Es gibt Abende, da möchte Serapio alles hinwerfen. Seine Gitarre, seinen Sombrero, die Kluft mit den Blechnieten und seine ganzen Lieder. Einfach alles. So wie gestern, als es wieder passierte. Auf dem Heimweg um vier Uhr morgens in einer der dunkel drohenden Seitenstraßen von Mexiko-Stadt. Zwei Männer, eine Pistole, keine Chance. 600 Pesos, die Ausbeute eines ganzen Tages, wechselten ihren Besitzer. Doch das war gestern. Heute ziehen Serapio Esparza Vásquez und seine Mitstreiter wieder über die Plaza Garibaldi und schluchzen ihre Mariachi-Melodien in die Nacht. Ni modo , was will man machen. In ihren abgewetzten schwarzen Anzügen erinnern die vier Mestizen an alte Raben auf der Suche nach ein paar Brotkrumen. Sie beschwören die Liebe und die Schönheit, die Heimat, die Revolution und den Tod. Applaus bekommen sie selten. Doch darum geht es nicht. Es geht ums Überleben in der größten Stadt der Welt – und um die Seele Mexikos.

Wer etwas zu feiern hat in Mexiko-Stadt, wer verliebt ist, traurig, verzweifelt oder in irgendeiner Stimmung, die sich ohne Musik nicht ertragen lässt, der geht auf die Plaza Garibaldi. Das zwischen Bierschenken, Garküchen, Tanzschuppen und einer sechsspurigen Verkehrsachse eingekeilte Karree am Rand des historischen Zentrums ist ein riesiger Markt. Doch auf ihm handelt man nicht mit Hühnern oder Melonen. Seine Ware ist das akustische Herzblut Mexikos: Mariachi-Musik. Jeden Tag treffen sich auf dem Platz unzählige Kapellen und verkaufen ihre Lieder. Man mietet sie für ein Ständchen, eine Stunde oder für die ganze Nacht. Vor allem am Wochenende, wenn sich hier bis zu 2000 Mariachis Konkurrenz machen, brandet über der "Gari" eine schwindelerregende Kakofonie. Ein Strudel aus Gitarrenrhythmen und Geigenklängen, Trompetengeschmetter und Männerarien, der auch einmal Igor Strawinsky mitgerissen haben soll. "Das ist es, was ich mein ganzes Leben komponieren wollte!", habe der russische Komponist begeistert ausgerufen, erzählt man sich.

Schwankende Mütter tanzen hier mit ihren beschwipsten Töchtern

Auf der Plaza Garibaldi haben sie alle Platz: die Etablierten und die Ehrgeizigen, die Hedonisten, die Einsamen und die Gefallenen. Da sind die zwölfköpfigen Cowboy-Ensembles in bordeauxroter Galatracht mit schirmgroßen Sombreros und Zierknöpfen aus echtem Silber, die unter 15 Euro das Stück kaum zu haben sind. Da sind die Einzelgänger in norteño- Montur – Gitarristen mit Poncho über den Schultern und Zigarre zwischen den Goldzähnen, die aussehen, als wären sie gerade einem Italo-Western entstiegen. Da sind die Geselligen in makellosem Kostüm, für die der Tequila genauso wichtig ist wie die Musik. Und da sind die Männer vom Schlage Serapios, die täglich versuchen, genügend Pesos zusammenzukratzen, um sich und ihre Familien durchzubringen, Kapellen mit zerschossenen Ellbogen und ausgebleichten Halsschleifen, deren Geigen manchmal aufjaulen wie aus dem Weg getretene Straßenköter.

Gelegentliche Misstöne werden jedoch immer verziehen, solange das Bärtchen akkurat gestutzt und die Pose muy macho ist. Solche Nachsicht mag auch auf die Wirkung des Alkohols zurückzuführen sein, denn Abstinenz ist der Plaza Garibaldi fremd. Hier trinkt man. Vorsätzlich und mit Vergnügen. Das gilt nicht nur für die vielen Schattengestalten, die der Platz unweigerlich anzieht und die auf ihm Zuflucht vor der Ernüchterung des Morgengrauens suchen. Auf dem Areal stimmen auch Familienväter umso inbrünstiger in ihre Lieder ein, je heftiger ihnen der Alkohol zu Kopf steigt. Schwankende Mütter tanzen mit ihren beschwipsten Töchtern, Liebespaare turteln in ihren Klangwolken, und zuweilen steuern Stocktrunkene ihr Auto an den Rand der Plaza Garibaldi, um sich und der nicht weniger bezechten Geliebten eine Serenade zu spendieren. Die Jugend gönnt sich zusätzlich ein paar toques – Stromschläge aus einem merkwürdigen Aggregat mit zwei Kabelsträngen, an deren Ende je ein Metallstab angebracht ist. Zwei Mutige ergreifen die Stäbe, der Rest fasst sich an den Händen, und schon lädt sich der vor Vergnügen kichernde Reigen elektrisch auf. Ein paar Pesos kostet der Spaß.

Serapio fingert einen Zettel aus seiner Jacketttasche und notiert die letzten Lieder für die Rechnung. Tierra de mis amores, El Triste und Las Mañanitas. 60 Pesos hat der Kurzauftritt in der Bar Moravia gebracht, gut sechs Euro. Damit kann sich seine Band ein Essen in der Markthalle nebenan leisten. Tortillas und Bohnenmus, ein Bier für jeden. Für Fleisch reicht es nicht. Ein paar Münzen gehen außerdem an den Schuhputzer. Polierte Stiefelspitzen können für einen Mariachi-Musiker wichtiger sein als ein voller Magen. Nein, ein einfaches Leben sei das nicht auf dem Platz, klagt Serapio und schiebt sich den Sombrero in den Nacken. In seine Stirn haben sich die Falten wie Baumringe eingraviert. "Vor allem, wenn man die 70 hinter sich und die Arthritis in den Fingern hat." Und überhaupt balgten sich immer mehr Kapellen um immer knickrigere Kunden. Dafür werde der Tequila teurer. "Aber was will man machen? Die Stadt ist ein Ungeheuer. Da muss jeder sehen, wie er sich durchschlägt", sagt der hagere Gitarrist der Combo Querido México. Dann hält er inne, rückt seinen Hut zurecht und legt die Hände an die buchdeckelgroße Gürtelschnalle. Wie ein Pistolero, dem gerade eine letzte Wahrheit dämmert, fügt er leise hinzu: "Aber solange es Mexiko gibt, wird der Mariachi leben!"

Der Mariachi ist eine Musik der großen Gesten, eine aus Euphorie und Schwermut komponierte Welt voller Stolz und Selbstmitleid, Virilität und zarten Gefühlen. Sein Name, so behauptet eine viel verbreitete Legende, leite sich von mariage ab, dem französischen Wort für Hochzeit. Französische Soldaten hätten es geprägt, als sie die Musik während ihres Eroberungsfeldzugs Mitte des 19. Jahrhunderts auf Hochzeitsfeiern im westlichen Mexiko hörten. Eine schöne, aber falsche Theorie. Denn spanische Missionare erwähnten das Wort schon vor dem Intermezzo Frankreichs unter dem Habsburger Marionettenkaiser Maximilian in ihren Berichten über die Coca-Indianer. Die Ureinwohner der Provinz Jalisco gelten damit als die Vorfahren der Mariachi-Musik. Dann, nach der Ankunft der Spanier im Jahr 1519, lösten europäische Instrumente die Tonwerkzeuge der präkolumbianischen Kapellen ab. Abendländische Harmonien verdrängten ihre Fünftonskalen, und im Lauf der Jahrhunderte überlagerten die Elemente barocker Kammermusik, der Rhythmus westafrikanischer Sklaven und die Leidenschaft des andalusischen Flamenco die indigenen Wurzeln des Mariachi.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war der Mariachi ein bäuerliches Phänomen. Im weißen Gewand der Landarbeiter zogen die Musikanten durch das zentrale westliche Mexiko. Irgendwann heuerten sie auf einer Hazienda an und spielten dort für ein regelmäßiges Salär. Mit Beginn der mexikanischen Revolution von 1910 strömten sie in die Städte, verdingten sich auf öffentlichen Plätzen, kamen zu Geld und kleideten sich nun wie ihre einstigen Gebieter: In den zwanziger Jahren wurde der traje de charro , der Anzug des mexikanischen Herrenreiters, zu ihrem Markenzeichen – enge Hose mit Silberornamenten, kurze Jacke, bestickter Gürtel, Cowboystiefel, Halsschleife und Sombrero. Mehr als an alten Traditionen orientierten sich die Bands nun am Geschmack und an den Wünschen ihres Publikums. Dessen Einfluss ließ ihr Repertoire nach und nach zu einem unübersichtlichen Konglomerat heranwachsen, zu dem auch Walzer und Polkas gehören. Heute haben manche Mariachis bis zu 1000 Standards im Kopf.