Robert Musils Verwirrungen des Zöglings Törless , erschienen 1906, gehört zu den vielen traurigen Schülerromanen der deutschen Literatur, von denen man nicht sagen kann, dass sie durch Reformen und moderne Erziehungsmethoden überholt worden seien. Man muss nur an die erschreckenden Vorfälle von Erfurt oder Dresden denken, um den Hass oder die Verzweiflung zu begreifen, die ungerechte Lehrer auslösen können, oder an den Terror, den Schüler untereinander üben, zumal gegen Schwächere und Schüchterne. Schule hat eine schwarze Seite, die keine noch so aufgeklärte Pädagogik aus der Welt schaffen kann.

Schon 1785, im Anton Reiser von Karl Philipp Moritz, aber erst recht bei Hermann Hesses Unterm Rad (1906) oder Friedrich Torbergs Schüler Gerber (1930) geht es nicht nur um autoritären Unterricht. In der Schule tritt dem Kind zunächst einfach nur die Gesellschaft entgegen, mit ihrem Anpassungsdruck, ihren Konkurrenzen, ihrer Nichtachtung des Individuums; aber das kann eben schon schlimm genug sein. Bei Musil fehlt deshalb sogar jede Sozialkritik an besonderen Missständen, bei ihm dreht sich alles um den Fundamentalkonflikt zwischen dem Einzelnen und der Gruppe, und dies ist ein Konflikt, der in jeder Gesellschaft und unter allen Erziehungsbedingungen der gleiche wäre. Auch wenn die besseren Kreise der k. u. k. Donaumonarchie den erkennbaren Hintergrund seiner Internatsgeschichte bildet, ließe sie sich ebenso in Summerhill oder Salem denken.

Törless ist ein verträumter, vielleicht auch etwas verzärtelter Junge; ein bisschen wie der kleine Marcel in Prousts Suche nach der verlorenen Zeit , aber ohne dessen immer währenden Schutz durch Mutter und Großmutter. Denn Törless wird in ein Internat gesperrt, in ein vornehmes, aber von unerbittlichen Regeln beherrschtes, die er nicht versteht, sondern nur so erduldet. Er passt sich äußerlich an, innerlich bleibt er in seiner Kinderwelt; im Grunde versteht er gar nicht, was die Lehrer und seine Kameraden tun und sagen. Er muss es erst in seine Sprache und Vorstellung übersetzen; und meistens übersetzt er es falsch. Manchmal übersetzt er es auch richtig, aber dann ist es eine Gefühlsrichtigkeit, von der die Kameraden gar nichts wissen. Jedenfalls versteht er sie anders, als sie sich selbst verstehen. Er lebt im Internat wie ein wildes Tier im Zoo, und der Roman handelt nun davon, wie die Regeln des Zoos langsam in sein Innenleben eindringen und ihn verändern, zu einem schlechteren Charakter, aber zu einem besseren Verständnis seiner selbst.

Es geschieht nämlich eine üble Geschichte, und Törless beteiligt sich an ihr, obwohl er das Üble daran genau erkennt. Unter den rohen, lauten, dumpfen Schülern gibt es einen zweiten Außenseiter, den weichen, stummen Basini, der klaut; und dieser Basini wird nicht den Lehrern angezeigt, sondern von den Schülern selbst bestraft, sie freuen sich darüber, dass sie einen haben, den sie quälen können. Manchmal sperren sie ihn auf den Dachboden und foltern ihn, es hat etwas von einer Vergewaltigung, und Törless entdeckt ein gewisses Vergnügen dabei. Basini erniedrigt sich, er kriecht nachts zu Törless unter die Decke, er wird zur Hure, damit Törless ihn beschützt. So entdeckt Törless die Erotik: als ein Gewaltverhältnis.

Es ist etwas Schweres, Lastendes, Unausweichliches in diesem Buch: weil das Böse nicht aus böser Absicht kommt, sondern als Ergebnis einer chemischen Reaktion, die einsetzt, wenn lauter Einzelne zur Gruppe, zur Gesellschaft werden und sich nun einen ausgucken, an dem sie ihre Gemeinsamkeit zeigen können, nämlich indem sie diesen ausschließen und zum Opfer machen. Man kann den Roman darum als politische Vorschau auf den Nationalsozialismus und Bolschewismus lesen, alles dumpfe Triumphe des Kollektivs über den Einzelnen; aber eigentlich erzählt Musil die Geschichte nicht politisch, sondern wie einen Naturprozess. So, sagt er, ist es immer, wenn Gesellschaft entsteht: eigentlich niederträchtig. Das Internat ist kein Sonder-, sondern ein Musterfall. Darum weiß man nicht recht, warum sich Törless am Ende entschließt, das Internat zu verlassen: weil er das Muster verabscheut oder weil er genug gelernt hat, um sich in das Muster einzupassen.

Für Menschen, die an den Fortschritt glauben, an eine Besserung der Gesellschaft und daran, dass sie dabei Erfolg haben werden, ist es ein unerträgliches Buch. Aber für Außenseiter, die wissen, dass sie immer welche bleiben werden, ist es ein bitterer Trost; auch weil Musil sich schon in seiner Sprache, in der Aufmerksamkeit für kleine und kleinste Gefühlswerte ganz auf ihre Seite schlägt. In der Literatur siegt die Innenwelt über die Macht.

Jens Jessen

π Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törless Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2003; 208 S., 6,90 ¤