Wenngleich Kritiker der Regierung Schönfärberei vorwerfen, weil sie mit horrenden Verbrauchsteuern und Abgaben einen Gutteil der Familiensubventionen wieder hereinwirtschaftet, bleibt die privilegierte Stellung von berufstätigen Müttern eine dauerhafte Errungenschaft der französischen Gesellschaftpolitik. Mehr als siebzig Prozent aller Französinnen mit zwei Kindern unter sechs Jahren arbeiten. Die Pariser Soziologin Jeanne Fagnani, Direktorin am nationalen Forschungszentrum CNRS, sagt: "Frankreichs Rechte ist in der Familienpolitik weit entfernt von den Konservativen anderer Länder. Kinder gehören bei uns nicht der Privatsphäre, sondern dem öffentlichen Leben an. Familienpolitik ist eine politische Gemeinschaftsaufgabe."

Bei Untersuchungen in ganz Europa hat sie immer wieder dasselbe Verhalten festgestellt: "Wenn die Organisation des Alltagslebens mit Kindern zu schwierig ist und sich nur um den Preis des Daheimbleibens realisieren lässt, verzichten die Frauen auf Kinder, um im Beruf zu bleiben." In Deutschland hapere es nicht am Geld, sondern daran, dass berufstätige Mütter immer noch als "Rabenmütter" gälten und Betreuungseinrichtungen fehlten.

Auch in Frankreich können die schönen Statistiken über die Familientransfers nicht darüber hinwegtäuschen, dass französische Mütter die größten Schwierigkeiten in den ersten zwei Lebensjahren ihrer Kinder haben. Mehr als die Hälfte von ihnen geht beim immer noch mangelhaften Pflegeangebot durch Krippen oder Tagesmütter leer aus. Erst vom dritten Lebensjahr an kommen 99 Prozent aller Kinder in den berühmten écoles maternelles unter, diesen Ganztags-Vorschulen, in denen das Lehrpersonal und die Fürsorge auch deshalb einen so guten Ruf haben, weil dieser Sektor nicht der Sozialpolitik, sondern dem Bildungsminister untersteht. Ihr Besuch ist freiwillig und kostenlos. Anders als die von schlechtem Gewissen geplagten deutschen Mütter sind die Franzosen quer durch alle Schichten fest davon überzeugt, dass die Kinder dort bestens aufgehoben sind.

Der Bevölkerungswissenschaftler Jean-Claude Chesnais vom Institut national des études démographiques weiß, dass die forcierte französische Familienpolitik eine Rettung aus höchster Not war: "Das nachrevolutionäre Frankreich war von 1800 bis 1940 aufgrund fortgeschrittener Geburtenkontrolle das Land mit der weltweit geringsten Reproduktionsquote." Schon während der Volksfront 1936, aber erst recht nach dem Zweiten Weltkrieg setzten die Politiker, allen voran Charles de Gaulle, sämtliche Hebel in Bewegung, die Kinderzahl wieder zu erhöhen.

Das geschah mit klaren wirtschaftlichen Hintergedanken. Während Deutschland seit den sechziger Jahren die Arbeitsimmigranten lockte, gingen die Regierungen unter Georges Pompidou und später Giscard d’Estaing daran, die Frauen als industrielles Reserveheer zu mobilisieren. Neben der höchsten Frauenerwerbstätigkeit in Europa erreichten sie damit, dass Frankreichs Bevölkerung von 1950 bis 2000 um 18 Millionen gestiegen ist – eine mehr als doppelt so starke Wachstumsquote wie in Deutschland oder Großbritannien. Zudem sind Kinder auch gesellschaftliche Prestigeobjekte. "Verantwortliche Personen in gehobenen Stellungen", sagt Demograf Chesnais, "haben mit Kindern einen deutlichen Vorsprung an Glaubwürdigkeit."

Das macht das Leben für die Frauen nicht eben leicht. Völlig selbstverständlich muss jede Französin die Erwartung erfüllen, mindestens zwei Kinder zu erziehen, im Beruf Erfolg zu haben, intelligent zu sein und gut auszusehen – und abends ihrer Familie noch ein gutes Drei-Gänge-Menü vorzusetzen. Nur in einem zeigen sich Französinnen ähnlich dünnhäutig wie ihre europäischen Nachbarinnen: Der Kinderwunsch ist auch konjunkturabhängig. Nach langem Kinder- und Wirtschaftsoptimismus bis 2001 war bereits im ersten Krisenjahr 2002 die stolze Geburtenziffer um 8000 Babys gefallen.