Der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern ist für Deutsche zu Recht keine reine Angelegenheit von Ratio und Politik. Dabei geht es ebenso um Verantwortung und Moral. Leider dient die Region aber auch als Projektionsfläche für unzählige selbst ernannte Experten: Antisemiten, Philosemiten, Islamophobe, Palästinafreaks, Narzisse und Neurotiker.

Spannend wird es daher, wenn deutsche Linke mit einem israelischen Linken über Israel ins Gespräch kommen und dies in Buchform bringen, besonders dann, wenn es sich dabei um den Konkret- Herausgeber Hermann L. Gremliza sowie seine Mitautoren, den Ex-Grünen Thomas Ebermann und Volker Weiß, handelt. Die Hamburger Zeitschrift war in den vergangenen Jahren immer wieder Plattform für die "Antideutsche Linke". Antideutsche halten Deutsche und Araber für unverbesserliche Antisemiten und verbreiten über die arabisch-islamische Welt allerlei Stuss. Sie bekämpfen zwar das Prinzip des Staates per se, den jüdischen Staat Israel unterstützen sie jedoch bedingungslos.

Der israelische Gesprächspartner ist Moshe Zuckermann, Sohn von Auschwitz-Überlebenden, Direktor des Instituts für Deutsche Geschichte der Universität Tel Aviv. Als er mit 21 von Frankfurt nach Israel emigrierte, war er noch Zionist. Das ist heute vorbei: Er gilt als scharfer Kritiker der israelischen Besatzungspolitik. Der Autor diverser Bücher hat sich vor allem durch Analysen der unterschiedlichen Formen von Holocaust-Instrumentalisierung in Israel und Deutschland hervorgetan. Die Zerrissenheit und das Gewaltpotenzial der "ethnisch strukturierten Klassengesellschaft" Israels gehören ebenfalls zu seinen Schwerpunkten, die hier diskutiert werden.

Der Anlass zu diesem Buch war, dem Versuch einiger deutscher Linker entgegenzuwirken, Zuckermann als Kronzeugen gegen Israel in Anspruch zu nehmen. Dass der Historiker dafür nicht zu haben ist, macht er im Gespräch deutlich: Er sei zwar kein Zionist mehr, aber auch kein Antizionist, denn "nach 1945 war das zionistische Projekt Israel nicht nur kein Fehler, sondern eine historische Notwendigkeit". Kein israelischer Linker zweifele am Existenzrecht Israels – das indes gelte nicht für alle Linke in Deutschland: "Allzu oft wollen Leute hier mit mir über das Existenzrecht Israels reden. Und ich sage denen: This is none of your damned bloody business." ("Das geht euch einen feuchten Kehricht an.") Zuckermann lässt es auch nicht gelten, wenn Deutsche meinen, Israel mit besonders strengem Maßstab messen zu müssen: Die Legitimität von Kritik hänge vom Sprechort ab. Im Gegensatz zu seinen Interviewpartnern sieht er Israel heute nicht durch den deutschen oder arabischen Antisemitismus, sondern durch den fortdauernden Kriegszustand gefährdet.

Den teils plumpen Fragen der Hamburger, die Israel und den Nahen Osten, wie sie selbst betonen, gar nicht kennen und mehr als politisches Abstraktum denn als komplexe Region zu betrachten scheinen, begegnet er mit großer Differenziertheit und vielen Informationen zu den historischen und aktuellen Entwicklungen, die weit über den Leserkreis der deutschen Linken hinaus von Bedeutung sind. Ob Zuckermann es am Ende geschafft hat, seinen Gesprächspartnern "die Flausen über den Staat Israel und seine Gesellschaft zu vertreiben" (Gremliza), bleibt fraglich. Und so ist auch der Verdacht nicht auszuräumen, auch sie könnten ihn bei diesem Buchprojekt mitunter für ihre eigenen Befindlichkeiten vereinnahmt haben.

π Moshe Zuckermann: Zweierlei Israel? Auskünfte eines marxistischen Juden an Thomas Ebermann, Hermann L. Gremliza und Volker Weiß; Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2003; 139 S., 12,– Euro

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