Seit ein paar Jahren verwandeln immer mehr Menschen ihre Körperoberfläche in Zeichentafeln, indem sie sich Bilder hineinbrennen lassen. Statistiken ist zu entnehmen, dass inzwischen jeder vierte Berliner zwischen 18 und 35 Jahren tätowiert ist; Piercing- und Tattoostudios entstanden in Windeseile und entstehen noch immer zuhauf. Auf Armen, Rücken, Steißbeinen, Hintern, Waden oder Schenkeln werden Linien und Kreise, keltische Sonnen, Garfields und Drachen, Rosen, Einhörner, Herzen, Totenköpfe, asiatische Buchstaben und Ähnliches präsentiert. Warum?

Ursprünglich, so lässt sich nachlesen, besaß das Tätowieren als eines der ältesten Kunsthandwerke in unserem Kulturkreis einen spirituellen Hintergrund: Bestimmte Zeichen schützten im Kampf, gaben Kraft oder heiligten Ahnen und Vorfahren, waren Versicherungen für die Zugehörigkeit zu einem Stamm. Tätowierungen klärten die kulturelle Identität oder funktionierten als Statussymbole, indem sich zum Beispiel nur der Häuptling den Wolf einritzen lassen durfte. Ab dem 4. Jahrhundert wurde das Tätowieren als unzivilisiert, weil barbarisch und heidnisch im Gegensatz zur christlichen Weltauffassung verboten. Seitdem sind nie wieder so viele Menschen – zumal freiwillig – gezeichnet gewesen. Mittlerweile sind Tätowierungen nicht mehr Zugehörigkeitsäußerungen sozialer Randgruppen. Sie haben den Bereich der Seefahrts- und Gefängniswelt verlassen und den engen Rahmen von Rockerbanden gesprengt: Ein Zeichen des Außenseitertums ist zum Zeichen des In-Seins geworden. Demokratie heißt nun auch, sich freiwillig stigmatisieren zu lassen.

Auch wenn es mittlerweile zur weit verbreiteten Modeerscheinung geronnen ist, soll das Tattoo – wie etwa die zerrissenen Jeans oder der kahl geschorene Schädel – beim Betrachter Assoziationen des Mutes, der Ruchlosigkeit und des Unangepassten freisetzen. Im Unterschied zu anderen Modetrends aber, deren Rebellenattitüde ebenfalls vom Markt übernommen und in die Gesellschaft eingepasst wurde, spielt hier der Wille zur Endgültigkeit, dem Irreversiblen auf der eigenen Haut, eine ungewöhnliche Rolle. Selbst ein weggebranntes Tattoo hinterlässt noch die Spur der einstigen Entscheidung.

Häufig begründet der Tätowierte den Wunsch nach Bedrucktheit mit den Wörtern: Schönheit oder Coolness, manchmal werden auch esoterische Gründe genannt, wenn zum Beispiel das chinesische Zeichen für Stärke tatsächlich Stärke verleihen soll. Der Mythos scheint mit der Mode in unsere Moderne eingebrochen zu sein. Die instinktive Sehnsucht der Gesellschaft nach archaischen, irreversiblen Riten ist noch da, deren Sinn jedoch verloren. Geblieben ist eine leere Zeichenform, der die Füllung fehlt.

Leer deshalb, weil bei den unzähligen Tattoobildern, die einem täglich unter die Augen kommen, allein der Fakt des Zeichens an sich unsere Aufmerksamkeit beanspruchen kann, denn nur den versteht der Betrachter ganz sicher. Nicht das konkrete Motiv, das für den Einzelnen durchaus eine persönliche Bedeutung haben mag, soll hier interessieren, sondern die Tatsache des massenhaften Einbrennens von Zeichen überhaupt.

Zeichen, die nichts zeigen

In den meisten Fällen bezeichnen die jeweiligen tätowierten Muster ohnehin nichts. Selbst wenn es sich um konkrete Motive und Abbildungen handelt, sind diese nicht mit funktionaler Zwecksetzung in den Körper gebrannt (wie etwa ein Hinweisschild für öffentliche Toiletten), sondern mit einer ästhetischen. Damit stehen wir vor den Zeichen auf anderen Häuten um uns herum wie unkundige Europäer vor asiatischen Schildern. Das heißt, dass es für uns im Gegensatz zu Asienunkundigen vergebliche Mühe wäre, hinter dem ästhetischen Gebilde einer Tätowierung das Instrument einer konkreten Information zu suchen und davon auszugehen, dass kalligrafische Zeichen – etwa wie in Japan – eigentlich lesbar sind, nur eben für Uneingeweihte nicht.

Ein Zeichentheoretiker würde das heutige moderne Tattoo zu den Signalen rechnen. Zeichen also, die weder etwas symbolisieren noch abbilden, sondern Hinweise auf einen Umstand geben: Wenn beispielsweise Rauch hinter den Bäumen aufsteigt, macht dies auf die Existenz eines Feuers und mögliche Gefahren aufmerksam. Auch Schreib- und Redeweisen, wie Roland Barthes in seinem 1953 erschienenen Buch Am Nullpunkt der Literatur festgestellt hat, können nicht nur etwas mitteilen oder ausdrücken, sondern darüber hinaus etwas anzeigen, das außerhalb des Mitgeteilten liegt. Kraftausdrücke eines Kindes in einer wohlerzogenen Familie beispielsweise teilen weniger einen konkreten Inhalt mit, als dass sie etwas signalisieren: in diesem Fall eine Revolution en miniature. Genauso sind Tattoos nicht einfach lesbare Zeichen, sondern stellen vor allem zur Schau. Unabhängig von seinem konkreten Motiv weist das als Signal begriffene Tattoo auf einen bestimmten Willen oder ein Bedürfnis des Trägers hin, das mal ausgeprägter, mal vorsichtiger sein kann.