Auch ein Topmanager kann schon mal in die Knie gehen. Young-Sup Huh, Alleinherrscher über das Unternehmen Green Cross in Südkoreas Hauptstadt Seoul, gleitet aus dem Sessel des Luxushotels. Er duckt sich in die Hocke, beugt die Schultern vor, schließt die Augen, senkt den Kopf und klammert sich mit vorgestreckten Händen an einen unsichtbaren Halt. Der Anblick erinnert an Pieter Breughel den Älteren. An das Gemälde mit den Blinden, die, nach einander greifend, auf den Abgrund zutaumeln.

Der drahtige Mann, dem niemand seine 64 Jahre ansieht, erzählt vom Wind seiner Kindheit, der nördlich des 38. Breitengrades aus China über das winterliche Korea herfiel. "So habe ich mich am Hosenbund meines Vetters festgeklammert. 30 Minuten brauchten wir bis zur Schule, manchmal bei minus 20 Grad." Der Junge vor ihm duckte sich hinter den älteren Vetter. Und für alle drei fing der größte Vetter an der Spitze des Zuges den Eiswind auf. Nichts gab es auf dem Weg, das sie schützte.

Fast sechs Jahrzehnte ist das her. Korea, noch ungeteilt, war ein verödetes Land, als Huh 1945 zur Schule kam. Die japanischen Besatzer ließen es nach vier Jahrzehnten Kolonialherrschaft ausgebeutet und erniedrigt zurück. Der ersehnte Frühling blieb aus. Den kurzen Traum von einem selbstständigen Staat zerstörten die Großmächte. Bald fegte der Koreakrieg wie ein Blizzard durch das Dorf des kleinen Young-Sup und schnitt den Kindern den Schulweg ab. Huhs Vettern fielen wie Breughels Gestalten in einen Abgrund namens Nordkorea. Auch seine Mutter teilte dies Schicksal. Huh selbst verschlug es auf die Südseite des 38. Breitengrades.

Bis heute trennt der Eiserne Vorhang die beiden Koreas. Der Norden exportiert Drogen und Raketen. Bald könnte Pjöngjang auch Plutonium an Terroristen liefern, argwöhnen die Amerikaner. Alle Welt redet davon. Young-Sup Huh nicht. Das Flüchtlingskind von einst sorgt heute dafür, dass aus seiner früheren Heimat Nordkorea der Stoff für eine gute "Droge" kommt. Ungezählte Bewohner des abgeschotteten Landes tragen dazu bei, die Not von Millionen Patienten im Westen zu lindern.

Was da abläuft und was Huh zu diesem diskreten Geschäft bewegte, ist so ungewöhnlich, dass es sich nur der Reihe nach erzählen lässt. Als die Geschichte von Armut und Aufstieg eines Jungen, der jene Generation verkörpert, die Südkoreas Reisfelder in ein Silicon Valley verwandelt hat.

Der Krieg zerreißt die Familie

Young-Sup Huh war elf Jahre alt, als der Koreakrieg ausbrach. Am 25. Juli 1950 marschierten die kommunistischen Streitkräfte Nordkoreas über die gesamte Länge des 38. Breitengrades. Pjöngjangs Propaganda meldete zwar eine Invasion aus dem Süden. Doch der Junge in seinem Dorf auf der nördlichen Seite sah Panzer, Artillerie, Geländewagen in endlosen Kolonnen nach Südkorea rollen.

Huhs Vater, ein Bauernsohn, lebte nicht bei seiner Familie. Er betrieb nahe der zum Norden gehörenden Stadt Kaesong eine kleine Kalkfabrik, die selbst aber schon südlich der damals noch nicht völlig abgeriegelten Grenze lag. In Kaesong hatte der Vater eine zweite Familie gegründet. Das war zu dieser Zeit nicht unüblich. Scheidungen gab es noch nicht. Als der Kleinfabrikant vor den Kommunisten in den Süden fliehen musste, versteckte er seine zweite Frau im Dorf seiner ersten Familie. Young-Sup Huhs Mutter sorgte dort für sie. Auf dem Kopf trug sie Reistöpfe zur Rivalin.