Wie auf einem Schiff fühlt sich Ralf Schmidt, wenn er die enge Wendeltreppe hinaufsteigt und oben die Metallklappe öffnet: "Luke auf, raus aufs Deck und die Welt bestaunen." Draußen blendet die Sonne, weit und breit ist kein Wasser zu sehen. Schmidt steht auf dem höchsten Punkt über Potsdam, dem Turm der Wetterstation am Telegrafenberg, 114 Meter über Normalnull. Am Horizont schimmert das Kraftwerk Steglitz durch den Dunst, weiter vorn der Tiefe See, irgendwo hinter den Bäumen wohnt Günther Jauch. Wie ein Kapitän auf der Brücke sucht Schmidt nach Sichtmarken in der Ferne. Seit 30 Jahren macht er das nun. "Sichtweite 24 Kilometer", stellt er an diesem Tag fest.

Doch Schmidt bangt um seinen Job. Und deshalb verliert er an diesem Tag auch Worte, die nicht so recht zum blauen Himmel passen wollen: "Die Hoffnung stirbt zuletzt." Der Deutsche Wetterdienst (DWD), der die Potsdamer Wetterstation betreibt, will ihn durch eine Hand voll ferngesteuerter Instrumente ersetzen. Sparmaßnahme. Statt sechs Menschen im Schichtbetrieb sollen künftig Automaten die Bodentemperaturen aufzeichnen, die Sonnenstrahlung messen, Luftfeuchtigkeit bestimmen und den Wind registrieren. Schmidt und seine Kollegen müsste man zwangsversetzen. Zum Beispiel auf einen Flughafen-Tower in Berlin, Zugspitze ginge aber auch. Nicht nur Schmidt beunruhigt das.

Die Pläne des Wetterdienstes haben auch die Klimaforscher alarmiert, die nebenan das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) betreiben. Denn Potsdam verfügt über eine der längsten und umfangreichsten Klimadatenreihen der Welt. "Ohne diese Reihe könnte man Wetterereignisse wie die diesjährige Hitzewelle nicht einordnen", sagt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, der schon zu DDR-Zeiten auf dem Telegrafenberg das Wetter erforschte und nun für das PIK Modelle durchrechnet. Dieser Sommer ist der heißeste und trockenste seit 1947.

Vier Tage Pause im Bombenhagel

Seit 1893 zeichnen auf der Potsdamer Wetterstation treue Beamte das Wetter auf. Jeden Tag steigen sie morgens, mittags und abends auf den Turm und schätzen die Sicht, lesen stündlich Thermometer ab und gießen Regenwasser in Messbecher. Nachts lauschen sie dem Wind, im Winter räumen sie das Messfeld von Schnee frei. "Vieles davon können Automaten nicht", sagt PIK-Chef Martin Claußen. Und Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe ärgert sich, dass man "von uns Prognosen fordert und gleichzeitig der Klimabeobachtung den Hahn abdreht". Vor kurzem hat er in einem Fachartikel den Niederschlag in der Region analysiert. Ergebnis: Niesel- oder Landregen, der den Boden langsam durchnässt und dem Grundwasser zugute kommt, ist seltener geworden, Platzregen, der schnell in die Flüsse und Seen abfließt, nimmt zu – wie in diesem Sommer. Solch eine Diagnose wäre mit automatischen Niederschlagsmessern nicht möglich gewesen, sagt der Meteorologe, weil diese nur die Regenmenge, nicht aber die Art des Niederschlags messen. Sein Fazit: "Die Potsdamer Station ist ein Juwel."

Für den Deutschen Wetterdienst ist das Schmuckstück zu teuer. Jedes Jahr koste allein das Personal 400000 Euro, Pensionen inklusive, rechnet DWD-Vizepräsident Stefan Mildner vor. Geld, das man einsparen könnte, denn auf den drei benachbarten Berliner Flughäfen beobachten DWD-Mitarbeiter ebenfalls das Wetter rund um die Uhr – und dort ist es vorgeschrieben. "Wir können es nicht allen recht machen", sagt Mildner. Eine bemannte Potsdamer Station könne man sich auf Dauer nicht leisten. Der Deutsche Wetterdienst müsse jedes Jahr 30 bis 40 Stellen einsparen. Von derzeit 110 bemannten Stationen sollen im Jahr 2010 noch 40 übrig bleiben. Der Potsdamer Turm ist nicht darunter.

Der Deutsche Wetterdienst macht es wie die Deutsche Bahn, die Schalterpersonal durch Fahrkartenautomaten ersetzt. Aber Wetter beobachten ist nicht dasselbe wie Fahrkarten verkaufen. Die DWD-Experten wissen das. Doch der Wetterdienst musste wegen versäumter Sturmwarnungen immer wieder harsche Kritik einstecken, sodass sich die Behörde nun stärker auf die Warndienste und die Wettervorhersage konzentriert, weniger auf die Klimareihen.

Die Potsdamer "Säkularstationen" (saeculum ist lateinisch für "Jahrhundert") zählt mit ihrem umfangreichen Messprogramm zu den knapp 500 Stationen auf der ganzen Welt, die vor 1900 ihren Betrieb aufnahmen. Die meisten messen Niederschlag und Temperatur. Wind und Bedeckungsgrad des Himmels haben nur 50 Stationen dokumentiert. Und Potsdam ist der einzige Ort, an dem seit mehr als 100 Jahren die Niederschlagsart und die Sichtweite bestimmt werden. Nur im April 1945, als die verbliebenen Meteorologen zum "Endkampf" eingezogen wurden und die deutschen Truppen die Havelbrücken sprengten, war der Turm vier Tage lang unbesetzt – bis der 79-jährige Professor und Gründer der Station, Reinhard Süring, die Messungen noch im Bombenhagel wieder aufnahm.