Schwer zu sagen, ob es von Vorteil oder Nachteil ist, Büchners dramatisches Fragment Woyzeck zu kennen, wenn man in Michael Thalheimers Salzburger Aufführung gleichen Titels geht. Hat man die vor fast 170 Jahren verfasste Szenenfolge im Gedächtnis, glaubt man zu wissen, dass Woyzeck die einprägsamste Gestalt des gedemütigten Armen ist, die bis dahin am deutschen Theater aufgetreten ist; eines Armen, mit dem die Repräsentanten der Macht, hier der gockelhafte Vertreter der alten Aristokratie, der Hauptmann, dort der zynische Wegbereiter der bürgerlichen Moderne, der Doktor, ihr grausames Spiel treiben. Nachdem sein Körper durch die Experimente des Doktors ruiniert, seine Seele ins Pathologische zerrüttet und durch den Tambourmajor seine Eifersucht geweckt ist, ersticht er Marie, das Liebste, das er hatte: ein Mörder, zweifellos, aber das Theater, wie Büchner es verstanden hat, war nicht das erzherzogliche Landgericht, und darum hat er den Täter nicht ein zweites Mal schuldig gesprochen, sondern als Opfer konzipiert, und als dieser unheimliche, von seinen Wahnvorstellungen geplagte, von den Verhältnissen gequälte "arme Woyzeck" ist er in die Theatergeschichte eingegangen.

Wenn man das alles weiß, wird man sich wundern, wie rabiat sich Thalheimer nicht darum schert, was bei Büchner geschrieben steht. Dass er viele Szenen der ohnehin nicht vielen Szenen des Fragments ebenso streicht wie etliche Gestalten, das braucht bei einem Regisseur, dessen früher Ruhm darauf gründet, dass er es gewissermaßen auf das Skelett des Stückes abgesehen hat, nicht zu wundern. Thalheimer hat aber Büchners Fragment nicht nur weiter fragmentiert, bis es gerade noch 75 Minuten dauert, es auf die übrigens völlig kahle Bühne zu setzen; er hat auch das Kunststück zuwege gebracht, dabei jede Menge hinzuzufügen: immerhin fünf Leichen nämlich.

Wollte Büchner den historischen Woyzeck – einen nach den Akten offenbar geisteskranken Soldaten, der 1824 wegen eines Eifersuchtsmordes in Leipzig hingerichtet wurde – in gewissem Sinne rehabilitieren, macht ihm Thalheimer noch einmal den Prozess. Bei ihm ist Woyzeck nicht nur ein Mörder, sondern ein Serienkiller.

Kurios genug, aber Hauptmann wie Doktor, diese Büchnerschen Karikaturen des Standesdünkels und der Despotie, sind Woyzeck von Anfang an unterlegen, lächerliche Popanze, stammelnd der eine, affektiert der andere. Dass er den Doktor, der bei Büchner als Repräsentant des aufsteigenden Bürgertums charakterisiert wird, näseln lässt, als wäre er ein dementer Abkömmling der Aristokratie, belegt Thalheimers verblüffendes Desinteresse an allem, was über seinen Tag hinaus und in die Geschichte zurückweist. Nimmt man die Rezeptionsgeschichte von Büchners Stück zum Maß, markiert diese Festspielaufführung zweifellos die reaktionärste Auslegung, die dem Woyzeck bisher angediehen ist: Sie kappt dem Stück jede soziale Kritik, dreht die Machtverhältnisse um, erklärt Woyzeck zum geheimen Herrscher und macht aus Büchner einen Biedermann, dem es vor dem Proleten graut.

Die Leute gehen ja aber auch gern ins Theater, ohne die Stücke zu kennen, die auf sie zukommen. Was sehen sie? Eine minimalistische Bühne, die von Olaf Altmann mit Stahlblech austapeziert wurde und ein wenig wie das Innere eines Gefrierschranks aussieht. Einen Woyzeck (Peter Moltzen), der vom Anfang bis zum Schluss in diesem Gefrierschrank steht und sich, gelegentlich herrisch, aufs große Gemetzel vorbereitet. Einen feisten Tambourmajor, dessen Eros durch einen nackten Hängebauch betont wird und der die paar Sätze, die er sagen darf, so laut zu brüllen hat, dass den wackeren Peter Kurth nur versteht, wer Büchners Text doch im Ohr hat. Einen Hauptmann, der eine stotternde Witzfigur ist und auf virtuose Weise kein Wort herausbringt (Norman Hacker), einen Doktor, von dessen medizynischen Tiraden nicht viel übrig geblieben ist (Peter Jordan). Eine Marie, die wenig Anrührendes sagen darf, obwohl man merkt, dass sie wüsste, wie es ginge, wobei Fritzi Haberlandt ihr Talent mehr sportiv anzulegen hat, weil sie jeden Mann des Stücks einmal bespringt, was zumal beim lange sterbend in seinem Blut röchelnden Hauptmann ziemlich blutig hergeht.

Ja, das Blut, es spritzt gewaltig. Andres und die geile Käthe werden mehr nebenbei erledigt, der Doktor und der Hauptmann mit Kehlschnitt, am besten kriegt es der Tambourmajor hin, der als echter Mann selbst dafür sorgt, dass ihn der rote Saft fontänengleich verlässt. Einzig der von Thalheimer erfundene "Ansager", der das Geschehen mit Schnulzen à la Iglesias begleitet, macht sich unerstochen aus dem Staub, was man dem rollengemäß schmierigen Markus Graf nicht wirklich gönnt.

In einem an Geschwätz à la mode nicht leicht zu überbietenden Interview, das im Programmheft abgedruckt ist, hat Thalheimer nicht nur erklärt, dass Büchners Drama "ein Dreigroschenroman, ein Schundroman" sei, sondern auch, dass er Woyzeck "als Opfer heute für nicht mehr relevant", sondern vielmehr für einen berechnenden "Fundamentalisten" halte. Vermutlich handelt es sich beim großen Woyzeck- Massaker also um einen Kollateralschaden im Kampf gegen den Terror.