Michele Cattani ist auf dem Sprung. Er ist Radprofi. Allerdings hat er mit Zeitfahren und kräftezehrenden Bergetappen wenig im Sinn. In Schweden, wo er jetzt für drei Wochen hinfliegt, werden seine Tagesetappen im Schnitt 40 Kilometer lang sein. Sein Team wird knapp 20 Mitfahrer zählen, alle zwischen 50 und 70 Jahre alt. Sie haben beim Münchner Radreiseveranstalter Rotalis "eine Radpartie im Märchenland des Nordens" gebucht, wollen Runensteine, geschnitzte Holzaltäre und Felszeichnungen sehen, mit viel Glück vielleicht auch einmal einen Elch. Michele wird sie begleiten als ihr Reiseleiter. 65 Euro verdient er am Tag, plus Trinkgeld, das sei nicht schlecht, findet er, für einen Job, der auch noch ziemlich Spaß mache.

Fahrradreisen liegen im Trend. Während die Branche krankt, verzeichnet der Markt für organisierte Radtouren immer noch Zuwachs. Zwar in diesem Jahr nicht mehr im zweistelligen Bereich, wie dies bei vielen Veranstaltern in den vergangenen Jahren der Fall war, zwei bis vier Prozent werden es aber dennoch sein. Im Jahr 2002 verbrachten zwei Millionen Deutsche ihren Urlaub "mehrheitlich im Fahrradsattel", heißt es in einer vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) herausgegebenen Analyse. Das sind fast 13 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Allerdings organisieren neun von zehn Urlaubern ihren Trip lieber selbst, ohne Veranstalter.

Die gemächliche Art zu reisen ist quer durch alle Altersgruppen beliebt. Doch jene, die mit einem Veranstalter auf Tour gehen, sind meistens über 50, gut situiert, höher gebildet und kulturell interessiert. "Die wollen was vom Land erleben, kulturelle und kulinarische Besonderheiten genießen", erklärt Michele, "und vor allem wollen sie sich um nichts kümmern." Das Gepäck wird mit einem Kleinbus von Hotelzimmer zu Hotelzimmer gebracht, zu Mittag wird ein Picknickbuffet aufgebaut, wer müde ist, kann auf den Kleinbus umsteigen.

So viel Service hat allerdings seinen Preis, und so werden immer häufiger nur Hotels und Gepäcktransport gebucht. Was auch den Vorteil hat, dass man in keinen allzu starren Zeitrahmen gepresst wird und nur mit den Menschen unterwegs ist, mit denen man unterwegs sein möchte. Viele Anbieter von Fahrradreisen machen sogar den Großteil ihres Geschäfts mit solchen "individuellen Pauschalreisen". So bietet zum Beispiel die Bodensee-Radweg Service GmbH für acht Euro pro Tag und Gepäckstück auch nur den Transport der Koffer in die selbst ausgesuchten Unterkünfte an, egal ob die Radfahrer mal bei Freunden oder im Vier-Sterne Hotel wohnen. Anhand von Zählungen der auf den Fähren transportierten Fahrräder, erklärt Service-GmbH-Geschäftsführer Peter Eich, wisse man, dass etwa 200 000 Radfahrer pro Jahr den Bodensee umrunden. Für die 220 Kilometer lange Strecke brauchen sie im Schnitt fünfeinhalb Tage.

An deutschen Gewässern entlangzufahren ist nach wie vor äußerst beliebt. Die immerhin 107000 ADFC-Mitglieder kürten etwa den Weser-Radweg vor dem Donau- und Elbe-Radweg zu ihrem Favoriten. Circa 40 Prozent der Radtouristen wählen Deutschland zum Ziel, immer mehr aber zieht es ins Ausland. Davon profitieren auch Veranstalter wie etwa Wikinger Reisen. Sonst eher für Wander- und Fernurlaub bekannt, hat das Unternehmen in den vergangenen drei Jahren sein Radreiseangebot verdoppelt und, wie Geschäftsführerin Dagmar Kimmel sagt, mit 15 Prozent jährlichem Zuwachs vom Trend profitiert. Die meisten Fahrradtouristen kämen aus Großstädten, sagt sie, und hätten ein Bedürfnis nach Aktivität und Naturerlebnis, aber auf intensivere und langsamere Art, als dies bei klassischen Busrundreisen möglich sei.

Noch wählen die deutschen Radreisenden für ihren Auslandstrip am liebsten Österreich, Frankreich und Italien. Aber das Baltikum sowie Ungarn, Polen und Tschechien haben laut ADFC im vergangenen Jahr deutlich zugelegt. Es finden sich aber auch zunehmend exotische Angebote, wie etwa eine mehrtägige Radtour im vietnamesischen Mekong-Delta oder durch die Hochhausschluchten von New York. Die Fahrräder werden im Ausland natürlich vom Reiseveranstalter gestellt.

Im nahen Italien, erzählt Michele, könne es jedoch schon mal vorkommen, dass einer sein eigenes, schnelles Rennrad mitbringe. "Das wird nicht so gern gesehen von den Mitreisenden, die mit unseren 7-Gang-Rädern unterwegs sind." Wo keine Abzweigungen sind, "dürfen sich solche Kunden aber dann mal auf fünf Kilometern austoben".