die zeit: Gestresst, ausgebrannt, psychisch angeschlagen: Viele Menschen fühlen sich von Beruf und Privatleben überfordert. Woran liegt das?

Dieter Frey: Das hat viele Ursachen. Aber grundsätzlich liegt es daran, dass sich unser Leben extrem schnell verändert. Nichts scheint mehr sicher, vorhersagbar, beeinflussbar. Das erzeugt ein Gefühl von Kontrollverlust. Die Menschen verlieren den Boden unter den Füßen.

zeit: Das klingt sehr allgemein. Wenn Sie als Wirtschaftspsychologe in die Unternehmen und Firmen hineingehen, was finden sie konkret an Stress- und Angstmachern vor?

Frey: Im Wesentlichen schlechte Mitarbeiterführung. Die meisten Chefs haben wenig Ahnung von Menschenführung. Sie sind nicht in der Lage, Sinn zu vermitteln, der Unsicherheit entgegenzusteuern oder auch gegenüber ihren Angestellten die Gebote der Fairness zu achten – bei Gehaltskürzungen oder Kündigungen zum Beispiel. Durch schlechtes Führungsverhalten wird der Druck nicht verringert, sondern gesteigert. Ich arbeite viel mit Managern zusammen, einer hat mal gesagt: "Früher konnte ich die Leute noch anschreien, heute muss ich sie überzeugen." Doch genau das hat er nie gelernt. Die Kunst der Menschenführung wird weder an den Unis noch an den Fachhochschulen gelehrt.

zeit: Sind nur die schlechten Führungskräfte schuld an der Misere?

Frey: Nicht ganz. Ich erlebe in Deutschland auch eine große Inflexibilität der Mitarbeiter, verbunden mit einer Riesen-Anspruchshaltung. Sie denken nur an ihre Rechte und haben vergessen, dass man sich auch als Mitarbeiter immer weiterbilden muss, auch im Urlaub und am Feierabend, ohne dass die Firma das bezahlt.

zeit: Aber genau da stecken doch die Stressoren: lebenslanges Lernen, ohne zu wissen, wofür. Viele haben zu Recht Angst um ihren Arbeitsplatz.