Stellen Sie sich vor, Franz Beckenbauer brächte die Kraft auf, die nächsten 20 Jahre den Mund zu halten. Keine Werbung für Telefone, Schrauben, Bier mehr, keine halb garen Kommentare und gefühlsduseligen Rückblicke, kein "Schaun mer mal" mehr. Ohrenbetäubend würde das Schweigen sein. Das Schweigen von Helmut Rahn war noch ohrenbetäubender. Weil er der bedeutendere Spieler ist. Der Kaiser hat das Land mit seiner Spielkunst bloß unterhalten, der Boss hat es verändert. Und begehrte irgendwann, nicht mehr darüber Auskunft geben zu müssen.

Er wollte nicht mehr sprechen über die vielleicht größte Sportsensation des 20. Jahrhunderts, die er, der Bergmannssohn aus Essen-Katernberg, möglich gemacht hatte an jenem 4. Juli 1954. Sein Treffer zum 3:2 gegen Ungarn machte Deutschland erstmals zum Fußballweltmeister, und nicht wenige behaupten, dass die Bundesrepublik erst in diesem Moment wirklich gegründet wurde. Weil es der erste Sieg war, auf den dieser aus der größten Niederlage aller Zeiten entstandene Staat stolz sein konnte. Weil er ohne fremde Hilfe zustande gekommen war, errungen von ein paar bodenständigen Kerlen, die sich wie so viele Deutsche schlecht und recht durch Nationalsozialismus und Krieg gewunden hatten. Weil es das Wunder war, auf das die Deutschen in den zwölf braunen Jahren nach menschlichem Ermessen jeden Anspruch verloren hatten.

Rahn hat mit seinem Schuss in der 84.Minute all das losgetreten. Warum wollte er "dat Tor" dann nicht mehr erzählen? Er konnte es doch so gut. "Der Ball fällt mich vor die Füße, jenau auf’m rechten. Un in die Sekunde wusst ich jenau, wat jetz passiert. Die zwei Ungarn, der Lorant un der annere, stürzen sich auf mich zu. So richtig mit Jewalt. Ich lass se kommen und zieh dann die Kirsche schnell von’n rechten auf’n linken Fuß. Und da, Mann, ich seh et noch wie heute, hab ich dat janze Gelände vor mir. Keine 20 Meter von’n Tor weg, inner Position von den Halbrechten, und der Grosics steht akkurat so, dat in seine Ecke Platz is. Ich zieh ab mit den linken Fuß, und dat jibt so’n richtig jefährlichen Aufsetzer. Un wat dann passiert is, dat wisst ihr ja." Dann ist nichts mehr wie zuvor. Das Land nicht und Helmut Rahn auch nicht. Aus dem talentierten Flügelstürmer, der von Altenessen 12 über Oelde 09 und die Sportfreunde Katernberg schließlich zu Rot-Weiß Essen und für 40 Spiele in die Nationalmannschaft gelangt ist, wird ein Volksheld. "Lasst mich leben, so lasst mich doch leben!", hat er nach dem alles entscheidenden Tor seinen Mitspielern zugerufen, die ihn im Jubel fast erdrückten. Jetzt umarmt ihn ein ganzes Land. "Jeder kannte mit einem Mal Helmut Rahn, aber Helmut Rahn kannte seinerseits nicht jeden", schreibt er in seiner Autobiografie Mein Hobby: Tore schießen, erschienen 1959. "Hundert Leute sprachen mich im Lauf eines einzigen Tages an, luden mich zu einem Glas Bier, einem Glas Wein oder sonst was ein. Sagte ich ja, hieß es gleich: Seht euch diesen unsoliden Burschen an. Dem ist die Weltmeisterschaft wohl in den Kopf gestiegen. Sagte ich hingegen nein, wurde ich für eingebildet und arrogant gehalten."

Er versucht, im Wirtschaftswunderland sich selbst treu zu bleiben. Angebote von Real Madrid und aus Südamerkia lehnt er, der wuchtige Dribbler, der den Ball zum Leidwesen seiner Gegen- und Mitspieler nur ungern hergibt, ab. 1955 wird er mit Rot-Weiß Essen Deutscher Meister, quält sich danach mit Verletzungen und Übergewicht, fährt sein Auto angetrunken in eine Baugrube, legt sich mit den Polizisten an und wird zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Schließlich geht er im Frühjahr 1958 ins "Kittchen". Der sonst so prinzipientreue Bundestrainer Sepp Herberger hält zu seinem Mannschaftsclown, dessen unerschütterlichem Optimismus er seinen einzigen großen Titel verdankt; zu zwei Vorbereitungsspielen auf die WM 1958 reist Rahn direkt aus der Zelle an, mit sechs Toren wird er in Schweden bester deutscher Torschütze.

Später spielt er noch beim 1.FC Köln und als Profi in Holland, was ihn um die Teilnahme an der WM 1962 in Chile bringt. Zum Beginn der Bundesliga 1963 kehrt er nach Deutschland zurück und festigt 1965 seinen Ruf als impulsiver Draufgänger: Er ist der erste Spieler, der in der neuen Ära des deutschen Fußballs vom Platz gestellt wird.

Mehr als genug Stoff also, der immer neu, immer anders erzählt werden könnte. Doch der Unterhaltungskünstler Rahn, der prädestiniert zu sein scheint für das Showbusiness, zu dem der Fußball nach und nach wird, macht nicht mehr mit. Vielleicht ahnt er, dass er – anders als auffem Platz – bei diesem Spiel die Kontrolle nicht wird behalten können. Während der sensible Fritz Walter, Rahns Zimmergenosse während vieler Länderspielreisen, bis ins hohe Alter bereitwillig den Vorzeigehelden gibt, verkauft der Boss zusammen mit seinem Bruder gebrauchte Autos und zieht sich zurück in die Anonymität eines Mietshauses in Essen-Frohnhausen. Selbst vom Rummel um Sönke Wortmanns neuen Film Das Wunder von Bern, der auch eine Hommage an den Boss ist, hat er sich nicht mehr aus der Reserve locken lassen. Aus dem Helden von Bern ist der Jerome D. Salinger, der große Verschollene, des deutschen Fußballs geworden. Am vergangenen Donnerstag ist er gestorben, drei Tage vor seinem 74. Geburtstag.