Sie kleben Diamanten auf bunte Plastikuhren, hängen 160 Meter lange Modelle an Hochhäuser in Frankfurt und New York und haben sogar ihre eigene Zeiteinteilung ("Biel Mean Time") – aber wenn es ums Geld geht, werden die Paradiesvögel von Swatch solide wie ein Schifffahrtskaufmann. "Keine Schulden machen und die Kosten immer unter Kontrolle halten", sagt Nick Hayek. Anfang des Jahres übernahm der Endvierziger die Konzernleitung von seinem Vater Nicolas, dem Firmengründer und Patriarchen, der sich schon mal mit zwei oder mehr Uhren am Handgelenk fotografieren lässt. Aber das war’s auch schon mit der Extravaganz – die Bilanz liest sich so konservativ wie das Bekenntnis zur Sparsamkeit: Dreieinhalb Milliarden Franken Eigenkapital sichern die laufenden Geschäfte ab, das sind fast 75 Prozent der Bilanzsumme. Ein Vergleich: Bei DaimlerChrysler sind es weniger als 20 Prozent.

Swatch ist schweigsam. Wie viele Uhren verkauft werden, bleibt geheim in der Firmenzentrale im Schweizer Biel. Über das Unternehmen brauchen Konkurrenten nicht viel zu wissen – es genügt, wenn sie dessen Kunden sind. Denn die Swatch Group stellt nicht nur Uhren her, sondern auch mechanische Werke und Einzelteile für die teuren Zeitmesser der Welt. Praktisch jeder bessere Hersteller braucht Swatch als Lieferanten – und Swatch erhöht den Druck auf seine Kunden.

Die Kartellbehörde ermittelt

Es ist die Konzerntochter Eta SA Fabriques d’Ebauches, die fast schon eine Monopolstellung besitzt. "An Eta kommt man nicht vorbei", sagt Gerd-Rüdiger Lang, Gründer der edlen Uhrenmarke Chronoswiss. Eta stellt nicht nur Einzelteile her, sondern mehr als 80 Prozent aller Schweizer Mechanik-Werke. Damit dominieren sie den Weltmarkt für die hochwertigen Produkte. Eigene Werke zu bauen ist für die meisten Uhrenfirmen undenkbar – Know-how, Anlagen und Ingenieure fehlen, ein Einstieg wäre ein jahrelanges Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Schließlich bestehen gute mechanische Werke aus Hunderten von Teilen, manche messen nur Bruchteile von Millimetern.

Chopard etwa baut seit rund fünf Jahren eigene Werke, kann nach Schätzungen aus der Branche aber erst ein Zehntel seines Bedarfs damit decken. Den Rest muss Chopard zukaufen – vor allem bei der Swatch-Tochter. Eta-Werke finden sich in günstigen Uhren für wenige hundert Euro, in edleren von Breitling, Fortis und Chronoswiss, aber auch in Spitzenmodellen wie der IWC Destriero Scafusia – das "Streitross aus Schaffhausen" kostet an die 300000 Euro. Eta-Werke haben "vielen von uns Kleineren überhaupt erst ermöglicht, eigene Uhren an den Markt zu bringen", sagt Lang – und damit habe Hayek viel Gutes getan. So haben viele Hersteller das Rohmaterial von Swatch durch eigene Teile ergänzt, ohne gleich selbst ganze Werke konstruieren zu müssen.

Doch der Konzern versucht, seine Margen mit Preiserhöhungen zu verbessern; berichtet wird von Aufschlägen bis zu 50 Prozent pro Uhrwerk. Die Frankfurter Spezialuhrenfirma Sinn etwa werde "die nächste Preissteigerung" beim weltweit wichtigsten Stoppuhrwerk Eta/Valjoux 7750 "an die Kunden teilweise weitergeben müssen", sagt Geschäftsführer Lothar Schmidt. Er rüstet auch Taucher und Fallschirmspringer der GSG9 aus. Ende Mai sagte Nick Hayek in einem Interview, der Preis sei immer noch nicht da, "wo er sein sollte". Aktuell möchte Swatch den Sachverhalt aber nicht kommentieren.

Inzwischen hat Swatch den Druck verstärkt und angekündigt, von 2006 an nur noch komplette Fertigwerke zu liefern und das Geschäft mit den Einzelteilen zu beenden. Dieses "Phasing out", wie Swatch es nennt, würde auf eine Ausweitung des Quasimonopols hinauslaufen. "Du bekommst keine Zündkerze mehr, sondern einen ganzen Motor", übersetzt Lang die Strategie. Davor zittert die halbe Branche. "Das wäre das Ende für unsere Firma mitsamt den 170 Beschäftigten", sagt Miguel Garcia, Geschäftsführer der Schweizer Sellita SA, die bislang aus Eta-Teilen Werke zusammenbaut. Sellita und weitere Firmen reichten im Herbst vergangenen Jahres Anzeigen gegen Eta bei der Schweizer Kartellbehörde ein, der Wettbewerbskommission. Öffentlich äußern will sich praktisch niemand – "um nichts zu präjudizieren", wie es gewunden bei einem deutschen Uhrenverband heißt.

Auch Uhrmacher sind besorgt, weil Swatch "nur noch an Konzessionäre Ersatzteile liefern will", wie ein Betroffener sagt. Reparaturen könnten also lediglich autorisierte Markenhändler anbieten. Für die etwa 4000 deutschen Meisterbetriebe wäre das ein Schlag. Im schlimmsten Fall, klagt er, "sind nicht nur Jobs, sondern ist auch die Vielfalt der Uhrenbranche in Gefahr."