"Es widerstrebt uns verständlicherweise, weltbewegende Geschehnisse auf triviale Ursachen zurückzuführen." Gordon A. Craig stellt diesen schlichten und doch häufig verdrängten Satz an den Beginn einer Besprechung von Henry Ashby Turners Hitler’s Thirty Days to Power: January 1933. Einmal mehr zeigt eine solche unaufgeregte Betrachtung, mit welcher Souveränität dieser bedeutende amerikanische Historiker sein ureigenes Thema, die Geschichte der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert, schon seit Jahrzehnten darzustellen pflegt.

Sie spiegelt sich auch in den Rezensionen wider, die Craig über wichtige Veröffentlichungen zur neueren deutschen Geschichte in den achtziger und neunziger Jahren für die New York Review of Books geschrieben hat und die jetzt in einem Sammelband auch für deutsche Leser greifbar sind. Arbeiten von Lothar Gall und Otto Pflanze über Otto von Bismarck, Wolfgang Mommsens Bücher über Max Weber, Biografien über Joseph Goebbels und Albert Speer gehören ebenso dazu wie die Werke amerikanischer und deutscher Historiker zum Holocaust und zur Geschichte des "Dritten Reiches". Nicht weniger wichtig: Craigs Blick auf die Literatur zur deutschen Wiedervereinigung. Es sind weit mehr als Buchkritiken, die dem Leser hier begegnen. "Angst", so zitiert er einen amerikanischen Talkmaster aus dem Jahre 1993, sei ein deutscher "Nationalfehler".

Gordon Craigs kühler Kommentar: "Die Diagnose trifft sicherlich zu, zumindest wenn sich die Deutschen in einer ihrer Angstphasen befinden. In keinem anderen Volk der Welt ist der Glaube an Murphys Gesetz so verbreitet, das besagt, dass alles, was schief gehen kann, früher oder später auch schief gehen wird; von der versöhnlichen amerikanischen Antwort, dass man immer jemanden findet, der es wieder in Ordnung bringt, haben sie noch nie gehört." Ein kluger Blick von außen.

Wilhelm von Sternburg