Demut – das ist wohl das Wort, mit dem man den ersten Auftritt Sergio Vieira de Mellos im Irak am besten beschreiben könnte. "Ich bin hier, um euch zuzuhören. Ich bin hier, um zu lernen!", sagte er imJuni bei einem Treffen mit verschiedenen politischen und religiösen Führern des Iraks. Danach hörte er sich geduldig die lange Liste der Klagen an. Sie reichte von steigender Kriminalität über mangelnde Versorgung mit Strom und Trinkwasser bis hin zur Gängelung durch die Besatzungsmacht USA. Sergio de Mello schrieb alles auf und verabschiedete sich mit den Worten: "Sie können auf uns zählen!"

Das können die Iraker nun nicht mehr – jedenfalls nicht, was de Mello selbst betrifft. Der Sonderbeauftragte der UN für den Irak starb am Dienstag bei einem Bombenattentat auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen in Bagdad. Mindestens 16 weitere Menschen (Stand: Dienstagabend) verloren dabei ihr Leben.

Seit Wochen schon gab es Anzeichen, dass die Terroristen ihre Strategie geändert hatten. Am 7. August starben zwölf Menschen durch eine Autobombe vor der jordanischen Botschaft. Vor zwei Tagen flog eine Pipeline in die Luft, die irakisches Öl über den türkischen Hafen Ceyhan ausführen sollte – die größte Export-Pipeline des Iraks. Kurz vorher unterbrachen ein paar Männer durch gezielte Sprengungen die Trinkwasserversorgung eines großen Teils von Bagdad. Die Attentäter zielen nicht mehr allein auf die Besatzungsmacht, sondern auf das nation-building insgesamt, das Wiederaufbauprojekt des Westens. Nicht mehr nur auf die Amerikaner, sondern auf alle, die ihnen helfen wollen. Der befreite Irak ist inzwischen Feindesland. Kein Ausländer soll sich hier sicher fühlen. Das ist die Botschaft – ob sie auch der Wirklichkeit entspricht?

Tatsache ist, dass weite Teile des Landes ruhig sind. Weder im schiitischen Süden noch im kurdischen Norden sind bisher nennenswerte Gewalttaten zu vermelden. Es gibt dort politischen Streit, es gibt Frustrationen und Unsicherheit, Blut aber fließt nicht. Die Gewalt, die Anschläge konzentrieren sich auf das so genannte sunnitische Dreieck, nördlich und westlich von Bagdad. Das bedeutet, dass es die Besatzer im Irak nicht mit einer nationalen Erhebung zu tun haben, sondern mit dem Widerstand einzelner Gruppen, die noch dazu geografisch relativ begrenzt agieren. Es geht nicht um einen Partisanenkrieg, sondern um Terror.

Allerdings ist das auch schon das Ende der guten Nachrichten. Die US-Armee nämlich scheint nicht zu wissen, wer hinter den Anschlägen steht. Mal heißt es, es seien arabische Kämpfer, die für ein Kopfgeld Amerikaner töten, mal, dass es sich um Anhänger von Saddam Husseins Baath-Partei handele oder um einfache Kriminelle, die gegen Geld Sabotage verübten. Mit anderen Worten: Die Amerikaner stochern im Nebel herum. Dementsprechend hilflos klingen auch alle Stellungnahmen aus dem Pentagon.

Präsident George W. Bush und seine Regierung scheinen aber allmählich einzusehen, dass sie mit dem Irak eine Aufgabe geschultert haben, die selbst die Supermacht überfordern könnte. Und es dämmert ihnen, dass sie den Irak nur befrieden können, wenn es gelingt, die Versorgung der Menschen sicherzustellen, das Land schnell auf die Beine zu bringen und ihm eine gewählte, anerkannte Regierung zu geben. Mit anderen Worten: Der Krieg wird nur dann gewonnen, wenn ihn auch die Iraker als gerechtfertigt anerkennen. Das wiederum wird nur unter zwei Voraussetzungen geschehen: Das Leben muss für die Iraker in der Nach-Saddam-Zeit besser sein als zu Zeiten des Diktators. Und besser heißt nicht bloß, dass sie frei von Unterdrückung leben, sondern, dass sie in selbstbestimmter Freiheit und in Sicherheit ihr Leben gestalten können.

Gerade diese Einsichten haben die Vereinten Nationen wieder ins Spiel gebracht. Sie verfügen nämlich über zwei Dinge, die den USA fehlen: eine weithin anerkannte Legitimität und ein Heer von Bürokraten, das – bei aller berechtigten Kritik – viel Erfahrung im nation-building hat – von Kambodscha über Osttimor bis zum Kosovo. Noch vor dem Krieg hatte Präsident Bush die UN als "irrelevant" verhöhnt, jetzt aber räumt eine neue Irak-Resolution des Sicherheitsrates ihr eine Rolle beim Wiederaufbau im Irak zu – auch wenn es nur eine zweitrangige ist. Die UN, so der Beschluss, sollen nur dabei helfen dürfen, den Prozess der Demokratisierung und Stabilisierung zu "fördern". Amerika will nach wie vor das Heft in der Hand behalten. Aber immerhin, die UN sind zurück auf der Bühne der internationalen Politik.

Sergio Vieira de Mello kam also mit einem äußerst schwammigen Auftrag in den Irak. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er damit und mit der ihm zugewiesenen Rolle nicht zufrieden war. Trotzdem hat er als hartnäckiger Diplomat aus dem Mangel eine Tugend gemacht: "Das Zweideutige und Unklare an unserem Auftrag ist auch eine Chance, für uns selbst eine bedeutende Rolle zu finden. Vielleicht ist es sogar besser, dass wir nicht die Zwangsjacke eines klaren Mandates haben. Es könnte in dieser noch nie dagewesenen Situation sogar nützlich sein, mit einer vagen Sprache zu beginnen und nach und nach unsere Ziele zu fokussieren." Selbstbewusst sprach er davon, dass die Vereinten Nationen die "Hebamme" für den neuen Irak sein könnten.