Das Chefzimmer von Ralph Dommermuth ist nicht geschmacklos eingerichtet – sondern komplett geschmacksfrei. Ein stricharmer Frauenakt, niedliche James-Rizzi-3-D-Figürchen, wilde japanische Kunst, antike Aktien im Messingrahmen, "Vielen Dank für die tolle Fete"-Poster von den lieben Mitarbeitern und ein Drei-mal-drei-Meter-Kunstschinken: die Weltmeisterschafts-Fernsehübertragung England gegen Kamerun. Dazwischen eine Dagobert-Duck-Geldschwimmbad-Plastik, die schon manchen Besucher zu witzigen Vergleichen inspirierte, eine Steinskulptur, glasvitrinengesichert, und Stillleben aus Obst. Aus jedem Dorf ein Hund. Kaufpsychologen würden jeden Galeristen warnen, so viele Stilrichtungen in ihr Sortiment aufzunehmen. Bei Ralph Dommermuth steht man erst mal im Zimmer und staunt: Warum ist sein Geschmack so maligne mutiert?

Er habe die Bilder "geschenkt bekommen", sagt der 39-jährige Unternehmer, "und wenn sie einen schwarzen Rahmen haben, passen sie in mein Arbeitszimmer." Geschmack ist nicht sein Kriterium.

Nun muss man diesen Pragmatismus ein wenig einordnen, um ihn zu verstehen. Dommermuth arbeitet seit 1988 in einer Branche, vor der die meisten Eltern noch immer ratlos kapitulieren: Ja, Junge, und was machst du da den ganzen Tag? Womit handelst du?

Er überlebte als Unternehmer eine Zeit, in der das Internet voll angehender Weltmarktführer und Global Player steckte, die wenig später an den eigenen Träumen scheiterten. Das Software-Unternehmen Intershop und die Multimedia-Agentur Pixelpark sind nur ein Schatten ihres einstigen Selbst, Namen wie Brokat und Kabel New Media sind schon fast vergessen. Nur der allgemeine Niedergang blieb präsent und ließ das Internet für eine Weile wie etwas Berufsjugendliches und schädlich Antitraditionelles aussehen. Zu Unrecht, wie die Geschichte von Ralph Dommermuth zeigt, der im virtuellen Raum satte Gewinne erwirtschaftet.

Wer nach dem Innovativen in Dommermuths Geschäft gefragt wird, kann entweder "Oh, Mama, lass doch" antworten – oder versuchen, es zu erklären.

Nach einer Banklehre und Vertriebserfahrungsammeln bei einem Montabaurschen Computerhändler gründet Dommermuth 1988 die 1&1Marketing GmbH. Seinen Erfolg beschreibt wohl am besten die populäre Dienstleistung einer Tochtergesellschaft: GMX. Der EMail-Provider richtet für jeden, der es will, einen virtuellen Briefkasten im Internet ein. Wer es tut, kann von dort E-Mails verschicken und sie auch empfangen. Die inzwischen 15 Millionen Briefkästen bringen zunächst noch keinen einzigen Cent ein, von den Einnahmen durch ein paar Werbebanner abgesehen. Aber da das Unternehmen den virtuellen Briefkasten nach einiger Zeit zu einem moderaten Preis mit vielen Zusatzleistungen anbietet, ohne dass es seine Kunden ins Bezahlangebot zwingt, steigen die Kunden nicht aus, sondern um. Pro Quartal bekommt GMX auf diese Weise 50000 zahlende Neukunden, 200000 sind es insgesamt.

Alles zusammengenommen macht Dommermuth mit seiner Internet-Fabrik, die er vor einiger Zeit in United Internet umbenannte, im zweiten Quartal dieses Jahres einen Umsatz von 96,9 Millionen Euro und erzielt dabei ein Ergebnis vor Steuern von 14,1 Millionen Euro. Und das in einer Zeit, in der alle so höllengleich jammern, als gäbe es für das lauteste Jericho-Konzert auch noch Extra-Tantiemen.

Jetzt strebt das Unternehmen die Internationalisierung an. "Ich will wissen, ob es bei United Internet zum internationalen Player reicht – oder nur zu einem soliden Mittelständler", sagt Dommermuth, und es hört sich an, als hätte es nie eine Internet-Krise gegeben.