Ganz bestimmt ist er der Ernsthafteste unter den deutschen Regisseuren. Stirnrunzelnd konsultiert er vor unserem Gespräch die Speisekarte, fast fatalistisch steht er vom Tisch auf, nachdem er Hemd und Hose mit Tomatensoße bekleckert hat. Überlegt, aber auch ein wenig verhalten fallen seine Antworten aus. Hans-Christian Schmids Bedächtigkeit steht im seltsamen Kontrast zu seinen Figuren, vielleicht weil er ihre Erfahrungen schon längst hinter sich gebracht hat.

"Meine ersten drei Filme sollte man wohl mit dem Begriff coming of age umschreiben", sagt er. "Diese Phase, in der man sich vom Elternhaus loslöst, ist einfach ideal fürs Filmemachen." In Schmids Regiedebüt Nach fünf im Urwald bricht Franka Potente aus der Kleinstadtidylle aus, um in München ein Star zu werden, und lässt sich in einem mondbeschienenen Schwimmbad den ersten Kuss abringen. Die Aufmerksamkeit, mit der Schmid hier das Wahrnehmungsgefälle zwischen Eltern und Kindern inszeniert, weist bereits die Stärke seiner späteren Arbeiten auf: psychologische Genauigkeit und Sensibilität für die sich überlagernden Schwingungen von Zeitgeist und individuellen Lebensgefühlen.

23, Schmids zweiter Film, in dem er den authentischen Fall eines jungen Computerhackers erzählt, war die wohl treffendste Schilderung einer deutschen Jugend in den achtziger Jahren. Aus der Perspektive eines Technologiecracks, der sich in einer paranoiden Wahnwelt verliert, ließ Schmid Tonfall und Atmosphäre, Musik und politische Depression einer Ära wieder aufleben. Reagan und Brockdorf, die ersten Computer, Drogen und die Mode der Verschwörungsliteratur ergaben die lebendige Quersumme eines ganzen Jahrzehnts. "Entscheidend für mich war das Schicksal dieses Hackers, Karl Koch", sagt Schmid. "Das war jemand in meinem Alter. Einer, der ähnliche Erfahrungen gemacht hat und dann später auf diese eigenartige Weise ums Leben gekommen ist. Ich wollte einfach nachvollziehen, warum dieser Kerl es nicht geschafft hat." Nachvollziehen, nachfühlen, spürbar machen sind Worte, die Schmid gerne verwendet. An der Münchner Filmhochschule absolvierte er den Studiengang Dokumentarfilm. "Vielleicht merkt man meinen Spielfilmen diesen dokumentarischen Blick an", sagt er, "mir geht es um die Wahrhaftigkeit der Gefühle. Nur dann können Figuren in sich stimmen." Mit der Verfilmung von Benjamin Leberts Bestseller Crazy war Schmid der erste deutsche Regisseur, der schnell auf den Boom der deutschen Popliteratur reagierte. Auch hier erschließt er einen Mikrokosmos über genau erfasste Gefühlslagen – mit sicherem Instinkt für den Tonfall und die libidinösen Verstrickungen der im Roman geschilderten Internatswelt.

Den im ganz prosaischen Sinne mitfühlenden Blick auf die Menschen, von denen er erzählt, behält Schmid auch in seinem neuen Film. Zum ersten Mal geht es um Lebensumstände, die ihm selbst nicht vertraut sind. Lichter ist ein episodischer Reigen entlang der deutsch-polnischen Grenze, ein Film, in dem die Oder zur Demarkationslinie der Schicksale und Biografien wird. Im kleinen Grenzverkehr kreuzen sich die Wege der Glücksritter, Flüchtlinge und Profiteure. Die einen schmuggeln Waren, die anderen sich selbst.

"Wir haben bei diesem Film nicht auf Recherche gebaut, weil wir weiterhin Geschichten erfinden wollten", sagt Schmid und schaut verlegen auf seinen Teller, "natürlich lebt man dann auch mit dem Risiko danebenzuliegen. Uns ging es schon um die Stimmungen und Gefühle vor Ort." Unendliche Plattenbausiedlungen in Frankfurt an der Oder, die schäbige Wohnküche des Studenten in S¬ubice oder die neureiche Villa des deutschen Arrivisten – bei ihm werden solche Schauplätze zu Stimmungsträgern, in denen sich die Befindlichkeiten der Figuren ganz beiläufig spiegeln und verlängern.

Als es um die bewegliche Kamera in seinem Film geht, gerät Schmid plötzlich selbst in Fahrt. "Wir wollten dem Geschehen hinterherkommen", sagt er, "die Schauspieler sollten durchspielen können, nur so konnte August Diehl in der Rolle des Jungarchitekten seine ganze Wut auf die parasitären Bauherren ausdrücken und gleich die Champagnergläser vom Tisch fegen." Auch wenn die Flüchtigkeit der Kamera den Grenzbeziehungen entspricht, passt das Objektiv immer den richtigen Moment des Verharrens ab – den Augenblick, in dem die Figuren in ihren ganz eigenen moralischen Schwitzkasten geraten.

Am nächsten von allen Figuren ist ihm Sonja, eine Übersetzerin, die beim Bundesgrenzschutz arbeitet und in einen Gewissenskonflikt gerät. Soll sie dem ukrainischen Flüchtling über die Grenze helfen und dabei ihren Job riskieren? Sich vor ihrem Freund als Gutmensch blamieren? "Vielleicht ist es mein erster Film, der eine so genannte Message hat", sagt Schmid, und man spürt seine Mühe, dieses Wort auszusprechen. Kein Wunder, dass er solche Floskeln meidet, werden bei ihm doch selbst die deutschen Grenzgeschehnisse zur persönlichen Angelegenheit. Nicht zuletzt, weil er sich traut, in Lichter von seiner, von unser aller Ohnmacht zu erzählen.