Hamburg

Warnungen hatte es viele gegeben. Vor der Partei, aber auch vor dem Mann, der der Partei ihren (Ruf-)Namen gab, der sie gründete und der sie an jenem 23. September vor fast zwei Jahren zu einem bislang beispiellosen politischen Triumph führte – von null auf 19,4 Prozent. Warnungen hatte es genug gegeben. Aber Ole von Beust hatte keine Wahl. Denn hätte er auf sie gehört, er wäre niemals Regierungschef geworden. Ole von Beust säße noch immer als Abgeordneter in der Hamburger Bürgerschaft wie in den zweieinhalb Jahrzehnten zuvor und würde in den Annalen seiner Heimatstadt bestenfalls als Fußnote auftauchen: ein Talent, gescheitert.

Also hat der CDU-Politiker Ole von Beust damals, im Herbst 2001, alle Warnungen beiseite gewischt und jenen Pakt geschmiedet, der am vergangenen Dienstag ein ziemlich melodramatisches Ende fand. Wer sich in einer schwierigen Situation so verhalte, wie Ronald Schill es getan habe, sei "charakterlich nicht geeignet, das Amt eines Hamburger Senators weiterzuführen", urteilte von Beust in seiner Pressekonferenz scheinbar kühl über jenen Mann, der ihn selbst an die Macht gebracht hatte. Mit dem er nach eigenem Bekunden zwei Jahre lang erfolgreich Politik machte. Und der ihm offenbar damit gedroht hatte, sein Privat- und Sexualleben öffentlich zu machen. Schill saß in diesem Moment nur zwei Plätze neben von Beust. Die beiden trennte ein Pressesprecher. "Charakterlich nicht geeignet" – dann verließ von Beust die gemeinsame Veranstaltung.

Wovon genau handelt diese Geschichte? Gewiss, Aufstieg und Fall eines Populisten lassen sich an der Karriere Ronald Schills trefflich studieren. Groß war die Aufregung, als der "Richter Gnadenlos" im Juli 2000 mit einer Hand voll Getreuen im Ratsweinkeller des Hamburger Rathauses die Partei Rechtsstaatliche Offensive gründete. Groß war auch das Sendungsbewusstsein des Hauptdarstellers, der schon damals reichlich unbescheiden formulierte: "Für viele tausend Menschen bin ich ein Hoffnungsträger." Sicherer wollte er Hamburg machen, die Kriminalitätsrate in der so genannten "Hauptstadt des Verbrechens" halbieren. Die Parolen trafen auf fruchtbaren Boden – bei den lokalen Medien in der Hansestadt, die nach 44 Jahren SPD-Regierung den Kitzel des Ungewöhnlichen verspürten. Aber auch bei vielen Bürgern, die ihre alltäglichen Sorgen, insbesondere den Wunsch nach Sicherheit und Ordnung, bei den etablierten Parteien nicht mehr gut aufgehoben fanden. Für sie figurierten Schill und seine Partei als Versprechen; für die Medien war der Amtsrichter ein Phänomen – und allein dadurch interessant.

Dabei klaffte zwischen dem Bild, das von Schill gezeichnet wurde, und seinem persönlichen Auftreten von Beginn an eine große Lücke. Denn "gnadenlos" waren nur die Sprüche, die der Politneuling klopfte; ein eindrucksvoller Redner, ein Volkstribun gar war er nie. Wer jemals eine seiner Veranstaltungen besucht hat, erlebte einen großen, etwas linkischen Mann, der sich in seiner Rolle ganz offensichtlich gefiel: einen politischen Narziss, dem das eigene Ego stets wichtiger war als die Interessen der "einfachen Menschen", die er zu vertreten vorgab. Dazu passt eine Anekdote, die der Spiegel berichtete: Danach hängte sich Schill nach dem Dienstantritt als Innensenator ein Porträt seiner selbst (in Öl) ins Vorzimmer.

Von Beust versuchte dagegen stets, die Gemüter zu beruhigen: Bei den Koalitionsverhandlungen habe er Schill "nicht als Scharfmacher, sondern eher als introvertierten Typen kennen gelernt". Doch kaum war Schill im Amt, begannen die Klagen. Vor elf Uhr tauche der Senator nicht im Büro auf; mehr als vier Stunden verbringe er selten am Schreibtisch, hieß es. Die Geschäfte in der Behörde führte derweil Walter Wellinghausen, jener Staatsrat, dessen umstrittene Nebentätigkeiten nun den Anlass für das Zerwürfnis zwischen Schill und von Beust gaben. Ohne ihn, so das einhellige Urteil in der Koalition, wäre der Langschläfer Schill längst aufgeschmissen gewesen. "Da der Senator sich nicht selbst überlasten wollte, war für ihn der hundertzwanzigprozentige Einsatz von Herrn Wellinghausen geradezu die Rettung", urteilt etwa Wellinghausens Kollege Roland Salchow, Staatsrat in der Behörde für Wissenschaft und Forschung.

Umso häufiger ließ sich Schill dafür anfangs in Hamburger Szeneclubs blicken. In den bunten Spalten der Bild- Zeitung posierte er neben Pornostar Gina Wild ( Gnadenlos trifft Schamlos ), kurze Zeit später musste er sich mit Kokain-Vorwürfen auseinander setzen. Auch wenn sich diese schließlich als haltlos erwiesen – zur Haarprobe flog Schill im Privatjet seines Freundes Ulrich Marseille eigens nach München –, hatte sich Schill nach hundert Tagen im Amt einen soliden Ruf als "Partysenator" erworben. Und Ole von Beust hatte zum ersten Mal Grund, seinen Stellvertreter, mit dem er sich mittlerweile duzte, freundschaftlich-besorgt zur Seite zu nehmen. Vielleicht hat er damals schon geahnt, dass seinen Möglichkeiten, Einfluss auf diesen erratischen Charakter zu nehmen, enge Grenzen gesetzt waren. Die Senatskanzlei reagierte jedenfalls ziemlich genervt, als Schill die Kritik an seinen Ausflügen ins Nachtleben mit dem Hinweis konterte, er sei es gewohnt, "aus politischen Gründen mit Dreck beworfen zu werden".

Dennoch: Lange Zeit sah es so aus, als ob von Beusts Methode der sanften Machtworte für beide Seiten erträglich funktionieren würde. Schill hatte die Schlagzeilen, und von Beust behielt – jedenfalls nach außen – die Autorität.