Joachim Milberg hat nach der mittleren Reife und einer Lehre als Schlosser Maschinenbau studiert. Nach neun Jahren als Manager beim Bielefelder Drehmaschinenhersteller Gildemeister wurde er auf einen Lehrstuhl an der TU München berufen, bevor er 1993 zu BMW wechselte. Heute ist der 60-jährige Leibniz-Preisträger der Präsident von akatech. Der eingetragene Verein will das Innovationsklima in Deutschland verbessern und den Nachwuchs fördernJoachim Milberg über professorale Klischees, ölverschmierte Zerrbilder und die Nachwuchssorgen der IngenieureZeit: Herr Professor, Sie lehren wieder Milberg: Ich bin – das ist der offizielle Titel – Honorarprofessor der technischen Universität München und halte in dieser Eigenschaft Vorlesungen. Ich habe übrigens nie richtig damit aufgehört. Auch als ich im November 1993 zu BMW ging, hab ich weiterhin jeden Freitag Nachmittag eine Pflichtvorlesung gehalten. Einmal, weil die Hochschule und die Kollegen an der Fakultät meinen doch sehr raschen Wechsel zu BMW sehr wohlwollend getragen haben. Zum anderen aber auch weil ich Spaß dran hatte, mit jungen Menschen zu diskutieren. Erst als ich Vorstandsvorsitzender von BMW wurde und damit andere und auch dringendere Aufgaben anstanden, habe ich die Vorlesung eingestellt. Nun habe ich sie wieder aufgenommen und werde das wohl auch im nächsten Wintersemester tun. Zeit: Sie haben den höchst dotierten deutschen Forschungspreis bekommen, den Leibniz-Preis. Sie sind promovierter Maschinenbauer. Sie waren Topmanager eines der führenden deutschen Unternehmen. Gehören Sie in dieser Kombination zu einer aussterbenden Spezies? Milberg: Ich hoffe, dass das Umgekehrte der Fall ist. Dass das nicht das Ende ist, sondern der Anfang einer Entwicklung. Alle deutschen Automobilhersteller werden von einem Ingenieur oder einem Naturwissenschaftler geleitet. Ich glaube, dass eine Ingenieursausbildung – ergänzt durch zusätzliche Qualifikationen, die in Richtung Management, Menschenführung und Sozialkompetenz gehen – tatsächlich ein exzellenter Hintergrund für eine Karriere sind. Zeit: Aber ein Hochschullehrer wird nicht sehr oft zum Top-Manager. Milberg: Das stimmt. Als ich zum Vorsitzenden des Vorstands von BMW berufen wurde, hat das gelegentlich zu Verwunderung geführt. Nicht bei den Menschen, die mich kannten, sondern eher im weiteren Umfeld. Diese Verwunderung hat wohl tatsächlich mit der Tatsache zu tun, dass ich Professor war. Mich hat verwundert, welch unglaubliche Klischees noch immer mit einer solchen Position verbunden sind: Professor ist jemand, der im Elfenbeinturm sitzt und vor sich hin denkt, vielleicht einmal eine gute Idee hat, aber von der realen Außenwelt nicht allzu viel weiß. Mein Bild des Wissenschaftlers ist immer ein ganz anderes gewesen: Ihn kennzeichnet zum einen die Neugierde, die unbändige Lust auf Unbekanntes, die immer währende Suche. Zum anderen ist Wissenschaft nicht nur das Werk eines einsamen Forschers. Wissenschaftler müssen ihr Forschungsumfeld gestalten, Netze knüpfen, Atmosphäre schaffen. Die Forschung verlangt eben nicht nur die Einzelleistung, sondern das Miteinander, die Zusammenarbeit. Ich hab deshalb nie einen so großen Gegensatz zwischen Management in der Forschung und in einem Wirtschaftsunternehmen gefunden und war natürlich überrascht über dieses Klischee, das mir da entgegenschlug. Zeit: Aber gerade das Image des Ingenieurs, des Technikwissenschaftlers in Deutschland ist doch ein ganz anderes. Ihm haftet immer noch das Bild des einsamen, genialen, ölverschmierten Schraubers an. Milberg: Wenn wir über Technikwissenschaften reden, ist das ja ein breites Feld, von der angewandten Physik über die Verfahrenstechnik in der Chemie bis in die Biotechnologie, vom Maschinenbau über die Elektrotechnik bis zur Informatik. Ich weiß nicht genau, weil ich keine Umfrageergebnisse greifbar habe, wie das Bild des Maschinenbauers tatsächlich ist. Ich spüre nur, dass ich gern ein moderneres Bild des Maschinenbauers hätte. Ein Bild, das nicht geprägt ist von öligen Zahnrädern. Der moderne Maschinenbauer ist in hohem Maße Informations- und Kommunikationstechniker – und Menschenführer. Er muss zudem moderne Technologie in der Gesellschaft „verkaufen“, die Gesellschaft mit den modernen Techniken vertraut machen und sie dafür begeistern. Zeit: Vor einem Jahr zeichnete sich noch sehr deutlich ein gravierender Nachwuchsmangel quer durch alle Ingenieursberufe ab. Was sind die Gründe? Milberg: Erst mal gibt es natürlich auch einen ausgeprägten Nachfragezyklus, der eng mit dem Konjunkturzyklus verbunden ist. Wenn Unternehmen keine Ingenieure einstellen, dann hat das natürlich Einfluss auf die Berufswahl der Menschen, die gerade Abitur gemacht haben. Sie wählen andere Studienfächer. Und das wirkt sich dann, je nach Durchlaufzeit, in fünf, sechs Jahren auf dem Arbeitsmarkt aus. Ich akzeptiere natürlich, dass die Industrie in kritischen Zeiten weniger Fachkräfte einstellt, aber es liegt auch in der Verantwortung der Wirtschaft und Industrie, diesen Zyklus zu beachten. Ich würde mir hier gelegentlich mehr Augenmaß wünschen. Deshalb muss es auch ein Anliegen sein, unabhängig von der besonderen wirtschaftlichen Situation einzelner Unternehmen oder einer Branche, deutlich zu machen, dass wir auch in Zukunft viele hoch qualifizierte Ingeniere brauchen. Ich fürchte, wir befinden uns in einer langfristigen, kontinuierlichen Entwicklung, in der Ingenieurfächer nicht mehr die Bedeutung, die Reputation oder das positive Image haben, das sie in der Vergangenheit hatten. Das ist gerade gegenwärtig ein beachtliches Problem. Wir befinden uns in einer Phase tief greifender Umstrukturierung – national und vor allem global – und gerade ein Land wie Deutschland lebt vom Wissen in den Köpfen und der aus ihm entstehenden Innovation. Das heißt, wir brauchen mehr tadellos ausgebildete, hervorragend motivierte Technikwissenschaftler – Naturwissenschaftler und Ingenieure. Diese drei Dinge zusammen genommen – Zyklusfragen, Imagefragen und gleichzeitig neue Herausforderungen – haben wahrscheinlich zur Folge, dass wir tendenziell zu wenig Ingenieure und Naturwissenschaftler haben werden in Zukunft.Zeit: Was wollen Sie dagegen tun? Milberg: Wir müssen erst mal die Mechanismen verstehen. Was hält junge Leute von diesen Berufsfeldern fern? Ist es das Image? Sind es die Anforderungen, die an diese Berufe gestellt werden? Ist es die gesellschaftliche Einstellung zu Innovation, zu Technik? Ich glaube, wir müssen erkennen, dass ein Land wie Deutschland Wachstum braucht. Und Wachstum kommt in den wesentlichen Bereichen – im Sinne von neuen Arbeitsplätzen – durch neue Produkte. Natürlich ebenso durch neue Märkte, aber die Märkte bekommt man auch nur durch neue Produkte. Also brauchen wir Innovationen, und die kommen aus Naturwissenschaft und Technik Wenn wir sagen, wir brauchen mehr Wachstum, dann muss diese Gesellschaft auch Wachstum und Innovationen wollen. Deshalb brauchen wir zwei Dinge: Eine noch positivere Einstellung in der allgemeinen Bevölkerung gegenüber Naturwissenschaft und Technik, die Anerkennung, dass auf diesen Feldern über unsere zukünftige Entwicklung und unseren Wohlstand entschieden wird. Es muss uns gelingen, den Beruf des Technikwissenschaftlers mit neuer Reputation zu versehen, so dass es wieder mehr begabten Menschen Spaß macht, auf diesen Gebieten zu entwickeln und zu forschen.Zeit: Die jüngsten Bildungsdaten sagen uns, dass die qualifizierteren Ausgebildeten der Zukunft die Frauen sein werden. Aber die Technikwissenschaften die Ingenieursberufe sind immer noch Männerdomäne. Milberg: Ich habe ja immer gesehen, wie viele Damen in den Vorlesungen saßen, als ich noch hauptamtlich an der Technischen Universität tätig war, vielleicht fünf bis acht Prozent. Nachdem ich jetzt ein paar Jahre Pause gemacht habe, habe ich nicht den Eindruck, dass es mehr geworden sind. Ich frage mich, woran das liegt. Ist es das Bild des Maschinenbauers, das wir eben schon bemüht haben? Ist es der theorielastige Beginn der Ausbildung zum Maschinenbauer, der auch für die Männer eine harte Nuss ist? Die Studenten absolvieren bis zum Vordiplom ein Grundlagenstudium, ohne zu wissen, wie – etwas überspitzt formuliert – eine Maschine aussieht. Ich glaube, dass man bei aller Wertschätzung für die Qualität der theoretischen Ausbildung doch einmal darüber nachdenken muss, ob man das Grundstudium nicht attraktiver machen kann. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, das Studium leichter zu machen, sondern darum, es attraktiver zu gestalten. Man muss junge Leute motivieren, ihnen ein Stückchen entgegen kommen. Joachim Milberg über das Deutsche in den Ingenieurswissenschaften, die Sehnsucht nach Internationalität und das fehlende Markenbewusstsein der HochschulenZeit: Zur Attraktivität eines Faches gehört auch seine internationale Sichtbarkeit. Wir investieren sehr viel Forschungsgeld in die Technischen Universitäten, aber mit wissenschaftlichen Ergebnissen in internationalen Publikationen werden wir kaum sichtbar. Milberg: Es gibt anders als in den Naturwissenschaften keine internationale Zeitschrift der Ingenieurwissenschaften, die so ein Renomee hätte wie etwa Nature oder Science. Dieser Bereich ist seltsamerweise überall eher landesorientiert. Wir publizieren durchaus viel, auch bei den ingenieurwissenschaftlichen Publikationen aus Deutschland könnte man von einer Flut sprechen. Aber diese Publikationen werden international weniger zitiert. Sie werden in Österreich gelesen, in der Schweiz, in anderen europäischen Nachbarländern, in denen die deutsche Sprache zum Teil noch beherrscht wird. Aber sie werden in England, in den USA und in anderen Ländern nicht so zur Kenntnis genommen, wie sie es verdient hätten. Früher hat man in der Wissenschaft auch international sehr viel mehr deutsch gesprochen. Es gab internationale Kongresse, auf denen man dreisprachig diskutiert hat. Dies hat sich aber spätestens nach dem Krieg dramatisch geändert. Zeit: Muss man nicht auch in den Ingenieurs- und Technikwissenschaften internationale Studienabschlüsse diskutieren, wie sie jetzt stellenweise in den Naturwissenschaften etabliert werden? Milberg: Ich habe immer wieder behauptet, dass die Ausbildung im Bereich der Ingenieurswissenschaften in Deutschland fachlich wirklich Spitze ist – bei den schon genannten Zusatzqualifikationen trifft das leider nicht so zu. Wenn Sie sich die Ausstattung der Institute in den deutschen Universitäten anschauen, die Leistungsfähigkeit des Personals, der Professoren und Assistenten, dann können die durchaus im internationalen Vergleich mithalten – auch mit Spitzenuniversitäten im Ausland. Da gibt es durchaus Pendants zu den amerikanischen Universitäten in Deutschland. Das deutsche Ausbildungssystem mit Vordiplom und Hauptdiplom hat ja eine ganz andere Systematik als das Bachelor- und Master-System der Angelsachsen. Das Vordiplom ist kein berufsqualifizierender Abschluss sondern ein Zwischenschritt. Bei uns steht die Theorie am Anfang und dann folgt die Übertragung ins Praktische. Dagegen ist der Bachelor schon ein berufsqualifizierender Abschluss. Und der Schritt vom Bachelor zum Master ist die Vertiefung der Theorie, um die wissenschaftliche Basis zu stärken. Das sind zwei Systeme, die einfach nicht kompatibel sind. Dennoch müssen wir uns in Deutschland dem internationalen Vergleich stellen. Es gibt Bildungspolitiker und Hochschullehrer, die sagen, Vordiplom und Hauptdiplom seien Ausdruck unseres Kulturkreises. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Auf der anderen Seite sind Technik, Wirtschaft und Ausbildung so international geworden, dass ich glaube, wir müssen uns möglichst schnell an international vergleichbare Abschlüsse herantasten. Darin sehe ich sogar eine Riesenchance. Das deutsche Vordiplom und Hauptdiplom haben einen guten Klang in der Welt. Warum sollte es uns mit dieser hohen Qualifikation, die wir an den deutschen Hochschulen liefern, nicht genauso gelingen, den besten Bachelor- und den besten Master-Studiengang weltweit aufzubauen, und daraus wieder ein Markenzeichen zu machen.Zeit: Technische Ausbildungsstätten wie das Caltech oder das MIT, haben es geschafft, sich ein Image zu geben, immer ganz vorne dran zu sein. Dagegen haben die RWTH Aachen, die TU München oder die TU Berlin doch eher ein bodenständiges Image. Woran liegt das? Milberg: Ich glaube, MIT oder Caltech haben es wirklich geschafft, sich ein gutes Image aufzubauen und sich als Marke zu etablieren. Das ist unseren Universitäten so noch nicht gelungen. Ich glaube aber nicht, dass die Qualität der Ausbildung wirklich unterschiedlich ist. Ich glaube auch nicht, dass in der Spitze der Forschung so große Unterschiede bestehen. Aber es ist sicher so, dass es gerade in diesem Punkt der Imagebildung und des Markenprofils Raum für Verbesserung gibt, um es mal vorsichtig auszudrücken. Aber wer bestimmt die Markenwahrnehmung, also das Image einer Hochschule? Langfristig doch wohl nur die Absolventen und deren Leistungen und Erfolgsgeschichten in Forschung und Wirtschaft. Was in den USA besser funktioniert, ist die persönliche Bindung der Absolventen an ihre Hochschulen. Wenn aus ihnen später etwas geworden ist, sie Geld verdient haben, unterstützen sie ihre Hochschulen, sei es durch Spenden oder durch Kooperationen. Das geschieht über einen längeren Zeitraum. Und wenn eine gute Absolventenbindung zu einer Institution vorhanden ist, dann trägt das auch zur Markenbildung bei. Das ist ein Schneeballeffekt.Eine amerikanische Universität ist natürlich sehr viel mehr wie ein Unternehmensmodell organisiert und geführt. Eine deutsche Universität ist viel eher ein Netzwerk. Da sind der Präsident und der Senat Koordinierungsgremien, und die Institute und Lehrstühle sind relativ starke dezentrale Einheiten. Als ich in München für das Institut für Werkzeugmaschinen und Betriebswissenschaften verantwortlich war, habe ich natürlich meine eigenen Alumni-Organisation gegründet. Bei den Treffen ist eine erstaunlich hohe Präsenz festzustellen. Da sind erhebliche Bindungen vorhanden. Diese Bindungen werden in Deutschland allerdings eher auf der Institutsebene geknüpft. Aber das auf die Hochschulebene zu übertragen und damit die Marke Universität zu stärken, darin sehe ich eine Riesenchance.Zeit: Aber Marken werden nur dann stark, wenn sie auf breite Akzeptanz stoßen. Ist Deutschland zu innovationsfeindlich? Milberg: Ich glaube nicht, dass wir ein technikfeindliches Umfeld haben. Aber es ist ein Unterschied, ob ich etwas billigend in Kauf nehme, abwartend beobachte oder ob ich sage, „Donnerwetter, die haben ja tolle Ideen, lass uns mal gucken, was da so geht.“ Das MIT und auch die Kollegen in Kalifornien arbeiten in einem Umfeld, wo eher die Frage gestellt wird: „Toll, was kann man daraus machen?“ Kann man eine Firma gründen? Kann man einen Markt bedienen? Joachim Milberg über das kühle Innovationsklima in DeutschlandZeit: Sie haben BMW geführt. Deutsche Autos machen Ingenieursleistungen international sichtbar. Autos sind aber Produkte mit einem langen Produktzyklus. Darin stecken vier, fünf Jahre Entwicklungsarbeit, sechs, sieben Jahre Produktion, später sind die Autos noch als Gebrauchtwagen auf dem Markt. Es sind sehr langlebige Technologieträger mit langen Innovationszyklen. So scheint auch Deutschland zu wirken. Nicht besonders innovationsfreudig, sondern eher auf Bodenständigkeit, Wertarbeit, beständige Weiterentwicklung setzend. Milberg: Automobilbau hat zwar relativ lange Entwicklungs- und Produktionszyklen, lebt aber in der Weiterentwicklung entscheidend von Innovationen aus dem High-Tech-Bereich – und ist damit selbst auch diesem Bereich zuzuordnen. Hinsichtlich genereller Innovationsfreudigkeit besteht aber auch eine wichtige Wechselwirkung zwischen Industrie und Gesellschaft. Wenn die Industrie neue Produkte macht und die Gesellschaft sie nicht positiv aufnimmt, dann lassen die Unternehmer irgendwann die Finger davon. Nehmen wir die Geschichte der Mikroelektronik und der Folgeindustrien in Deutschland: Wir haben uns in den 80er Jahren eine Diskussion geleistet, die weniger auf die enormen Entwicklungschancen, auf neue Arbeitsplätze in der Automatisierungs- und Kommunikationstechnik ausgerichtet war als vielmehr auf die Horrorszenarien „Jobkiller Roboter“ und „menschenleere Fabriken“. Die Frage war eben nicht: „Was kann man alles daraus noch machen?“ sondern vielmehr: „Welche negativen Folgen könnte diese Entwicklung haben?“ Dieses Akzeptanzproblem hat sicher dazu beigetragen, dass im Bereich der CAD-Software und der Simulationssysteme sowie der Hard- und Software für die Kommunikationstechnik Deutschland nicht führend ist. Die neuen Arbeitsplätze sind anderswo entstanden. Und wir stehen jetzt wieder vor wichtigen Entscheidungen, die auch künftige Arbeitsplätze betreffen: Biotechnologie, Gentechnologie, Pharmazie, Lebenswissenschaften, Gesundheitstechnik.Zeit: Der britische Wissenschaftsforscher Keith Pavitt sagte, die deutschen Stärken sind zu deutschen Erstarrungen geworden. Milberg: Das akzeptiere ich so nicht. Zukunft ist offen. Zukunft wird immer wieder neu entschieden. Und deshalb müssen wir heute an den Fragen arbeiten, die morgen entschieden werden und übermorgen unseren Wohlstand sichern sollen, nicht an jenen, die gestern hätten entschieden werden sollen Und Deutschland ist durchaus erneuerungsfähig. Es gibt ja auch viele positive Beispiele. In der Laser-Technik ist Deutschland beispielsweise absolute Spitze. In Technologien, die mit Umwelttechnik zu tun haben, ist Deutschland Spitze. Ich wehre mich, zu sagen, wir säßen auf einem absteigenden Ast.Mein Ansatz ist ein anderer: Lasst uns die positiven Beispiele verallgemeinern. Lasst uns weitere positive Beispiele suchen. Lasst uns erkennen, dass wir in der Vergangenheit Entscheidungen zu zögerlich, zu ängstlich oder auch gar nicht getroffen haben und dadurch auf vielen Gebieten zurückgefallen sind.Zeit: Aber damit verlangen Sie mehr als einen Klimawandel, nämlich einen Mentalitätswandel. Milberg: Ich würde mich freuen, wenn man gemeinsam in diese Richtung marschieren könnte. Joachim Milberg über Akatech und den Versuch der Ingenieure, neue Brücken zu bauenZeit: Mit Akatech wollen Sie voranmarschieren. Der Untertitel „Konvent für Technikwissenschaften“ klingt jedoch eher traditionsorientiert. Milberg: Wir stehen am Anfang einer längeren Reise. Vielleicht darf ich mal sagen, was mich ganz persönlich bewegt, Akatech voranzutreiben. Ich habe zwei Motivationen. Die eine haben wir bereits beleuchtet: Deutschland braucht Wachstum, Wachstum braucht Innovation, Innovation kommt aus Naturwissenschaft und Technik. Also müssen wir etwas für den Nachwuchs sowie für die positive Positionierung dieser Technologien, für eine positive Einstellung in dieser Gesellschaft tun. Die zweite Motivation entspringt der akademischen Tradition. Es gibt in Deutschland acht Akademien der Wissenschaft, die Ingenieure sind darin aber gar nicht oder nur am Rande vertreten. Die internationalen Verbände sagen uns: „Euer Stuhl ist leer.“ Ich glaube, auch die Vertreter der anderen wissenschaftlichen Disziplinen merken inzwischen, hier fehlt etwas.Aber bleiben wir bei den Technikwissenschaften. Akatech möchte die unabhängige und anerkannte Institution werden, die für die Technikwissenschaften eintritt. Sie möchte die Drehscheibe etablieren, die Technikwissenschaften in der Hochschul- oder Akademieforschung mit der Forschung in den Wirtschaftsunternehmen zusammenbringt. Zwei Drittel der Forschungsausgaben werden schließlich in der Wirtschaft ausgegeben, ein Drittel in der klassischen Hochschul- und institutionellen Forschung. Die Unternehmen und die Forschungsinstitute muss man zusammen bringen, ihnen eine vernehmliche Stimme geben. Das ist ein wesentliches Ziel von Akatech. Wir sind dabei, eine wirkungsvolle Vernetzung hinzukriegen zu den Wissenschaftlern, die in den Akademien kompetent vertreten sind und den übrigen kompetenten Wissenschaftlern in Hochschule und Industrie. Der Name Konvent der Technikwissenschaft ist ja etwas sperrig, deshalb haben wir uns auch schnell auf die Marke Akatech verständigt – eine gute Kombination ist zwischen akademischer und technisch-wirtschaftlicher Welt.Zeit: Sie haben sich eine ganze Menge vorgenommen: zentrale Themen wie Nachwuchs und Innovation und daneben bestimmte Technologiebereiche von Mobilität über Energie und Umwelt bis Kommunikation. Ist Akatech der Versuch, hier unabhängige Kompetenz aufzubauen, um damit auf politische Prozesse Einfluss zu nehmen? Milberg: Akatech lebt von der Kompetenz, Unabhängigkeit und Reputation, und zwar von der seiner Mitglieder und der sich daraus entwickelnden Gremien. Wann immer man derartige Themen diskutiert, ob einfache oder komplexe, wichtig ist immer eine umfassende Bestandsaufnahme, eine Faktensammlung. Darum geht es uns zunächst. Bei der Politikberatung müssen Sie unterscheiden zwischen Politikerberatung und politischer Beratung. Politische Beratung bedeutet, den Menschen Hilfe zum besseren Verständnis zu geben, sie mit Fakten zu versorgen, und sie in die Lage zu versetzen, ihre persönlichen Schlussfolgerungen zu ziehen. Damit wird indirekt natürlich auch, weil die Menschen ja auch Wähler sind, vielleicht die Politik beeinflusst. Zeit: Akatech als Nationaler Ethikrat für technische Innovation? Milberg: Unser Ansatz ist es, unsere Aktivitäten in Arbeitskreisen zu organisieren, in denen viele Menschen zusammenkommen können und sollen, und nicht nur solche, die Mitglieder sind. Sondern diese Arbeitskreise sind offen für Wirtschaft, für Politik, für Gesellschaft überhaupt. Und diese Arbeitskreise werden mit ihren Ergebnissen an die Öffentlichkeit gehen und darüber diskutieren. Zeit: Was habe ich da zu erwarten? Der Arbeitskreis Energie von Akatech spricht sich für einen bestimmten Endlagerstandort für hoch radioaktiven Müll aus? Milberg: Es gibt ja sehr viele Fragen von grundlegender Bedeutung in diesem Bereich: Wie werden wir unseren Energiehaushalt in Zukunft überhaupt sicherstellen können? Welche alternativen Energien stehen zur Verfügung? Welche werden wir brauchen? Es gibt tausende solcher Fragen. Und der erste wesentliche Schritt, ist schon einmal, die Faktensammlung sauber und abgesichert vorzunehmen und – darauf aufbauend – die Schlussfolgerung zu erörtern. Zeit: Was erwarten Sie sich davon, Themen so aufzubereiten und dann die öffentliche Diskussion zu führen? Milberg: Ich erwarte mir eine besser informierte Öffentlichkeit. Ich habe den Eindruck, dass sehr häufig bei Diskussionen über neue zukunftsinteressante Technologien aus einer gewissen Unsicherheit eine Zurückhaltung existiert, oder etwas übertrieben formuliert, das „Nein sicherheitshalber“. Wenn ich über Fakten reden kann, brauche ich kein „Nein sicherheitshalber“. Zeit: Wenn ich Innovation beurteilen soll, dann reicht die faktische Bestandsaufnahme doch nicht aus. Irgendwann muss ich ein gewisses Risiko eingehen. Die Zukunft ist immer unbekannt. Milberg: Entscheidend ist doch: Wie geht man an die Zukunft heran? Mit wieviel positiver Grundstimmung geht man an neue Ideen heran? Wie werden sie aufgenommen? Wenn Sie etwas Neues machen, wird das die Dinge verändern, beeinflussen. Damit kommen wir schon zu der Frage: Ist der Einfluß positiv oder ist er negativ zu bewerten? Ich habe den Eindruck, bei uns ist Veränderung zunächst eher negativ besetzt. Wir brauchen deshalb eine allgemeine Aufgeschlossenheit für Neues und eine neutrale Chance für die Risikobetrachtung, die natürlich auch notwendig ist. Zeit: Sie arbeiten eng mit der Industrie zusammen. Wie vermeiden Sie den Verdacht, Lobby-Arbeit zu betreiben? Milberg: Diese Frage ist schon so gestellt, als würden wir Lobby-Arbeit betreiben. Die Mitglieder von Akatech werden nach einem kritischen von den Akademien erprobten wissenschaftlichen Auswahlverfahren rekrutiert. Und die Drehscheibe zwischen der wissenschaftlichen Seite und der Wirtschaft sind die Arbeitskreise. Darüber hinaus wird es einen Förderverein für Akatech geben, der aber keinen Einfluß auf die Ziele oder Ergebnisse dieser Arbeitskreise hat. Das Konzept ist so angelegt, dass da klare Trennungen existieren. Aber am Ende zählt die Reputation und die Unabhängigkeit der Menschen. Es zählen die Arbeitsergebnisse. Wir müssen uns diesen Ruf erarbeiten. Zeit: Wir haben bisher über viele Einzelaspekte diskutiert. Kann man durch die Arbeit im Detail das Klima in Deutschland verändern. Milberg: Die spannende Frage ist: „Wie kann man Veränderungen erreichen? Durch große Reden, die Großes fordern? Oder sind es die vielen kleinen Dinge? Wahrscheinlich brauchen wir beides. Ich glaube aber tatsächlich, es sind letztlich die vielen Einzelschritte, die eine Mentalitätsänderung ergeben, dazu gehören Zeit, ein langer Atem, Ernsthaftigkeit und Reputation. Außerdem hoffe ich, dass wir jetzt in einer Situation sind, in der viele solche Schritte auch positiv aufgenommen werden. Aber Sie haben Recht, ein Anliegen ist es auch, die Atmosphäre zu verändern. Ich glaube, ob wir am Ende 3 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt 2,5 Prozent oder 1,5 Prozent für die Forschung ausgeben, hängt davon ab, wie der Wähler über Technik und Naturwissenschaft denkt. Und ob er erkennt, dass Forschung und Entwicklung die Schlüsselfaktoren für die Lösung unserer Standortfrage sind. Zeit: Reden wir Deutschland schlecht und machen damit das Klima noch schlechter als es ohnehin sein müsste? Oder ist eine ehrliche Bestandsaufnahme entscheidende Voraussetzung für den Aufschwung? Milberg: Da muss man wahrscheinlich etwas schizophren argumentieren. Wenn Sie in einen Bäckerladen gehen und Brötchen kaufen wollen und der Bäckermeister beschimpft die Angestellten weil der Teig schlecht gerührt und das Brot schlecht gebacken und darüber hinaus das Verkaufspersonal unfreundlich ist, dann suchen Sie sich einen anderen Bäcker. Als Land, das so vom Export abhängig ist, muss Deutschland sich schon klar darüber werden, dass die Botschaften, die wir intern verbreiten, auch nach außen gehen. Gleichwohl müssen wir uns die Wahrheit um die Ohren hauen. Wie anders sollen wir denn die Veränderungsprozesse in Gang setzen? Aber diese Auseinandersetzung sollte bitte kurz und heftig sein – und dann auch wirklich zu Veränderungen führen. Wir dürfen nie vergessen, dass wir enorm vom Export abhängig sind. Wenn wir permanent der Welt erklären, wie schlecht unsere Hochschulen sind, was wir für eine unmögliche Industriestruktur haben, dann glaubt die Welt das irgendwann. Wenn die Marke Deutschland wieder richtig erstrahlen soll, dann müssen wir hier unsere Schularbeiten machen. Zeit: Auf dem Weg zur Wissensgesellschaft sehen wir zwei Erfolgsmodelle: Die Skandinavier investieren viel in breite Bildung und heben so das Bildungsniveau der gesamten Gesellschaft. Die Vereinigten Staaten und Japan setzen dagegen auf ein starkes Konkurrenzmodell, wo wenige Spitzenleute einen Sogeffekt ausüben und viele mitziehen. Wie könnte der deutsche Weg aussehen? Milberg: Breite ohne Spitze ist Stumpf und wenig motivierend. Spitze geht aber nur mit stabilem Fundament, aus dem sich die Spitze auch entwickeln kann. In der Balance von beidem muss also das Optimum gesucht werden. Das gilt aber auch für die Industriestrukturen. Amerika und Japan sind die größten Volkswirtschaften. Deutschland gehört mit seiner volkswirtschaftlichen Stärke mit in diese Gruppe. Die skandinavischen Länder sind eher kleiner und haben deshalb auch andere Strukturen. Für Deutschland wird diese Frage auch industriestrukturell anstehen: Wollen wir uns auf bestimmte Stärken konzentrieren, oder haben wir noch die Chance, uns in voller Breite weiter zu entwickeln? Noch haben wir uns offenbar nicht entschieden. Das Gespräch führte Andreas Sentker