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Für den Nachwuchs räumt Bezirksbürgermeister Jacques Bravo neuerdings sogar seine schönsten Amtsräume frei. Direkt am Haupteingang seines neubarocken Rathauses nahe des Boulevard Haussmann in Paris hat er einen Empfangssalon zum Klassenzimmer umgebaut. Doch um sämtliche Neuanmeldungen unterzubringen, die die Vorschule direkt neben seiner Mairie verzeichnet, müsste der Vorsteher des 9. Pariser Arrondissements sein gesamtes Stadtschlösschen räumen. "Die Zahl der Kinder in unserem Bezirk ist seit 2001 um 25 Prozent gestiegen", sagt der Bürgermeister des zentralsten aller 20 Pariser Bezirke, der sich von der Pigalle bis zur Börse und Oper erstreckt. "Unsere Schulen platzen aus allen Nähten." Bis zwei neue Schulneubauten fertig sind, muss er in den benachbarten Stadtbezirken Plätze ergattern.

Doch die haben ähnliche Probleme. Der Geburtenboom macht sich im hoch verdichteten Großraum Paris noch stärker bemerkbar als im übrigen Frankreich. Mit 796000 Neugeborenen – 1,9 Kindern pro Frau gegenüber 1,4 im europäischen Durchschnitt – hielt Frankreich im vergangenen Jahr wieder den EU-Rekord in Sachen Fruchtbarkeit – gefolgt von Irland und Dänemark. Das Land hat sich nicht zuletzt mit jährlich 80 Milliarden Euro an Transfers für Familien den Ruf als Europas kinderfreundlichste Republik erarbeitet.

Hinter der Nachwuchsförderung steckt ökonomisches Kalkül: "Jedes neue Kind ist nicht nur ein persönlicher Glücksfall, sondern auch ein wirtschaftlicher Gewinn und ein Wachstumsanstoß für das ganze Land", erklärt Familienminister Christian Jakob. Seit langem versteht Frankreich die Familienförderung nicht bloß als Almosen, sondern als Gesellschafts- und Beschäftigungspolitik.

Jüngst hat die Regierung von Premierminister Jean-Pierre Raffarin ein neues Zehn-Punkte-Programm beschlossen, das die Gebärfreude weiter anheizen und – eher unüblich für das konservative Lager – gerade die unteren und mittleren Einkommensbezieher bevorzugen soll. Eher traditionell und auch in der deutschen Diskussion gängig sind die erhöhten Zulagen. Von Januar 2004 an erhalten Familien, deren Monatseinkommen 4120 Euro nicht übersteigt, eine einmalige Geburtsprämie von 800 Euro pro Kind sowie monatlich 160 Euro Kindergeld während der ersten drei Lebensjahre.

Wichtiger noch als diese Direktzahlungen ist der geplante personelle und finanzielle Ausbau der Kinderbetreuung. Keine Familie soll dafür zukünftig, so will es die Regierung, mehr als zehn Prozent ihres Monatseinkommens aufbringen. Dabei will die Regierung nur zu einem geringeren Teil den Mangel an öffentlichen Krippen beheben – den 200000 vorhandenen Plätzen im Land steht rechnerisch ein Bedarf von 500000 neuen gegenüber. Vielmehr bauen die Familienpolitiker die häuslichen Betreuungsangebote aus. Insgesamt 450000 Frauen – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren – arbeiten heute als staatlich anerkannte assistantes maternelles oder als nourices. Das sind entweder Tagesmütter, die in ihren Wohnungen Kleinkrippen mit zwei bis vier Kindern aus der unmittelbaren Nachbarschaft betreiben. Oder sie kommen als Kinderfrauen gleich ganztägig in Haushalte der kinderreicheren Familien. Premier Raffarin pries jüngst die Betreuungsbranche als "Zukunftssektor", der noch in diesem Jahrzehnt auf 600000 Arbeitsplätze anwachsen werde.

Dieser Luxus soll sogar für Geringverdiener erschwinglich werden. Schon bisher erhalten die arbeitgebenden Eltern Zuschüsse für Gehalt und Sozialversicherung der Kinderfrauen sowie Steuerermäßigungen. Nur die Hälfte aller französischen Haushalte zahlt überhaupt noch Lohn- und Einkommensteuer. Vom dritten Kind an stellt der französische Fiskus die Eltern mit Durchschnittseinkommen sogar völlig steuerfrei. Auch die Unternehmen werden motiviert. Ihnen winken Steuererleichterungen von bis zu 60 Prozent für Ausgaben, die bei unternehmensinterner Kinderbetreuung anfallen.

Die Liste der neuen Vergünstigungen geht weiter. Denn trotz aller Opulenz der Pflegeangebote, so hat eine Umfrage des Instituts Credoc kürzlich ergeben, möchte jedes dritte Elternpaar seine Arbeit lieber zeitweise einstellen oder einschränken, wenn Nachwuchs kommt. Deshalb gibt es künftig, wenn ein Elternteil die Arbeit vorübergehend einstellt, während der ersten drei Lebensjahre 340 Euro monatlich zusätzlich zum Kindergeld.

Gérard-François Dumont, Bevölkerungswissenschaftler an der Pariser Sorbonne, hat ermittelt: "Auch wenn der Kinderwunsch in erster Linie von persönlichen Motiven bestimmt ist, gibt es klare Beziehungen zwischen der öffentlichen Familienunterstützung und der Zahl der Kinder." So geben die konservativ-katholischen Südstaaten Europas wie Spanien oder Italien für ihre Familien weniger als ein Prozent ihres Sozialproduktes aus und rangieren mit 1,2Kindern pro Frau als Schlusslichter in der Fruchtbarkeitsskala. Da erscheint Frankreichs Geburtenrekord, der mit einem Anteil von drei Prozent Familientransfer am Sozialprodukt erkauft wird, als gute Investition. Doch würde Geld allein gebärfreudig machen, wäre Deutschland mit seinem gleich hohen Anteil der Kinderförderung am Sozialprodukt nicht mit 1,3 Kindern pro Frau zu einem der geburtenschwächsten Länder der Erde abgesunken.

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Wenngleich Kritiker der Regierung Schönfärberei vorwerfen, weil sie mit horrenden Verbrauchsteuern und Abgaben einen Gutteil der Familiensubventionen wieder hereinwirtschaftet, bleibt die privilegierte Stellung von berufstätigen Müttern eine dauerhafte Errungenschaft der französischen Gesellschaftpolitik. Mehr als siebzig Prozent aller Französinnen mit zwei Kindern unter sechs Jahren arbeiten. Die Pariser Soziologin Jeanne Fagnani, Direktorin am nationalen Forschungszentrum CNRS, sagt: "Frankreichs Rechte ist in der Familienpolitik weit entfernt von den Konservativen anderer Länder. Kinder gehören bei uns nicht der Privatsphäre, sondern dem öffentlichen Leben an. Familienpolitik ist eine politische Gemeinschaftsaufgabe."

Bei Untersuchungen in ganz Europa hat sie immer wieder dasselbe Verhalten festgestellt: "Wenn die Organisation des Alltagslebens mit Kindern zu schwierig ist und sich nur um den Preis des Daheimbleibens realisieren lässt, verzichten die Frauen auf Kinder, um im Beruf zu bleiben." In Deutschland hapere es nicht am Geld, sondern daran, dass berufstätige Mütter immer noch als "Rabenmütter" gälten und Betreuungseinrichtungen fehlten.

Auch in Frankreich können die schönen Statistiken über die Familientransfers nicht darüber hinwegtäuschen, dass französische Mütter die größten Schwierigkeiten in den ersten zwei Lebensjahren ihrer Kinder haben. Mehr als die Hälfte von ihnen geht beim immer noch mangelhaften Pflegeangebot durch Krippen oder Tagesmütter leer aus. Erst vom dritten Lebensjahr an kommen 99 Prozent aller Kinder in den berühmten écoles maternelles unter, diesen Ganztags-Vorschulen, in denen das Lehrpersonal und die Fürsorge auch deshalb einen so guten Ruf haben, weil dieser Sektor nicht der Sozialpolitik, sondern dem Bildungsminister untersteht. Ihr Besuch ist freiwillig und kostenlos. Anders als die von schlechtem Gewissen geplagten deutschen Mütter sind die Franzosen quer durch alle Schichten fest davon überzeugt, dass die Kinder dort bestens aufgehoben sind.

Der Bevölkerungswissenschaftler Jean-Claude Chesnais vom Institut national des études démographiques weiß, dass die forcierte französische Familienpolitik eine Rettung aus höchster Not war: "Das nachrevolutionäre Frankreich war von 1800 bis 1940 aufgrund fortgeschrittener Geburtenkontrolle das Land mit der weltweit geringsten Reproduktionsquote." Schon während der Volksfront 1936, aber erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Politiker, allen voran Charles de Gaulle, sämtliche Hebel in Bewegung, die Kinderzahl wieder zu erhöhen.

Das geschah mit klaren wirtschaftlichen Hintergedanken. Während Deutschland seit den sechziger Jahren die Arbeitsimmigranten lockte, gingen die Regierungen unter Georges Pompidou und später Giscard d’Estaing daran, die Frauen als industrielles Reserveheer zu mobilisieren. Neben der höchsten Frauenerwerbstätigkeit in Europa erreichten sie damit, dass Frankreichs Bevölkerung von 1950 bis 2000 um 18 Millionen gestiegen ist – eine mehr als doppelt so starke Wachstumsquote wie in Deutschland oder Großbritannien. Zudem sind Kinder auch gesellschaftliche Prestigeobjekte. "Verantwortliche Personen in gehobenen Stellungen", sagt Demograf Chesnais, "haben mit Kindern einen deutlichen Vorsprung an Glaubwürdigkeit."

Das macht das Leben für die Frauen nicht eben leicht. Völlig selbstverständlich muss jede Französin die Erwartung erfüllen, mindestens zwei Kinder zu erziehen, im Beruf Erfolg zu haben, intelligent zu sein und gut auszusehen – und abends ihrer Familie noch ein gutes Drei-Gänge-Menü vorzusetzen. Nur in einem zeigen sich Französinnen ähnlich dünnhäutig wie ihre europäischen Nachbarinnen: Der Kinderwunsch ist auch konjunkturabhängig. Nach langem Kinder- und Wirtschaftsoptimismus bis 2001 war bereits im ersten Krisenjahr 2002 die stolze Geburtenziffer um 8000 Babys gefallen.