Fußball ist ein Mannschaftssport. Fußballgucken auch. Es mag Menschen geben, die ein Spiel als Solisten genießen, aber erst mit der Mannschaft wird der Fan zum Star. Der Kulturnomade ist eigentlich auf Theaterreise: Zürich, Berlin, München, Köln, Hamburg. Am Samstag, dem Tag ohne die unendlichen Besprechungen und Konferenzen des Stadttheateralltags, bleibt Zeit frei, um die Arbeit der Kollegen zu begutachten. Drei Schwestern, Heinrich IV., Die Räuber (waren es eigentlich elf?) das offizielle Programm am Abend. Davor allerdings steht der Fixpunkt, die Mutter aller Konferenzen. In ihr enthalten die Monologe der Woche: "Tor in Gladbach!", "Elfmeter am Betzenberg". So gehört zu jeder Theaterstadt das passende Lokal, ausgestattet mit einem Premiere-Decoder, und die Hoffnung, dass der Lokal-Patriotismus des Wirtes zulässt, die "Konferenz", das vielstimmige Konzert aller Stadien, einzustellen.

In einem ausverkauften Haus könnte die Stimmung nicht angespannter sein. Die vor sich hin gemurmelten Sätze "Kein Wunder bei 74 Länderspielen für Kroatien" oder "Zwei Linksfüße, ob das gut geht?" lassen die Menge am Tresen und an den Tischen erschaudern. Das sind durch und durch theatralische Momente – Mimik und Aussprache so, dass jeder Darsteller des Wurm in Kabale und Liebe für sein Outrieren auf der Bühne die rote Karte gezeigt bekäme. Hier, auf dieser Bühne, gelten eigene Gesetze.

Eintreffen also am jeweiligen Ort um 14.30Uhr, eine Stunde vor Spielbeginn. Platzwahl zumeist vor einer der Großleinwände, ein Luxus, den der Nomade sich zu Hause bisher verwehrt hat. Studieren der Speisekarte. Eine leichte Grundlage wäre jetzt das Richtige. Da kommen schon die Biere. Die nach und nach eintreffenden Kollegen grüßen mit einem feinen Nicken. Die Vorberichterstattung auf dem Bildschirm und zwischen den Fachleuten läuft. Die Qualität der Speisen und Getränke ist nicht unwichtig. Die entscheidende Frage aber betrifft die Mitseher. Sind sie kompetent? Sind sie nüchtern? Und vor allem: Ertragen sie (ja, ich gebe es zu) das mehr oder weniger unterdrückte Aufjuchzen des Bayern-Fans zu gegebener Zeit?

Um 15.25 Uhr wird alles, nicht nur die Mobiltelefone, auf Zittern gestellt. Die erste Halbzeit ist dann jedoch nicht mehr als eine Aufwärmphase.

Halbzeit, Pause, Zeit für die Privatkonferenz. Das Netzwerk der Freunde wird aktiviert. Um diese Zeit gibt es nur Dekoder-Freunde. Viele schauen sich lieber ein Spiel durchgängig an, statt durch die Konferenz immer überall auf dem Laufenden zu sein. Hier gibt es deshalb einiges auszutauschen. Gewiss, zu Hause, in trauter Umgebung, im eingespielten Team, auch dort sind erfüllte Fußballsamstag-Nachmittage vorstellbar. Doch das Vertraute gerinnt dort schnell allzu oft zum Replay. So entsteht erst unterwegs in fremden Städten, unter Fremden, der ultimative Fußballkickblick, die Ausnahmesituation, in die sich der alltagskonferenzgebeutelte Nomade nur zu gern begibt.

Denn die meisten der besuchten Lokale liegen in urbaner Lage, oft in schmuddeliger Umgebung, und bieten dennoch Geborgenheit. Wer hier bestehen will, muss mental vorbereitet sein. Fragen über Fragen. Fehler werden nicht verziehen. Wann verlässt man die Leinwand das erste Mal, wann leistet man sich offene Trauer, bekennt sich zu der außerordentlichen Erregung? Wie reagiert man auf platte Anfeindungen (Bayern-Dusel), wie auf subtile Sticheleien? Zelebriert man ("Ja! Jawoll! Jawoll!") den Erfolg, oder genießt man eher still und etwas überheblich ("Der Ausgleich kurz vor dem Abpfiff war nur eine Frage der Zeit")?

Die letzten zehn Minuten verlangen dem Nomaden jedenfalls meistens alles ab. Die Flucht in die Anonymität bei gleichzeitiger emotionaler Dauerpräsenz: Das ist der Konsens, den alle Konferenzteilnehmer suchen. Auf ihrem Spielplan steht jeden Samstag von neuem: Glaube, Liebe, Hoffnung. Endlich geht es wieder los!