Im Salon von Hans Werner Henzes Haus in Marino gibt es ein hohes, wuchtiges Bücherregal, in dem der Komponist die Partituren seiner musikalischen Hausheiligen aufbewahrt – Bach, Mahler, Strawinskij, Schönberg, Wagner… Oben links, so hoch, dass man eine Leiter braucht, um heranzureichen, steht wie auf einem Ehrenplatz unter Ehrenplätzen die Gesamtausgabe von Mozart. Und Henze sagt, ohne dass man ihn danach gefragt hättte, wenn er nur die Partituren eines einzigen Komponisten mit auf die berühmte einsame Insel nehmen dürfte, würde er sich für Mozart entscheiden.

Die Worte fallen einem wieder ein, wenn man in Salzburger Kleinen Festspielhaus sitzt und seine neue Oper L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe hört. Wirkt nicht vieles sehr mozartisch in diesem Stück? Die weichen, herausgehobenen Kantilenen der Holzbläser, besonders der Klarinette, und die Zauberflöten- Atmosphäre, die über ganzen Szenen liegt? Die elf Bilder in zwei Akten erzählen eine orientalisch verzweigte Traumgeschichte aus syrischer Überlieferung, aber in ihnen versteckt sich auch ein deutsches Prüfungsmärchen.

Al Kasim, ein tugendhafter, morgenländischer Tamino, zieht aus, um seinem Vater einen entflogenen Wundervogel zurückzubringen – ein Wiedehopfweibchen, die über alles geliebte Upupa. Aber unterwegs befreit er auch eine Pamina aus ihrer Gefangenschaft. Bad’iat heißt sie und bittet mit original Schikaneder-Versen ("Herr, ich bin zwar Verbrecherin…") den Herrscher von Kipungani um Vergebung. Der wiederum erweist sich als ein anderer Sarastro: Mit dem Hinweis, dass man in seinem Reich die Rache nicht kenne, gibt er die Liebenden frei. Oder ist es doch eher die Entführung aus dem Serail, die sich im Stück spiegelt, wenn Al Kasim es auf den fremden Inseln mit Wächtern zu tun bekommt, die – "Hände ab, Augen raus, Ohren ab" – dem Osmin verdächtig ähneln? In anderen Passagen glaubt man ganz entfernt auch etwas von Debussys traumverhangenem, farbschillernden Märchenton aus Pelléas et Mélisande zu vernehmen. Sogar der Erzählduktus von Igor Strawinskijs Geschichte vom Soldaten scheint in einigen eckig markanten Trompeten- und Violinsoli mitzuschwingen.

Bei Musik von Henze kann man das im Umgang mit zeitgenössischer Musik so beliebte (aber meist am Wesentlichen vorbeizielende) "Klingt wie…"-Spiel bis in die Nuancen treiben. Weil er beim Komponieren selbst so virtuos spielt mit seinen vielfältigen Traditionsbezügen, stilistischen Anverwandlungen und heimlichen Reminiszensen. Und doch bleiben seine Stücke immer – unverwechselbarer Henze. So ist es auch in der L’Upupa- Oper, die der 77-Jährige zu seinem letzten Bühnenwerk erklärt hat. Die Musik schöpft ihre Kraft wieder ganz aus dem Melos. Der Gesang, die kantabel ausgeformte Linie, ist bei Henze der Urantrieb alles Klingenden, erkennbar bis in die sublimsten Verschlingungen des Orchestersatzes. Mit leichter Hand entwirft er dabei plastisch-theatralische Gesten und erzeugt magische Stimmungen. Verführerisch sind seine Klangmischungen, betörend die Instrumentationskünste.

Das Libretto, das er sich selbst geschrieben hat, ist voll von märchenhaften Situationen, die seine musikalische Fantasie herausfordern. Auf der Insel Pate schleicht sich der Held Al Kasim in einen verbotenen Garten und lauscht dem Gesang duftender Blumen. Auf Kipungani empfängt ihn unterm Sichelmond eine zauberische Notturnomusik. Einmal wird ein tiefer Brunnen zum Schacht der Entgrenzung, als Al Kasim und Badi’at darin feststecken und sich an Visionen vom Liebestod berauschen. Eine rätselhafte Schatztruhe, die die Reisegesellschaft unterwegs erobert hat, beherbergt giftig-böse Gnome, die aufs Stichwort burleske Veitstänze aufführen.

Henze malt diese Märchenbilder zwar ungemein farbig, aber nie großflächig aus. Erstaunlich gefasst, mitunter fast lapidar verleiht er ihnen Gestalt. So erzählt er Al Kasims Flugreise auf dem Rücken eines guten Dämons, die ein anderer Komponist gewiss zur spektakulären Luftnummer ausgebaut hätte, mit einem einzigen Blechbläseraufschwung in nur wenigen Takten. Man spürt, dass der Theatermusiker Henze sich und der Welt nichts mehr beweisen will mit dieser Oper. Ohne jede Selbstberauschung lässt er die Tableaux vorüberziehen. Gelassen, gelegentlich auch ein bisschen altmeisterlich routiniert, aber mit der ganzen Könnerschaft seiner Erfahrung holt der alte Puppenspieler noch einmal die Märchenfiguren hervor und lässt sie tanzen. Er will viel weniger als in seiner 1997 in München uraufgeführten Vorgängeroper Venus und Adonis, die in ihrer allegorischen Überhöhe doch ziemlich geschraubt wirkte und mit ihren drei, ineinander verschränkten Orchestern auch musikalisch viel prätenziöser daherkam als nun seine L’Upupa.

Henze, so scheint es, übt sich im Loslassen. Denn davon handelt das Stück in erster Linie: Der greise, einsame Großwesir Al Radschi el-Din, der "zwischen Aurora und blauer Stunde" auf den Zinnen seines Turmes wacht (er ist gewiss auch ein augenzwinkerndes Selbstporträt Henzes), kommt von seinem Zaubervogel nicht los, der auf und davon ist, seit er ihn einmal "schwachsinnig vor Begeisterung" packen wollte. Die Upupa, Symbol für das Kunstschöne schlechthin, lässt sich nicht in Besitz nehmen. Wenn der Alte sie am Ende wieder überglücklich in den Händen hält, lässt er sie fliegen. Und die Oper dämmert im letzten Bild weg ins Blau der reinen Poesie.

Ein ergreifender Epilog ist Henze da gelungen: Der Großwesir und die schöne Badi’at blicken stumm dem davonreitenden Helden Al Kasim nach, und die Bühne ist nur noch erfüllt von schwebend-filigraner Musik. Alles Theatralische ist zurückgenommen zugunsten eines traumverlorenen Instrumentalsatzes. Der Komponist geht nicht mehr den Umweg über das Maskenspiel und wendet sich mit einem magischen Klanggedicht direkt an den Hörer. Wer will, kann darin eine leise Verachtung gegenüber allem irdischen Bühnenbretterknarzen vernehmen. Es ist die wehe Abschiedsgeste des Opernkomponisten, Henzes Traumstunde.