Es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte. Als der vormalige Hamburger Innensenator Ronald Schill in seinem letzten Gespräch mit Ole von Beust drohte, mit gewissen (oder vermeintlichen) Informationen aus dem Intimleben des Hamburger Regierungschefs an die Öffentlichkeit zu gehen, hatte er zwei Enthüllungen zugleich im Auge. Zum einen ging es um die sexuelle Orientierung des Bürgermeisters, zum anderen um die Frage: Gibt es private Beziehungen, die im amtlichen und politischen Geschäftsbetrieb tabu bleiben müssen?

Wenn man sich einmal für eine Sekunde in die Rolle von Ronald Schill versetzt, könnte man durchaus fragen: Weshalb wurden in Hamburg der Innensenator (Schill) wie auch der Bausenator (Mettbach) öffentlich gerügt, als sie jeweils versuchten, ihrer Geliebten einen Posten zu verschaffen – und weshalb kann der politische Chef seinen "langjährigsten Freund" (so von Beust über Kusch) gleich zum Justizsenator machen? Schills Perfidie und Problem war es, dass die berechtigte Frage nicht gestellt werden konnte, ohne von Beust vorher zwangsweise als homosexuell zu outen. Außerdem war schwer zu entscheiden, was der eigentliche Inhalt seiner Drohung war – das Outing oder der Vorwurf des Nepotismus. In Erinnerung bleibt freilich, dass Ole von Beust in den beiden früheren Fällen (Schill, Mettbach) auffällig zurückhaltend blieb und dass man damals bereits gemunkelt hatte, es sei eben besonders schwierig, aus dem Glashaus mit Steinen zu werfen.

Der Hamburger Fall wirft schwierige Fragen auf, für die es noch keine gesicherten Regeln gibt – und zwar schon deshalb nicht, weil in den früheren Zeiten der bürgerlichen Demokratie noch niemand auf den Gedanken gekommen war, Intimbeziehungen könnten so offenkundig mit amtlichen Beziehungen verquickt werden, wie Schill das im Fall von Beust unterstellt – und zuvor selbst versucht hatte. (Schills damalige Lebensgefährtin sollte vor zwei Jahren Staatsrätin werden, was am Widerstand in der eigenen Fraktion scheiterte.) Die erste Frage lautet: Sollen diese intimen Verquickungen weiterhin tabu bleiben? Und zweitens: Wenn dieses Tabu aufrechterhalten wird – was kann man tun, um es durch Regeln und Verfahren zu stabilisieren?

Noch in den sechziger Jahren gab es selbst in privaten Unternehmen die ungeschriebene Regel, dass ein dauerhaftes Verhältnis oder eine Eheschließung zwischen zwei Mitarbeitern innerhalb einer überschaubaren Einheit der Firma dazu führte, dass einer der Partner sich versetzen lassen musste. Erst recht war dies der Fall, wenn einer der Partner zugleich der Vorgesetzte des anderen war. Die Logik der Regel leuchtete ein: Die anderen Mitarbeiter sollten nicht mit dem Gefühl oder der Befürchtung leben, sie könnten sich kein offenes Wort mehr erlauben; vor allem aber sollten sie nicht befürchten, sie würden in ihren Karriereerwartungen aus sachfremden Gründen hinter jenem Partner zurückgesetzt.

Mit der Lockerung ehelicher Stabilität mag eine gewisse Unübersichtlichkeit in diese Art von (Geschäfts-)Beziehungen gekommen sein, aber im Grunde hat das Tabu seine Plausibilität behalten – auch und erst recht in der Politik. Gewiss, in der Politik spielen Beziehungen – auch persönliche – eine besonders große Rolle. Sie sind oft kompliziert und ambivalent und haben viel zu tun mit Streit um die Macht wie um die Sache, mit offenem Kampf und mit Intrige, vor allem aber mit Ehrgeiz und Leidenschaft. Die relative Klugheit unserer Zivilisation besteht darin, dass sie sich informell darauf verständigt hat, dieses chaotische Beziehungsgeflecht – jedenfalls im amtlichen Verkehr – nicht auch noch mit geschlechtlichen Leidenschaften zu belasten.

Davon abgesehen, gibt es freilich auch noch ganz praktische Erwägungen: Wie soll in einem Regierungskollegium eine offene und kritische Diskussion stattfinden, wenn ein Minister, der einen Kollegen kritisiert, befürchten muss, damit zugleich den Intimpartner des Regierungschefs oder eines anderen Kollegen zu treffen? Wie sollte umgekehrt jener Partner des Regierungschefs einen Kollegen kritisieren, ohne dass dieser annehmen muss, er werde indirekt, aber in Wirklichkeit vom Regierungschef abgekanzelt? Wie soll eine sachliche Gesprächsatmosphäre entstehen, wenn das ganze Kollegium weiß: Zwei Leute in diesem Raum werden einander nie kritisch beurteilen? Schließlich aber: Wie soll ein Regierungschef ein Gremium unbefangen leiten können, wenn er ein Mitglied nie distanziert beurteilen kann?

Nun aber die viel schwierigere Frage. Wie soll etwas Selbstverständliches durch Regeln in dem Augenblick gewahrt bleiben, in dem es offenbar nicht mehr selbstverständlich ist? Als erste Regel gilt heute: Das Intimleben einer öffentlichen Person geht niemanden etwas an. Folglich ist es ausgeschlossen, jemanden vor einer Berufung in ein politisches Amt zu fragen: Wie hältst du es im Bett – und mit wem? Diese Regel hat freilich erst recht jenes alte Tabu zur Voraussetzung: Wer als Politiker verlangt, dass sein Privat- und Intimleben der öffentlichen Erörterung entzogen bleibt, trägt eine verschärfte Verantwortung dafür, dass seine politischen, erst recht aber seine amtlichen Beziehungen absolut freigehalten werden von seinen Intimbeziehungen. Man kann nicht beides zugleich haben – den Schutz der Intimsphäre und die Verquickung von Amt und Bett. Was privat ist, ist privat. Alles, was an einem Politiker politisch ist, muss jedoch rückstandslos erörtert werden können und dazu gehört selbstverständlich auch die Auswahl seines Spitzenpersonals. Tertium non datur – etwas Drittes gibt es nicht, auch keine Zwitterbeziehungen zwischen intim und öffentlich. Und weil die Übergänge fließend, aber nicht auszuforschen sind – wo hört die Freundschaft auf, wo fängt die "Beziehung" an? –, gilt zusätzlich: Jeder Politiker hat sich so zu verhalten, dass schon der schlechte Anschein vermieden wird.

Es entspricht der deutschen Übung, nach rechtlich exekutierbaren Regeln zu suchen. Tabus haben es aber an sich, dass der Versuch, sie regelmäßig juristisch perfekt zu verwalten, mehr Schaden anrichtet, als ihre gelegentliche Verletzung im Einzelfall. So auch im Fall von Beust: Da der Verdacht nun – Schill hin oder her – einmal öffentlich geworden ist, wird sich das Tabu – kommt Zeit, kommt Rat – von selbst sein Recht verschaffen.