Im Verlag Walter De Gruyter erscheint eine ambitionierte Schriftenreihe zum Kulturgüterschutz. Zu ihren Themen zählen neben Fragen der Restitution von Raub- und Beutekunst auch der Kunstdiebstahl und der Komplex der so genannten "entarteten" Kunst. Die jüngste Publikation der Reihe nun durchleuchtet ein prinzipiell zwar bekanntes, nun aber erstmals systematisch behandeltes Thema aus der Geschichte der DDR: die Devisenbeschaffung durch den staatlichen Verkauf von Kunst und Antiquitäten aus Museumsbeständen und enteignetem Privatbesitz.

Auf mehr als 500 Seiten ist der Autor Ulf Bischof den Machenschaften eines Staates nachgegangen, der die Schwächen seiner Planwirtschaft auch mit dem Ausverkauf von kulturellen Werten auszugleichen suchte (Die Kunst und Antiquitäten GmbH im Bereich Kommerzielle Koordinierung, De Gruyter Recht; Berlin/New York 2003, 138,– ¤). Museen wurden genötigt, "entbehrliche und ungenutzte Bestände ohne gesellschaftlichen Bedarf" für den Export "auszusondern". Sammler und Antiquitätenhändler wurden gezielt kriminalisiert, zu Haftstrafen verurteilt und enteignet, um ihren Besitz für die maroden Staatsfinanzen flüssig zu machen. Für einen runden Geburtstag des DDR-Staatsoberhauptes Erich Honecker wurde auch einmal ein Original von Heinrich Zille aus dem Depot der Kunst und Antiquitäten GmbH (K&A) in Mühlenbeck bei Berlin losgeeist. Nach dessen Herkunft, so das Politbüromitglied Günter Schabowski, "durftest du gar nicht fragen".

Die finanzielle Bilanz der GmbH aus rund 16 Jahren Tätigkeit zwischen 1973 und 1989 scheint aus heutiger Sicht bescheiden, gerade in Relation zum allgemeinen kulturellen Schaden und den teils tragischen Schicksalen individuell Betroffener: 430 Millionen "Valutamark". Das Auktionshaus Christie’s setzte allein im letzten Jahr eine vergleichbare Summe mit impressionistischer und zeitgenössischer Kunst um. Jedoch darf man nicht vergessen, dass in der DDR nach dem Aderlass von 1945 auch nicht mehr viel zu holen war. Dennoch sind Gemälde, Silber und Möbel noch tonnen- und containerweise in den Westen Deutschlands, nach Belgien, Italien, in die Niederlande, auch nach Japan, in die Schweiz und nach Österreich verschoben worden. "In Erwartung billiger Ware aus dem Osten", so Ulf Bischof, "standen Händler und Auktionshäuser im Westen Schlange". Über die Nennung der Namen im Buch wird das eine oder andere Haus nicht gerade erfreut sein, auch wenn der Handel mit der GmbH nicht strafbar war. Noch nachdem die Zeitschrift art 1984 die kriminellen Devisen-Praktiken erstmals einem breiten Publikum offen gelegt hatte, wurden weiterhin Jahresverträge mit "festgelegten Sortimenten und Wertmengen" zwischen Ost und West vereinbart.

Die staatlichen Museen der DDR versperrten sich, so weit es ging, dem Ansinnen des Staates, Kulturgüter zum Verkauf herauszurücken. Sammler und Antiquitätenhändler waren der Willkür jedoch in ganz anderer Weise ausgesetzt.

Die tragische Geschichte des Möbelrestaurators Werner Schwarz ist nur eine von vielen. Aus seinem Besitz wurden Anfang der achtziger Jahre 2000 Kunstgegenstände konfisziert, darunter Meissener Porzellan, Glas, Silber und auch eine Standuhr des Hofuhrmachermeisters Friedrichs des II. Die Standuhr entdeckte er später in einem Antik-Shop des Berliner Kaufhauses KaDeWe wieder.

Der Gesamtwert der Gegenstände wurde auf rund zwei Millionen Mark geschätzt. Auf exakt die gleiche Höhe beliefen sich angebliche Steuerforderungen vonseiten der DDR. Schwarz wurde verhaftet, sein Besitz beschlagnahmt und dem Lager der Kunst und Antiquitäten GmbH zugeführt. Nach drei Jahren Gefängnis wurde der Sammler von der Bundesrepublik freigekauft, wodurch die DDR noch einmal in den Genuss von Valuta kam. Eine Wiedergutmachung von Rechts wegen ist nicht mehr möglich, die DDR ist ein abgeschlossenes Kapitel. Verfahren gegen den Geschäftsführer sowie Mitarbeiter der Kunst und Antiquitäten GmbH wegen rechtswidriger Ausfuhr von Kulturgut wurden vom Landgericht Berlin eingestellt. Schalck-Golodkowski, der Leiter des Bereichs Kommerzielle Koordinierung, zu dem die K&A gehörte, lebt in Frieden am Tegernsee und gab im Jahr 2000 seine Deutsch-deutschen Erinnerungen heraus.

Was bleibt, so Ulf Bischof in seinen abschließenden Betrachtungen, "ist die wachzuhaltende Erinnerung des Bruchs zwischen verlautbarter Politik und staatlichem Handeln, zwischen scheinbarer Gesetzlichkeit und rücksichtsloser Instrumentalisierung des Rechts".