Was der amerikanische Kongress da vor wenigen Tagen genehmigt hat, scheint auf den ersten Blick klein und unbedeutend. Auf den zweiten jedoch besitzt es für die USA einen immensen strategischen Wert: ein Freihandelsabkommen mit Chile.

Der Vertrag soll den Auftakt für die Gesamtamerikanische Freihandelszone bilden, kurz FTAA, eine Weiterentwicklung des schon vor neun Jahren zwischen den USA, Kanada und Mexiko geschlossenen Handelsabkommens Nafta. Mit Ausnahme von Kuba soll die FTAA den ganzen Kontinent von Feuerland bis Alaska umspannen. Bis zum 1. Januar 2005 soll sie vollendet sein. Die Handelszone würde 34 Länder mit fast 800 Millionen Einwohnern und einem Bruttosozialprodukt von insgesamt 14 Billionen Dollar umfassen – doppelt so viel wie die Europäische Union.

Die große Frage ist: Wer gibt die Konditionen und Regeln vor auf diesem neuen, riesigen Markt? Die Vereinigten Staaten oder die südamerikanischen Regionalmächte? "Es ist vor allem ein großes Strategiespiel zwischen den USA und Brasilien", sagt der argentinische Handelsexperte und Exstaatssekretär für Außenhandel Felix Peña.

Jeder dritte Bewohner des amerikanischen Kontinents lebt in den USA, insgesamt 270 Millionen Menschen. Sie erwirtschaften mit rund acht Billionen US-Dollar mehr als drei Viertel des gesamtamerikanischen Bruttosozialprodukts – und ihre Regierung ist die treibende Kraft in den FTAA-Verhandlungen. "Die USA wollen eine demokratische Region mit starken wirtschaftlichen Verflechtungen", so Wolf Grabendorff, Repräsentant der Friedrich-Ebert-Stiftung in bolivianischen Hauptstadt Bogotá. Nach Schätzung von Robert Zoellick, dem Handelsbeauftragten der USA, könnte der US-Handel mit Lateinamerika in wenigen Jahren größer sein als der mit der EU und Japan zusammen.

Wichtiger Markt – oder Bedrohung?

Bisher jedoch hatten es die Vereinigten Staaten schwer, sich in den Verhandlungen durchzusetzen. Sie trafen auf einen selbstbewussten Gegenspieler: Brasilien, das zusammen mit den USA die Kopräsidentschaft in den FTAA-Verhandlungen innehält. Brasilianische Politiker formulieren eine grundsätzlich andere Vorstellung davon, wie eine handelspolitische Integration aussehen sollte. "Beide Länder streben eine starke Präsenz ihrer eigenen Waren und Dienstleistungen auf dem südamerikanischen Markt an, das führt zu Konflikten", so der argentinische Handelsexperte Peña.

Mit knapp 170 Millionen Einwohnern und einem Bruttosozialprodukt von etwa 500 Milliarden Dollar hat sich Brasilien zur mit Abstand größten Volkswirtschaft Südamerikas entwickelt. Das Land ist einerseits der attraktivste Markt für die USA. Andererseits bedroht die riesige und hoch effiziente brasilianische Landwirtschaft die mit staatlichen Subventionen und Antidumping-Zöllen geschützte nordamerikanische Agrarindustrie. Brasilien ist weltweit führend im Export von Soja, Orangensaft und Zucker. Kein Wunder, dass die brasilianische Regierung vehement die Liberalisierung der weltweiten Agrarmärkte fordert.

Zudem ist kein Land im Südteil des Kontinents stärker industrialisiert als Brasilien. Etwas mehr als die Hälfte seiner Ausfuhren sind Industriegüter, nur etwa ein Drittel Rohstoffe. Trotzdem können die Unternehmen in vielen Bereichen noch nicht mit der Konkurrenz aus den USA mithalten, weswegen die Regierung etwa die arbeitsintensive Informatik-, Spielzeug-, und Elektronikindustrie mit hohen Zöllen vor Importen aus den USA schützt. Diese Praxis hat Brasilien auch im regionalen Handelsbündnis Mercosur durchgesetzt, zu dem es sich mit Argentinien, Uruguay und Paraguay zusammengeschlossen hat.