So beginnt eine ganz normale Arbeitswoche für Hans Eichel: Die Unterhändler der Kommunen brechen den Kontakt mit ihm ab, weil sie sich von Schröders Chefsparer getäuscht fühlen. Sie wollen mehr Geld. Die ostdeutschen Länder verlangen Ausgleich dafür, dass die Hartz-Reformen ihre Bürger Kaufkraft kosten – mehr Geld. Aus Eichels Finanzministerium sickert heraus, dass die Subventionen dieses Jahr von 55 auf 59 Milliarden Euro steigen – mehr Geld. Und Bundesbankpräsident Ernst Welteke sagt öffentlich, wie es ist: Im kommenden Jahr wird Deutschland zum dritten Mal in Folge die Drei-Prozent-Hürde des Maastricht-Vertrags reißen. Da müsste schon ein großes Konjunkturwunder kommen, um die europäische Schande abzuwenden – ein kleines reicht nicht.

In der Leichtathletik bedeuten drei Fehlversuche das Aus, in der Euro-Zone hat sich ein Mitgliedsland als ordentlicher Haushälter disqualifiziert, wenn ein EU-Kommissar kommt, um in der heimischen Politik ein Wörtchen mitzureden. Und die anderen Euro-Länder können dem Delinquenten Milliardenstrafen auferlegen. Doch dazu wird es nicht kommen, weil auch Frankreich zum dritten Mal in Folge auf der Armesünderbank sitzt. Im Gegensatz zu den Deutschen, die in Brüssel eisernen Sparwillen geloben, geben die Franzosen keck zu, wieder einmal gefehlt zu haben. Wahlversprechen einzuhalten und Konjunkturspritzen zu geben ist ihnen allemal wichtiger, als den ohnedies ungeliebten Stabilitätspakt zu ehren.

Wie würden wir schimpfen

Man stelle sich einmal vor, wie die Deutschen auf die Nachbarn schimpfen würden, wenn Eichel tugendhaft geblieben wäre: Typisch, diese Gallier. Und über die Italiener, die nur mit allerhand Tricksereien unter drei Prozent bleiben, würden sich nordische Vorurteile ergießen. So aber sind die beiden zentralen EU-Länder die größten Sünder, und sie sind schon dabei, sich selbst den Ablass zu erteilen. Sollen doch die anderen Länder, von Finnland bis Spanien, so viel zetern, wie sie wollen.

Doch die Vertrauenskrise der Euro-Nationen ist da – bloß anders, als Euro-Gegner sie sich vorgestellt haben. Die Frage lautet nicht mehr, ob die Welt der neuen Währung traut, sondern ob die Euro-Länder einander noch genug trauen, um eine neue Verhandlungsgrundlage für die zukünftige Haushaltspolitik Europas zu entwickeln. Denn verloren ist der Konsens, den die damals sparsam-arroganten Deutschen allen anderen in den neunziger Jahren aufgezwungen hatten. Gerade weil Deutschland so hartnäckig war, hat die Währungsunion Enormes erreicht: Die Mehrzahl der Euro-Staaten hat ihren Haushalt in den Griff bekommen, und gegenüber dem Dollar hat sich die Währung behauptet. Deswegen steht und fällt die Union aber auch mit der Bundesrepublik – genauer, mit ihrer Haushaltsdisziplin.

Wenn es noch eines Beweises für die Krise bedurft hätte, dann hat ihn Göran Persson geliefert. Der schwedische Ministerpräsident versucht, seinen Landsleuten am 14. September ein Ja zum Euro abzuringen. Sein neuestes, geradezu verzweifeltes Argument: Auch nach einer Zustimmung müsse Schweden keineswegs schon wie geplant 2006 dem Euro beitreten. Vielmehr werde man sich den Zustand des Stabilitätspaktes genau anschauen und dann erst entscheiden. Mit anderen Worten: Auf Deutschland, den ehemaligen Währungs-Musterknaben, können wir uns nicht mehr verlassen.

Für dieses Jahr hat Hans Eichel gerade ein Defizit von 3,8 Prozent der Wirtschaftsleistung gemeldet. Wie immer kommt sein Geständnis in Raten – am Ende werden es wahrscheinlich mehr als vier Prozent sein. Es stimmt ja, dass er an allen Ecken spart. Doch die Geschichte lehrt: Die schlimmsten Fehler werden nicht in den Tiefen der Rezession, sondern auf den Höhen des Booms begangen. Deutschland hat es im vergangenen Aufschwung nicht geschafft, der Neuverschuldungsdroge zu entsagen, wie sich das die Euro-Länder doch gelobt hatten. Dass dies auch am Schuldendienst lag, den die Regierung Kohl vererbt hatte, interessiert die Nachbarn nicht. Auf jeden Fall gerät die Bundesregierung heute, im dritten Stillstandsjahr, in Bedrängnis – und bringt die gemeinsame Währung ebenfalls dorthin. Nun rächt sich alles auf einmal: Subventionen aller Art, an die sich die Begünstigten gewöhnt haben, der überteuerte Sozialstaat, investitionsfeindliche Regulierungen. Keine europäische Volkswirtschaft hat so sehr unter dem weltweiten Abschwung gelitten wie die deutsche, weil sich kein anderer Staat mit seinem sozialen Leistungsangebot derart überanstrengt hat.

In dieser Lage handelt die Bundesregierung genauso fahrlässig wie die Länder. Rot-Grün will in der Konjunkturflaute die letzte Stufe der Steuerreform um ein Jahr auf Anfang 2004 vorziehen – so weit, so gut. Wirklich sinnvoll ist das nur, wenn gleichzeitig Bund und Länder ihre Subventionen zusammenstreichen, damit sie den Steuerausfall von 16 Milliarden Euro wenigstens nach einigen Jahren wieder auffangen können. Doch in der Subventionsdebatte droht der Minimalkonsens. Schon klafft in Eichels Budgetentwurf für 2004 ein riesiges Loch. 29 Milliarden Euro Defizit stehen nur 25 Milliarden Euro Staatsinvestitionen entgegen – abermals bricht die Bundesregierung die Vorgabe des Grundgesetzes, mehr zu investieren, als an Schulden aufzunehmen. Und jeder weiß: Das ist noch schöngerechnet.