Der Wald steht nicht, er liegt. Verkeilte Tannen, entwurzelte Fichten, zerhackte Buchen, feine Reisignetze dazwischen. Alles liegt noch genauso da, wie Orkan Lothar es im Dezember 1999 hinterlassen hat. Seither wurde das Waldstück am Plonkopf im Nordschwarzwald vom Menschen nicht mehr berührt.

"Was wir jetzt sehen, ist eigentlich unten", sagt Förster Steffen Wagner, der auf dem kürzlich eröffneten Lotharpfad eine Besuchergruppe durch das Trümmerfeld der Natur führt. Direkt vor ihm ragt die Flachwurzel einer Fichte auf wie eine zerschossene Hauswand. Nur 30 Zentimeter tief reichte sie in die Erde. Als Lothar den Baum umdrückte, riss die Wurzel ganze Felsblöcke mit sich hoch.

Der Winterorkan schlug mit Geschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern eine Bresche in den Wald, die Fichten fielen wie die Dominosteine. 30 Millionen Kubikmeter Holz hat Lothar allein in Baden-Württemberg verwüstet. Mittlerweile ist der Wald größtenteils aufgeräumt. Nicht so am Plonkopf. Hier beschritt das Forstamt Baiersbronn einen anderen Weg. Und der hieß Rückzug statt Ordnungsliebe. Heute führen Pfade, Stege und Hängebrücken durch zehn Hektar verwilderter Fläche. Auf einer Länge von 900 Metern gehen Besucher auf Tuchfühlung mit der Naturgewalt. Der Lotharpfad ist in dieser Form einzigartig in Deutschland.

Schichtpilz und Zunderschwamm machen sich über das Holz her

"Es muss eine Erinnerung bleiben", sagt der junge drahtige Förster, während er an der Spitze der Gruppe eine Steigleiter hinaufklettert. Hier könne bestehendes Wissen über die Natur überprüft und von der Natur gelernt werden, indem man sie machen lässt, was sie will. Auch die Forstliche Versuchsanstalt Baden-Württemberg ist dieser Ansicht und untersucht auf der Sturmwurffläche die natürliche Baumverjüngung. "Lothar war eine wirtschaftliche Katastrophe für die Waldbesitzer", sagt Wagner. "Für die Natur ist er eine große Chance."

Die Besucher – drei Familien mit Kindern und einige Wanderer – haben noch große Mühe, diese Chance zu erkennen. Sie sind still geworden, ehrfürchtig still: diese Gewalt, diese Zerstörungswut. "Auf jedem Quadratzentimeter Boden spielen sich hier packende Szenen ab", hilft Wagner seinen Gästen auf die Sprünge. "Spannender als ein Tatort." Er beugt sich zu einem Ameisennest hinunter. Tausende Kleine Rote Waldameisen wuseln über den Berg aus Fichtennadeln und zersetzter Rinde. Die Blätter der umstehenden Büsche sind verätzt. Bis zu 30 Zentimeter spritzen die Insekten ihre Säure um sich, wenn sie sich bedroht fühlen. Wagner fängt ein wenig Ameisensäure in einem Glas ein und lässt die Besucher daran schnuppern. Der scharfe Dampf zieht bis ins Gehirn. "Macht die Nase frei!", sagt der Förster. Die Waldameisen gehörten zu den ersten Nutznießern des Sturms. Sie haben ihr Nest gleich nach Lothar um einen umgestürzten Baumstamm gebaut. Heute ist der Ameisenhaufen hüfthoch. Denn die Ameisen finden hier optimale Lebensbedingungen. Sie ernähren sich vom Honigtau der Schild- und Blattläuse, die auf den nachwachsenden jungen Waldbäumen in Hülle und Fülle vorkommen.

Auch zahlreiche Pilze sind bald nach Lothar angerückt und beteiligen sich an der Zersetzung des Sturmholzes: Zunderschwamm, Schmetterlingstramete, Blutender Schichtpilz, Baumfäule. Eine umgestürzte Buche hat noch ein wenig Wurzelkontakt mit der Erde. Große Teile des Baums sind abgestorben, einige treiben jedoch Blätter und strecken den Besuchern Samenhüllen mit frischen Bucheckern entgegen – im dritten Sommer nach dem Sturm.

Die Vegetation organisiert sich aus der erzwungenen Horizontalen wieder in die Vertikale um. Farne, Vogelbeeren, junge Tannen und Fichten wachsen an geschützten Stellen. Die blaue Farbe der Heidelbeeren, die aus Vogel-, Fuchs- und Dachskot auf gebleichte Stämme abgefärbt hat, deutet auf die Anwesenheit zahlreicher Tiere hin. "Der Orkan war kein Todesurteil für den Wald", sagt Wagner und malt große Kreise in die Luft, die sich alle wieder schließen – die Zerstörung als erster Akt der Schöpfung.

Die Natur forstet selbstständig auf und verwandelt das Trümmerfeld am Plonkopf langsam in eine Dschungellandschaft. Auch die Besucher blühen zusehends auf. Der erste Schock ist der Faszination gewichen, dem Entdeckerdrang, der Abenteuerlust. Weiche Farben und lange Schatten unterstreichen die Magie des gefallenen Waldes, die Schönheit, die im Chaos liegt. Eine hoch aufragende Flachwurzel formt eine kleine Höhle. Feinste Verästelungen hängen herab wie in einer Märchenkulisse. Der kleine Bastian und seine Freundin Rosmarie hocken sich hinein und flüstern sich Geschichten von Feen und Hexen zu.

Nicht nur aus pädagogischer Sicht scheint es sinnvoll, solche Sturmwurfflächen in bestimmten Fällen einfach liegen zu lassen. Auch ökonomische Gründe sprechen dafür. Gerade in höheren Lagen ist Sturmholz aufgrund seiner geringeren Qualität oft fast wertlos. Die Aufarbeitungskosten laufen schnell zu empfindlichen Summen auf. Höhenwälder sind häufig unzureichend erschlossen, die Transportwege weit, die weichen, staunassen Böden für schwere Maschinen ungeeignet. Der Lotharpfad dagegen verspricht einen beträchtlichen Zugewinn für die Region. Die Europäische Union hat das alternative Tourismusprojekt mit 45000 Euro gefördert. Die Besucherresonanz ist unerwartet hoch. Schon in den ersten Wochen seit der Eröffnung kamen mehrere tausend. Echte Wildnis ist in Deutschland rar, die Sehnsucht danach groß. Niemand hat mit dem Andrang gerechnet.

Förster Wagner hofft, dass der unorthodoxe Umgang mit den Sturmschäden Schule macht. "Wir Forstleute haben uns neue Fragen zu stellen", sagt er bei einer Pause im Unterholz. "Ist die Intensität, mit der wir im Wald aktiv sind, wirklich notwendig? Oder sollten wir in bestimmten Wäldern weniger tun? Gerade wo wirtschaftliches Arbeiten zunehmend unmöglich wird? Und gibt es nicht auch Waldgebiete, in denen wir die Nutzung ganz einstellen können?" Der deutsche Wald produziert jährlich einen Überschuss von rund 20 Millionen Kubikmeter Holz. Rein rechnerisch wäre es somit durchaus möglich, der Natur hier und da den Vortritt zu lassen. Im Gegenzug steigt der Bedarf an naturbelassenen Räumen stark an. Und glaubt man Klimaforschern, so wird das hierzulande noch junge Phänomen der Winterorkane künftig noch öfter auftreten.

"Stell dir vor, du bist ein Tannensämling"

Wagner hat mit den Familien und Wanderern die "Kanzel" erreicht, die kleine Aussichtsplattform hinter einer abenteuerlichen Hängebrücke. Der Blick schweift hinüber zum Kinzigtal, der Scheide zwischen Nord- und Südschwarzwald. Weit unten zieht sich das Rheintal nach Westen, das Straßburger Münster ist zu erahnen; dahinter die Vogesen. Ebenso beeindruckend ist die Aussicht über den Lotharpfad. Auf einen Blick offenbart sich die ganze Dramatik. Wie eine Insel erhebt er sich aus mehreren hundert Hektar kahler Hänge, die nach dem Sturm aufgeräumt wurden. Hier das Chaos der Natur, dort nur Baumstümpfe, sonnenverbranntes Gras, die tiefen Spuren von Waldmaschinen. Landstriche, die an verwahrloste Baugrundstücke denken lassen; dahinter der Wald, den Lothar stehen ließ, schlanke Fichtenstämme, grauweiß aus dem Dunkel schimmernd.

"Stell dir vor, du bist ein Tannensämling", sagt Wagner zu einem kleinen Jungen. "Wo möchtest du wachsen?" Der Junge zeigt, ohne zu zögern, auf den Lotharpfad. Im Wald müsste er sich mit den großen Bäumen um Licht, Nährstoffe und Wasser streiten. An den kahlen Hängen wäre er schutzlos.

In 40, 50 Jahren werden die zerbröselten Stämme des Sturmholzes kaum mehr von rötlich brauner Erde zu unterscheiden sein. Dann schließt sich der Kreislauf, und am Plonkopf wird ein robuster Wald stehen. Stehen, nicht liegen. "Wenn wir es zulassen, zieht die Natur eine neue Waldgeneration groß", sagt Wagner.

Auf den letzten Metern stellt sich die Frage nach der Zukunft des Lotharpfads. "Das Dickicht, das schon jetzt überall durchkommt, wird weiter hochschießen", sagt Wagner und lächelt zufrieden. Die natürlichen Holzzersetzer arbeiten auf Hochtouren. Insekten und Pilze öffnen das Holz. Wasser dringt in die Zwischenräume, die der Frost weiter aufsprengt. Mikroorganismen erledigen die Feinarbeit. In zehn Jahren wird der Reisig verrottet, die Rinde zersetzt, und ihre Nährstoffe werden wieder von Farnen, Vogelbeeren, Fichten aufgenommen worden sein.

Information

Anreise:
Auf der A5 Karlsruhe–Basel bis zur Ausfahrt Achern, Seebach, dann auf die Schwarzwaldhochstraße (B500) in Richtung Kniebis/Freudenstadt, nach fünf Kilometern kommt das Schliffkopfhotel, drei Kilometer weiter auf der rechten Seite der Lotharpfad

Führungen:
Für Gruppen ab zehn Personen 50 Euro, am Wochenende 80 Euro, kleinere Gruppen und Einzelpersonen auf Anfrage beim Naturschutzzentrum Ruhestein, Schwarzwaldhochstraße 2, 77889 Seebach, Tel. 07449/91020, Fax 91022, www.naturschutzzentren-bw.de