An den meisten Tagen überwältigt mich mein angehäuftes Schlafdefizit so gegen 14 Uhr, und ich dämmere langsam weg. Speichel tropft auf meinen Pullover. Wenn ich diesen Satz hier um 14 Uhr an einem normalen Tag schreiben wollte, dann sähe das etwa so aus: "Wenn ich diesen Satzzzzzzzzzz…"

Aber heute habe ich leuchtende Augen und bin ganz aufgekratzt, schwätze munter mit meinen Kollegen in der Redaktion und bin geradezu wild darauf, den ganzen Nachmittag auf die Tastatur einzuhämmern (gewöhnlich kaue ich mir die Finger halb ab, bevor ich den ersten Buchstaben tippe). Ich stehe zwar nicht unter Strom, aber ich bin wacher, konzentrierter, mehr ich selbst. Heute bin ich mein eigener Superman, dank 100 Milligramm Modafinil.

Es gibt viele Gründe, warum wir immer weniger schlafen: die Verlängerung des Arbeitstags ins Privatleben, längere Arbeitswege, hellere Lichter, Geschäfte, die rund um die Uhr geöffnet sind, Shoppingkanäle im Fernsehen – die Liste lässt sich beliebig verlängern. Wir haben uns mit dem ständigen Schlafdefizit arrangiert, aber wir zahlen einen Preis dafür (und zwar nicht nur die 4,05 Euro für den extra großen Latte Macchiato). Studien – unter anderem von Militärforschern – haben gezeigt, dass die Leistungsfähigkeit leidet, wenn man weniger als acht Stunden schläft. Menschen, die nur sieben, sechs oder gar fünf Stunden pro Nacht schlafen, fühlen sich vielleicht nicht müde, aber ihr Denken und ihre Geschicklichkeit leiden. Wir behandeln uns selbst mit Koffein, einer Droge, die uns zunächst wacher macht – aber dafür zittern unsere Hände, und der Herzschlag wird unregelmäßig. Manche Leute, die wirklich wach bleiben müssen, greifen zu Amphetaminen – Stimulanzien, die den Schlaf tagelang hinausschieben können, aber zu schrecklichen Zusammenbrüchen führen, wenn ihre Wirkung nachlässt. Von den unbekannten Langzeitfolgen ganz zu schweigen.

Das Militär ist fasziniert von der Möglichkeit, den Schlaf vielleicht ganz abzuschaffen. Die militärische Forschungsorganisation Darpa forscht an Drogen, die Soldaten eine Woche lang wach halten sollen. Die Air Force verschreibt so genannte go pills – kleine Dosen des Amphetamins Dexedrin –, um Langstreckenpiloten vom Einnicken abzuhalten. (Aber wenn die Piloten zu aufgekratzt sind, kann das auch wieder gefährlich sein: Die US-Piloten, die im vergangenen Frühjahr in Afghanistan aus Versehen kanadische Soldaten bombardierten und töteten, hatten solche go pills genommen.)

Schlafentzug von einer Woche mag in Extremsituationen wie einem Krieg nötig sein, aber wir gewöhnlichen Bürohengste brauchen etwas anderes. Wir wollen keine Pille, die uns drei Tage ohne Pause Excel-Tabellen und Powerpoint-Präsentationen schreiben lässt. Wir wollen nur etwas, das uns einen normalen Arbeitstag lang munter hält – eine Droge, mit der wir den 18-Stunden-Tag, den wir leben, so frisch bewältigen wie den 16-Stunden-Tag, den wir leben sollten.

Das also ist die Vorgeschichte für meine kleine Affäre mit Modafinil. Das Medikament, hergestellt von der Firma Cephalon, wird unter dem gruseligen, nach Orwell klingenden Namen Provigil verkauft. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA genehmigte es 1998 für die Behandlung von Menschen, die an Narkolepsie, an zwanghaften Schlafanfällen, leiden, aber im Untergrund führt es eine zweite Existenz als Muntermacher für die chronisch Schlaf-Deprivierten. Auch das Militär hat es für diesen Zweck an Piloten getestet.

Wie Modafinil wirkt, weiß niemand genau. Es scheint die Ausschüttung von GABA zu verlangsamen, eines schlaffördernden Neurotransmitters im Gehirn. Es könnte auch auf das Histamin-System wirken, das mit der Schlafregulierung zu tun hat. Was man allerdings weiß: Modafinil unterscheidet sich von den meisten Wachmachern. Amphetamine wie Dexedrin zum Beispiel halten wach, indem sie den Spiegel des Neurotransmitters Dopamin steigen lassen – mit der Folge, dass das Gehirn mit Dopamin überschwemmt wird. Dopamin, sagt Joyce Walsleben, Direktorin des Zentrums für Schlafstörungen an der New York University, ist eine Keule, die das Herz rasen lässt, nervös macht und ein Gefühl der Hochstimmung erzeugt. Wenn die Wirkung solcher Stimulanzien nachlässt, ist der Crash äußerst unangenehm. Koffein wirkt auf einen anderen chemischen Signalweg, auf den Botenstoff Adenosin. Aber auch dabei kommt es zur chemischen Flut im Gehirn, die die Hände des Kaffeetrinkers zittern lässt.

Modafinil ist ganz anders: Es umgeht das Dopamin und beschränkt dessen Aktivität auf die neurologischen Prozesse, die mit Wachheit zu tun haben. Es scheint nicht als Breitband-Stimulans zu wirken. Das ist im Übrigen ein Grund, sagt Walsleben, dass Modafinil noch keine Straßendroge geworden ist: Anders als Kokain oder Amphetamine macht es nicht high, und die Wirkung tritt erst Stunden nach der Einnahme ein. Narkoleptiker, die unter plötzlichen Schlafattacken leiden, lieben Modafinil, weil es sie den ganzen Tag wachhält und das zwanghafte Einnicken unterbindet. Neuerdings werden Ärzte auch mit Anfragen von ganz gewöhnlichen, gesunden Menschen bombardiert, die mit Modafinil ihren Schlafbedarf reduzieren wollen.