DIE ZEIT: Sie haben einmal gesagt: Das einzig wirksame Gegenmittel gegen Totalitarismus sei das Gewissen eines jeden Einzelnen. Wie ist es darum derzeit in Italien bestellt?

Paolo Flores d’Arcais: Ich glaube, dass die große Mehrheit der Italiener gegen Berlusconi ist. Sie haben gemerkt, dass er eine Gefahr für die Demokratie ist, und sie mussten feststellen, dass er keines seiner demagogischen Versprechen gehalten hat. Weniger Steuern, mehr Rente? Dank seines Fernsehmonopols kann Berlusconi den Italienern einen Monat, ja ein Jahr lang Märchen erzählen – irgendwann aber merken sie, dass sie belogen werden. Man kann den Italienern viel weismachen, aber irgendwann funktioniert das nicht mehr. Berlusconi tut alles, um sein Scheitern zu verschleiern. Das wissen die Italiener. Die Empörung ist da, aber sie braucht Katalysatoren. Wenn man aber seine Meinung nicht zum Ausdruck bringen kann – also keinen Zugang zum Fernsehen hat –,bleibt man auf sehr kleine Kreise beschränkt. Selbst die größte Tageszeitung ist in Italien nicht mehr als ein Luxus-Samisdat. 90 Prozent der Italiener lesen keine Zeitung, sondern informieren sich ausschließlich über das Fernsehen. Für die Politik bedeutet das: Wenn du nicht im Fernsehen auftrittst, lebst du praktisch im Untergrund. Wer sich gegen Berlusconi ausspricht, lebt im Untergrund.

ZEIT: Ihnen aber ist es gelungen, mit der Zeitschrift Micromega eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.

Flores d’Arcais: Ja, aber Micromega ist eine Zeitschrift, besser ein Buch, das fünf-, sechsmal pro Jahr erscheint, ein Wälzer mit philosophischen und psychologischen Essays, der, wenn er in anderen Ländern unter normalen Bedingungen erscheinen würde, 6000 bis 7000 Exemplare verkaufen würde. Dass wir zwischen 25000 und 30000 Exemplare verkaufen, manchmal sogar bis zu 100000, ist nicht normal. Es bedeutet, dass die Opposition ihre Arbeit nicht radikal genug macht.

ZEIT: Veronica Berlusconi, die Ehefrau des Ministerpräsidenten, gab ausgerechnet Micromega, dem Sprachrohr der linksintellektuellen Opposition, ihr einziges Interview seit Jahren. Darin verurteilte sie die Kriegspolitik ihres Mannes. Wie kann einer, der es nicht mal schafft, seine eigene Frau zu überzeugen, ein Land regieren?

Flores d’Arcais: Tja. Frau Berlusconi hat sich nie in die Politik eingemischt. Wenn sie sich genau in dem Moment zum Thema Krieg und Frieden äußert, in dem der Krieg ausbricht, und wenn sie ausgerechnet in der Zeitschrift, die von Berlusconi und seinen Männern täglich verteufelt wird, die Friedensbewegungen lobt, dann denke ich doch, dass Frau Berlusconi ein Zeichen setzen wollte.

ZEIT: Allerdings wurde darüber kaum berichtet.