Brigitte Mira, 93, wurde in Hamburg als Tochter eines russischen Pianisten geboren. Mit 16 stand sie zum ersten mal auf der Bühne in Franz Léhars "Giuditta". Nach dem Krieg ging sie an die Komische Oper Berlin. 1973 gab ihr Rainer Werner Fassbinder die Rolle der Putzfrau Emmi in "Angst essen Seele auf"; dafür erhielt Mira den Deutschen Filmpreis. Im Fernsehen spielte sie in den Serien "Acht Stunden sind kein Tag" und "Drei Damen vom Grill". Der Traum wurde aufgezeichnet, bevor Brigitte Mira Anfang dieses Monats mit Herzproblemen in eine Klinik im Berliner Stadtteil Zehlendorf eingeliefert wurde.

 

Kindchen, Sie können mich für verrückt halten. Ich erzähle Ihnen nicht, ich möchte über blühende Wiesen wandeln, das ist doch alles Quatsch. Ich träume mein ganzes Leben davon, endlich einmal Geld zu haben. Ich möchte wenigstens einmal eine reiche Frau sein. Nie hat das geklappt. Ich habe immer geschuftet, trotz meiner vielen Ehemänner – ich war ja fünfmal verheiratet – die Mäuse immer selbst verdient. Ich beneide die Menschen, die nicht dauernd denken: Das ist aber jetzt ein bisschen teuer. Als ich Kind war, war Geld kein Thema. Warum? Es war keins da. Also haben wir auch nicht darüber gesprochen. Eigentlich ganz einfach. Mein Vater war ein wunderbarer Pianist – und leidenschaftlicher Zocker. Er war Jude, kam arm aus Russland, meine Mutter vergötterte ihn. Sie war eine herrliche Hausfrau. Meinen Vater habe ich im Krieg versteckt. Ich bin früh von zu Hause weggegangen, als ich 17 war, habe ich meine Mutter zu mir genommen. Ich habe mich immer um alle gekümmert. Das war eben so. Ganz selbstverständlich.

Als junge Tänzerin habe ich oft Hunger geschoben. War in dem Beruf nicht ganz so schlimm, ich musste ja ohnehin dünn sein. Aber trotzdem, wenn es ganz doll kam, habe ich mich von begeisterten Herren einladen lassen. Ich war ja sehr niedlich, und das ging sehr schön. Ich hatte ein paar gute Tricks. Meist bin ich schnell abgehauen. Natürlich nicht immer, ich war ja schließlich kein Kind von Traurigkeit, aber oft. Oder ich bin allein in ein feines Hotel gegangen, habe gefrühstückt und erhobenen Hauptes den Raum verlassen. Um das Geld für ein Kleidchen zu sparen. So war das damals.

Wie komme ich nun in meinem hohen Alter an das viele Geld? Ich träume davon, eine enorme Erbschaft zu machen. Eines Tages bekomme ich einen Brief. Und denke zunächst, da hat sich jemand wohl einen Scherz erlaubt. Denn ich lese: "Frau Mira, Sie sind Millionen-Erbin." Ich rufe alle an. Und erzähle den Witz weiter. Der ist schließlich nicht schlecht. Dann packt mich aber meine Neugier. Ich rufe den Anwalt, der mir diesen Brief geschickt hat, an und frage: "Ist das ein Scherz? Oder wie ist das gemeint?" Der Anwalt sagt, dass es durchaus ernst gemeint sei. Ich freue mich, kann mir aber nicht verkneifen zu sagen: "Hätte ja ein bisschen früher kommen können."

Wir vereinbaren ein Termin. Schöne Kanzlei am Ku’damm in Berlin. Alles sehr vornehm. Ich werde auf einmal auch ganz vornehm. Ich werde hereingebeten. Nu’ bin ich aber wirklich gespannt. Ich nehme Platz. Der Notar setzt die Brille auf und liest vor. "Eine Familie habe ich nicht, meine Freunde sind alle tot, und deshalb möchte ich, dass die wunderbare Frau und ebenso wunderbare Schauspielerin Brigitte Mira mein gesamtes Vermögen erben soll. Die Kleene ist nämlich dufte." Mein Fan ist natürlich Berliner. Ich bin zwar in Hamburg geboren, lebe aber schon sehr lange in der Stadt. In meinem kleinen Häuschen mitten im Grunewald. Und es gibt noch ein Briefchen – extra für mich. Mein unbekannter Millionär schreibt: "Mirachen, mach dir keine Sorgen mehr. Du kriegst meine Millionen. Du hast se verdient." Ich falle fast vom Sessel. Es ist also wahr. Da steht es schwarz auf weiß. Ich werd verrückt. Ich kenne diesen Menschen überhaupt nicht. Andererseits würde ich vielleicht auch nichts erben, wenn er mich kennen würde, der würde bestimmt denken, die olle Zicke kriegt gar nichts.

Und es kommt noch besser. Ich kann mit dem Geld machen, was ich will. Ich war noch nie Millionärin. Wie verhalte ich mich jetzt?

Am besten nehme ich mir erst mal einen Anwalt, denke ich. Nun, ich sitze ja gerade einem gegenüber, der meint es offenbar sehr gut mit mir. Und leisten kann ich mir den jetzt ja auch. Wie schön.

Allmählich beruhige ich mich. Und will ein bisschen mehr erfahren, wer war der Herr eigentlich? Ein Geschäftsmann. Lebte im Grunewald. Mensch – wie ich. Vielleicht sind wir uns mal begegnet. Der Gute ist 85 geworden und dann schön friedlich eingeschlafen. Er war Junggeselle. Und er kannte mein ganzes Leben, nur mich kannte er nicht. Er bewunderte mich schon als Ballett-Tänzerin. Das hat er alles bei der Testamentsübergabe seinem Anwalt erzählt. Na ja, einem musste er es ja erzählen. Ich hätte ihn heiraten können, wenn ich ihn gekannt hätte. Wenn die Frau ein bisschen älter ist, ist ja nicht so schlimm. Bei meinem Frankie, meiner großen Liebe, war ich 22 Jahre älter. War auch nicht schlimm. Im Gegenteil. Ältere Männer wissen immer alles besser. Frankie, mein Mann, ist tot. Vor mir gestorben. Unfassbar.

Zurück zu meinem schönen Erbe. Was mache ich nun mit dem Geld? Ganz viel bekommen die Aids-Kranken. Auf jeden Fall besuche ich ein Seniorenheim. Denn die sind immer entsetzlich traurig. Ich möchte da nie hin. Die alten Menschen haben meist kein Geld. Da möchte ich einfach austeilen, verschenken aus vollen Händen. Egal, wofür sie das ausgeben. Wenn ich krank bin, gehe ich in mein geliebtes Waldkrankenhaus. Niemals in ein Heim, so viele alte Menschen vertrage ich nicht. Außerdem mache ich die nervös, weil ich so lebhaft bin. Und das vertragen die nicht.