt man der Spesenerstattungstabelle aus den Lohnsteuerrichtlinien, dann lebt es sich für Reisende aus Deutschland am billigsten in Rumänien. Nur 16 Euro am Tag darf man dort abrechnen, weniger als irgendwo sonst. Ich werde es ausprobieren. Anzug, Kaviarlöffel und Sektglas habe ich dabei. Alles Übrige wird gekauft.

Levente scheint nicht vom Erfolg meines Vorhabens überzeugt zu sein. Immer wieder spendiert er etwas zu essen oder zu trinken. Als er mich in Budapest absetzt, gibt er mir noch die Telefonnummer vom Freund eines rumänischen Freundes, falls ich in Schwierigkeiten geraten sollte.

Der Nachtzug bringt mich nach Temesvár, an das Ziel meiner Reise. Das einstige Zentrum des Banat gilt heute nicht nur der Lage nach als die westlichste Stadt Rumäniens. Die Straßen hier verlaufen halbkreisförmig wie der Bega-Fluss, der das Zentrum umfasst. Man verliert leicht die Orientierung. In einem Antiquariat bekomme ich einen deutschsprachigen Reiseführer von 1985. Damals kostete er 20 Lei, heute sind es 100000, ungefähr drei Euro. "Diese Stadt, stets regsam und betriebsam, wollte offensichtlich nie Museum sein", lese ich. Der Autor konnte nicht ahnen, wie viel Recht er damit hatte. Mein Versuch, seinem Stadtbummel zu folgen, scheitert daran, dass ich schon die erste Station, die Karl-Marx-Allee, nicht finde. Heute sind die Magistralen nach der Revolution benannt, die hier und nicht in der Funktionärsstadt Bukarest begann.

Eine komfortable Bleibe verspricht das Hotel International, das im Führer noch nicht verzeichnet ist, weil es seinem Namen zum Trotz eine sehr nationale Hinterlassenschaft birgt: Es war bis 1989 die örtliche Residenz des Ehepaars Ceausescu. Sonderlich prunkvoll präsentiert sich Ceausescus Suite jedoch nicht. Das Bemühen des Architekten, neugierigen Blicken zu wehren, hält die vier Räume selbst bei Sonnenschein dunkel. Die wenigen Strahlen, die den Weg hineinfinden, werden von der schweren Holztäfelung geschluckt. Ein paar Schnitzereien und antike Ziermöbel bewahren Reste von Wohnlichkeit. Am eindrucksvollsten ist noch die Brause mit dem zum Käfig gewundenen Wasserrohr, das dem "Conducator" wohl als Stütze dienen sollte, ohne seinen Stolz zu verletzen.

Armes Land, in dem man Tyrann werden musste, um so zu leben. Heute genügen 100 Euro pro Nacht. Ich hätte den Preis sicher noch drücken können, wenn ich die von mir im Kulturbeutel gestellte Kakerlake als Beweisstück vorgelegt hätte, statt sie in Panik in der Toilette hinunterzuspülen.

Ich beschließe, nicht im Hotel zu Mittag zu essen, und stolziere in meinem zerknautschten Anzug zum Fremdenverkehrsamt, wo man mir prompt "das teuerste Restaurant der Stadt" empfiehlt. Ob es auch das beste sei, will ich wissen. Sie gehe nicht oft aus, sagt die junge Frau verlegen. Ich schleiche mich schlechten Gewissens davon.

Das Restaurant heißt Lloyd und liegt am Opernplatz, gleich gegenüber von McDonald’s. Es kostet so viel wie eine bessere deutsche Kantine; und viel mehr kann es auch nicht bieten. Ein Bettler im Rollstuhl fährt an der Terrasse entlang von Tisch zu Tisch und sagt, er habe Hunger. Ob ich ihm von meiner viel zu großen Portion etwas anbieten soll? Ich kann mich nicht entscheiden und bin froh, als der Kellner mich durch Abräumen aus meiner Gewissensnot befreit. Dies ist nicht der rechte Ort, um auf den Putz zu hauen.