Sie stützen und sie schlagen sich. Recep Tay-yip Erdog˘an und die türkischen Generäle. Der Westen fordert das wacklige Gespann gleich zweimal heraus: Die erste Prüfung kettet Premier und Armee aneinander, die zweite hat sie in eine gallige Machtfehde getrieben.

Die erste Herausforderung kommt aus Amerika. Die Türken sollen, besser heute als morgen, die verlustreiche amerikanische Mission im Irak militärisch unterstützen, von 10000 Soldaten ist die Rede. Der Frontstaat der Nato an der gebirgigen Nordgrenze des Iraks möge mit gutem Beispiel vorangehen (auf das andere zögerliche Nato-Staaten wie Deutschland folgen). Ein heikles Manöver für Premier Erdog˘an, für das er der hinterhaltlosen Solidarität der Armee bedarf. Denn zwei Drittel aller Türken lehnen einen Irak-Einsatz kategorisch ab, ähnlich wie die Deutschen. Am 2. September trifft Erdog˘an in Berlin Kanzler Schröder. Worüber sie sprechen werden? Irak und noch mal Irak. Und sonst? Europa.

Von dort kommt die zweite große Herausforderung für Recep Tayyip Erdog˘an. Die Ansprüche der Europäischen Union haben den Premier in Unfrieden mit den Generälen gestürzt. Die Hürden, welche die EU für die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen errichtet hat, können die Türken nur nehmen, wenn sie gehörig Ballast abwerfen. Der größte Klotz: Bis heute hat das Militär einen in westlichen Demokratien undenkbaren Einfluss auf die Politik. Die Generäle begründen ihre Einmischung damit, dass sie die Wacht am Bosporus wider jede islamische Bedrohung seien.

Doch ausgerechnet einem gewendeten Islamisten gelingt es nun, ihre Macht zurückzuschneiden. Erdog˘an hat ein epochales Reformpaket durchs Parlament gesteuert, das den Nationalen Sicherheitsrat drastisch abwertet. Aus dieser Runde pflegte die Armee die Politik zu gängeln. Künftig darf der Rat nicht mehr anordnen, sondern nur noch "beraten". Vom August 2004 an wird sein Generalsekretär ein Zivilist sein. Der über alle Maßen wehrhafte kemalistische Staat zieht allmählich die Bajonette zurück.

Ein Bild von Kemal Atatürk, dem legendären Staatsgründer der modernen Türkei, hängt hinter dem Schreibtisch von Recep Tayyip Erdog˘an. Atatürks Hinterlassenschaft, den von Generälen und Beamten mit Klauen und Aktendeckeln verteidigten säkularen Nationalstaat, baut Erdog˘an um. Das Haus bleibt stehen, es handelt sich um eine Grundrenovierung mit neuen, großen Fenstern nach Westen. Die Baustelle ist zugleich Schauplatz eines verblüffenden Aufstiegs: der des "schwarzen" Türken Erdog˘an. Er zeigt dem "weißen" – sich gern europäisch gerierenden – Establishment, wie Atatürks Erbe und das Europa von heute zusammenpassen können.

Das Spiel des "Imam Beckenbauer"

Erdog˘an ist einer von unten, einer jener Türken, die im Osmanischen Reich und in der säkularen Türkei stets von hoch oben herab regiert wurden. Ärmer sind sie, religiöser – und erfolgloser als die weißen Türken. Mit Ausnahmen, siehe Erdog˘an. Geboren ist er in Kasımpa≠a, dort, wo die kleinen Leute Istanbuls leben. Der Sohn eines zugewanderten Seemanns vom Schwarzen Meer wurde schnell zum richtigen Kasımpa≠ali: Im Straßenstaub verkaufte er Sesamkringel, die Hand mit dem Wechselgeld in der linken Hosentasche. Prellte ihn jemand, zahlte er mit der Faust aus der rechten Hosentasche zurück. Die erste Karriere machte Erdog˘an auf dem Fußballplatz. Er spielte sich hoch, bis ihn der Istanbuler Spitzenklub Fenerbahçe engagieren wollte. Sie nannten ihn "Imam Beckenbauer".

Doch dem strenggläubigen Vater gefielen Jung Beckenbauers kurze Hosen nicht. Erdog˘an, der eine religiöse Schule besucht hatte, warf die Fußballklamotten in die Ecke, studierte Wirtschaft und Politik und trat der Mannschaft der proislamischen Milli-Görüs-Bewegung bei. Dort begann die zweite Karriere. Erdog˘an durchlebte alle Metamorphosen der islamistischen Bewegung. Das hörte sich dann auch schon mal so an: "Demokratie ist wie eine Straßenbahn, aus der man aussteigt, wenn man sein Ziel erreicht hat."